Mitte der 50er Jahre drehte Helmut Käutner vier Filme nach literarischen Vorlagen Carl Zuckmayers, unter denen "Ein Mädchen aus Flandern" (1956), das zwischen "Des Teufels General" (1955), "Der Hauptmann von Köpenick" (1956) und "Schinderhannes" (1958) in die Kinos kam, einen Sonderstatus einnimmt. Während die drei anderen Zuckmayer-Verfilmungen auf populären Bühnenstücken basierten, von denen "Der Hauptmann von Köpenick" und "Schinderhannes" während der Weimarer Republik und "Des Teufels General" direkt nach dem Krieg 1946 uraufgeführt wurden, entstand "Ein Mädchen aus Flandern" nach Zuckmayers aktuellem Roman "Engele von Loewen. Erzählungen", den der Autor im Jahr zuvor veröffentlicht hatte.
Folgerichtig unterschied sich dessen erzählerische Anlage erheblich von den Dialog lastigen Theaterstücken, die ihre Intention auf engstem Raum komprimierten, während die Liebesgeschichte zwischen einem deutschen Offizier und einem belgischen Mädchen einen Bogen über die Jahre des 1.Weltkriegs spannt, in dessen Verlauf es zu mehreren, teils zufälligen Begegnungen zwischen Angeline, genannt "Engele" (Nicole Berger), und Leutnant Alexander Haller (Maximilian Schell) kommt. Thematisch ähnelt „Ein Mädchen aus Flandern“ mehr Käutners Vorgängerfilm „Himmel ohne Sterne“ (1955), der ebenfalls von einer an den äußeren Umständen zu scheitern drohenden Liebe erzählte. Handelte dieser ganz aktuell von der Teilung Deutschlands nach dem Krieg, wirkte der Rückblick auf den ersten Weltkrieg - zumal unter dem noch unmittelbar vorherrschenden Eindruck der nationalsozialistischen Diktatur – vordergründig harmlos.
Trotz der sich am Ende zuspitzenden Dramatik, als sich Haller vor Gericht gegen den Vorwurf der Wehrkraftzersetzung wehren muss – er hatte als angehender Arzt einem feindlichen Soldaten geholfen – blieben die Anspielungen auf Hurra-Patriotismus, arrogante Offiziere und verlogene Helden-Verklärungen dezent. Die politischen Hintergründe oder despotische Militärführer wurden ausgeblendet und die Gräuel des Stellungskrieges nahmen nur wenige Minuten des Films in Anspruch. Stattdessen ging es im Hinterland der Frontlinie eher gemütlich zu, weshalb sich Leutnant Haller entscheidet, seinen Urlaub im besetzten Belgien zu verbringen, anstatt zu seinem Vater (Friedrich Domin), einem einflussreichen General, und seiner Schwester (Erica Balqué) nach Deutschland zu fahren. Der tatsächliche Grund ist Angeline, der er nur einmal am Anfang des Krieges begegnet war, die er aber nicht mehr vergessen konnte, nachdem sie ihm gegen die allgemeine Haltung der Einheimischen etwas zu Trinken gegeben hatte.
Käutner hielt sich an den Roman, blieb aber seinem eigenen Stil treu, der besonders in der emotional schlüssigen, ohne Klischees auskommenden Entwicklung der Beziehung von Engele und Alexander sichtbar wird. Gemeinsam mit der früh verstorbenen französischen Darstellerin Nicole Berger – Käutner legte viel Wert auf die Authentizität der unterschiedlichen Sprachen – verkörperte Maximilian Schell in seiner zweiten Hauptrolle ein überzeugendes Paar, dessen Liebe angesichts der Kriegswirren und des sonstigen Trubels um sie herum beinahe zurückhaltend wirkt. Zudem integrierte der Regisseur, der gemeinsam mit Heinz Pauck Zuckmayers Vorlage adaptierte, einige kritische Anspielungen, die ihre vollständige Wirkung nur mit dem entsprechenden Hintergrundwissen entfalten, das Mitte der 50er Jahre noch gegenwärtiger war. Alexander Haller widersprach mit seiner Schilderung vom qualvollen Tod eines bei der ersten Flandernschlacht 1914 gefallenen Kameraden dem „Mythos von Langemarck“, mit dem die Heerführung den Tod vieler junger Rekruten in einen heroischen Sieg wandelte – ein frühes Beispiel propagandistischer Verfälschung. Käutner setzte die Behauptung, die Soldaten wären mit dem Deutschland-Lied auf den Lippen begeistert fürs Vaterland in den Tod gegangen, in einer irreal wirkenden Sequenz um, die in Bilder der auf dem Schlachtfeld liegenden Leichen mündet.
Entscheidender für die Wirkung des Films ist Käutners kompromissloser Umgang mit der Sexualität, deren Gegenwärtigkeit nicht nur überraschte, sondern das moralische Selbstbild von dem sich fürs Vaterland aufopfernden Soldaten aushöhlte. Von Taktik oder Kriegszielen ist wenig zu hören, umso mehr von geplanten nächtlichen Abenteuern. Die Handlung findet größtenteils in einschlägigen Etablissements statt, auch das Gasthaus, in dem Alexander Angeline kennenlernt, ist für die entgegenkommende Haltung der Töchter des Hauses bekannt. Zwischen den deutschen Offizieren, die ihre Machtposition bei ihren amourösen Bemühungen im besetzten Belgien ausnutzen – gekonnt schmierig Gerd Fröbe in einer kleinen Rolle als Rittmeister – und den Frauen, die sich Vorteile davon versprechen, wirkt die Beziehung von Engele und Alexander wie ein Hort an Tugend, aber auch sie schlafen unverheiratet miteinander, was dem jungen Offizier mehr Anerkennung vom Ortskommandanten einbringt, als dessen militärische Leistungen.
Schon im zweiten Teil der „08/15“-Trilogie (1955) ließ Autor Hellmut Kirst keinen Zweifel an den promiskuitiven Interessen der Soldaten an der Front, aber der Film schilderte dieses Verhalten mit einem satirischen Gestus und ruderte die anrüchige Charakterisierung im dritten Teil („08/15 In der Heimat“ (1955)) wieder zurück. „Ein Mädchen aus Flandern“ integrierte seine Liebesgeschichte dagegen in die Normalität des menschlichen Bedürfnisses nach Sex, Essen und Feiern, an dessen Wahrheitsgehalt Niemand zweifeln wird, dessen Realität aber besonders in Filmen mit patriotischen Absichten bis heute geleugnet wird. Sowohl Zuckmayers Roman, als auch Käutners Verfilmung brachen Mitte der 50er Jahre damit ein Tabu, ohne diese Intention besonders zu betonen oder an einem Einzelschicksal zu dramatisieren. Im Gegenteil liegt die Qualität des Films in der Beiläufigkeit, mit der er vom Krieg und den Menschen erzählt, vom Tod und der Liebe oder einfach dem Versuch zu überleben. (8/10)