Auch, wenn man es im deutschsprachigen Bereich kaum wahr haben will, weil gewisse Filme hier fast schon übervermarktet wurden (ironischerweise in vollkommen nutzlosen Schnittfassungen): George A. Romero hatte auch eine Karriere zwischen seinen legendären Zombiefilmen! Wenn ich mich nicht täusche hat der gute Mann in einem "Splatting Image" - Interview, dass ich als junger Horrorfan mal im Netz fand und aufmerksam studierte, "Martin" als seinen persönlichen Lieblings bezeichnet. Nun kenne ich noch lange nicht alles vom Zombiepapa, aber Martin hat mich ob seiner Prämisse damals sehr neugierig gemacht, so dass ich den Film mit 17 und sehr guten Englischkenntnissen das erste Mal auf Youtube erlebt habe. und seitdem bereue, dass ich die DVD, die damals in einigen Kaufhäusern omnipräsent war, nie gekauft habe. Der Film hat genau die Melancholie, die mir als junger Freak zu eigen war und begleitete meinen Weg ins Freaksein im positiven Sinne. Und da sag mal noch einer, Horrorkino sei pädagogisch wertlos!
"Martin" ist eine arme Sau vor dem Herren. Ironisch, wenn man bedenkt, dass gerade er zu jenen Kreaturen gehört, die selbiger am meisten hassen dürfte: der fragil wirkende Jugendliche ist in Wahrheit ein 84 - jähriger Vampir - oder auch nicht, da hält sich Romero nebulös. Was der Zuschauer sich nur vom Sessel aus ermunkeln kann ist für seinen Großcousin, den erzkatholischen Metzgermeister Cuda, unumstößlicher Fakt, weswegen er den psychisch kranken jungen Mann mit harter Arbeit, einem kargen Leben und einem Gebet auf den rechten Weg zurückbringen will - bevor er ihm den Pflock durch's Herz jagd versteht sich.
Kann Martin sich jedoch nicht beherrschen, so droht ihm der Tod ohne vorheriges Gebet und dann heißt's schmoren, so die Logik des verbitterten alten Mannes. Cudas Enkelin Christina glaubt den ganzen Vampirmumpitz nicht und wüsste Martin am liebsten in psychiatrischer Behhandlung, während der immer wieder mit seinen nekrophil - mörderischen Trieben zu kämpfen hat und sich immer wieder in Morden, Leichenschändungen und blutigen Nachtmahlen ergeht. Die einzigen Kontakte zur Außenwelt neben seiner Cousine sind für Martin der örtliche Radiosender, bei dessen nächtlicher Talkshow er interessierten Hörern aus seinem verkorksten Leben berichtet sowie eine Kundin seines Cousins, mit der er eine Affäre beginnt, die zur Abwechslung mal nicht mit dem Durchbrechen seiner Triebe endet.
"Martin" ist so eine Art Proto - Maniac im Umfeld von Pittsburgh: der vom jungen John Amplas hervorragend hoffnungslos und allzu menschlich gespielte Bursche sucht den Film über Heilung von einem ihm anerzogenen Problem, vom "Monstersein", dass andere ihm so lange eingeredet haben, bis er selbst davon überzeugt war, ein Unhold zu sein. Romero streut ab und zu schwarzweiße Anspielungen in den Film ein, bei denen wir nicht sicher seien können, ob es Wahnvorstellungen oder Erinnerungen Martins sind und die jedes Vampirklischee bedienen, was Martin nicht verkörpert: zwar muss er Blut trinken, um zu überleben, doch verrichtet er seine Arbeit bei Cuda am Tag, wird weder von Knoblauch noch von Kruzifixen zurückgehalten und benutzt Betäubungsmittel und Rasierklingen statt seiner Zähne, wenn er auf Jagd geht.
Zudem ist das Blutsaufen kein grausamer Selbstzweck, sondern für den schüchternen Sonderling die einzige Möglichkeit, dem anderen Geschlecht näher zu kommen und man kommt als zuschauer recht schnell zu dem empathischen Entschluss, dass Martin therapeutische unterstützung braucht, während Cuda die postpubertären Eskapaden seines Schützlings am liebsten mit ihm zusammen tot, begraben und vergessen wüsste, um auch ja wieder die konservative Moral der aussterbenden Familie herzustellen. Mitunter wundert man sich, ob der Jungnosferatu nicht Romeros tragisches Stand in für junge Queere sämtlicher Coleur ist, da Martin bewusst Klischees über "seine Art" ablehnt, um Empathie wirbt und sich auch nicht klassisch männlich gibt.
So oder so ergibt sich das Bild eines Filmes, der das Problem es "Anderssein" dem des krankhaften Glaubens gegenüberstellt, der die Leute erst zu Monstern macht und sie dann nicht mal vom angerichteten Schaden heilen kann. Ohne je ansatzweise etwas von Martins Martyrium durchgemacht zu haben verstehe ich als Ex - Christ, wie hart es jemanden treffen kann, wenn sich die eigenen Probleme nicht durch Gebet und Frömmigkeit lösen lassen. Daher habe ich vor allem letzteres abgelegt, Martin wiederrum ist an beides gekettet und kann daher kein gesundes Individuum entwickeln.
Leider hatte der Film hierzulande das Pech, nur im Heimkino verwurstet zu werden. Immerhin aber ist "Martin" so aber auch indirekt die Ehre zuteil geworden, den Botschafter für den unterschätzten Romero zu mimen, den man im Gegenteil zu seinen damals teilweise noch illegalen Zombiefilmen auch mal im TV zeigen und mit dem man den Zuschauer von dessen künstlerischem Können überzeugen konnte, ohne allzu sehr zu verstören. Einige Handlungsstränge wie die aufkeimende Beziehung und Martins Verhältnis zur vom Großvater verstörten Christina und seinen Radiokontakten hätten für meinen Geschmack etwas tiefgehender behandelt werden können. Aber auch in der dargereichten Form wird die Isolation und Hoffnungslosigkeit unseres Protagonisten umso spürbarer und jeder menschliche Moment fühlt sich umso erleichternder an. Also, Kinder der Nacht, legt beim nächsten Vollmond die DVD ein, öffnet euch einen Wein eurer Wahl und seid euch Martins Beispiel sei Dank sicher, dass mit euch nichts falsch ist. Frei nach Sartre: "Die Hölle, das sind die anderen."