„Jetzt ist es die reichste Stadt im wilden Osten!“
Der achte Fall des komödiantischen Weimarer „Tatort“-Ermittlungsduos Lessing (Christian Ulmen) und Dorn (Nora Tschirner) setzt die lose Tradition der Feiertags-Specials fort, fand er sich doch auf dem prominenten Programmplatz am Neujahrstag 2019 wieder. Uraufgeführt wurde „Der höllische Heinz“, wie üblich von Murmel Clausen und Andreas Pflüger geschrieben, jedoch bereits im Dezember im Deutschen Nationaltheater Weimar. Auf dem Regiestuhl nahm Dustin Loose statt, der zuvor mit dem bisher besten Dresdner „Tatort: Déjà-vu“ innerhalb der Krimireihe debütiert hatte.
Schupo Lupo (Arndt Schwering-Sohnrey) trainiert für den „Ultraman“ und entdeckt beim Schwimmen in der Ilm die Leiche Wolfgang „Einsamer Wolf“ Webers, Indianerdarsteller und Betreiber der Westernstadt „El Dorado“. Dorn und Lessing nehmen die Ermittlungen auf und bringen in Erfahrung, dass Weber die Stadt, die für viele Hobbyisten ein Zuhause geworden ist, zu verkaufen plante. In „El Dorado“ gärt es schon länger: Rockerchef Nick Kircher (Martin Baden, „Der Sohn“) terrorisiert im Auftrag seiner Mutter, der skrupellosen Geschäftsfrau Ellen Kircher (Marie-Lou Sellem, „Brandmal“), mit seinen „Bones“ die in finanziellen Nöten steckende Touristenattraktion, Geschäftsführer Heinz Knapps (Peter Kurth, „Tatort: Das Haus am Ende der Straße“) findet den abgetrennten Schädel des Bullen Eddie in seinem Bett – eine Drohung nach Art der Mafia. Doch wer ist der Mörder Webers und woher rührt das Interesse der Kirchers an der Stadt? Lessing gräbt sich durch den undurchsichtigen Fall, während Dorn sich inkognito als Westernreiterin einschleust und sich Goldwäscher Odi (Hans-Uwe Bauer, „Sonnenallee“) sowie Reitshow-Chef Tom Wörtche (Christoph Letkowski, „Diaz: Don’t Clean Up This Blood“), der ein Auge auf sie wirft, vorknöpft…
Diesmal taucht man also in den Mikrokosmos einer Westernstadt ein, gedreht wurde in „Old Texas Town“ in Berlin-Spandau. Sog. Hobbyisten wie erwachsene Menschen, die Cowboy und Indianer spielen, bieten natürlich viel Anlass für schrullige und verschrobene Figuren, derer es in „Der höllische Heinz“ zahlreiche gibt. Dass diese nicht nur niedlich sind, beweist der eindrucksvoll inszenierte Prolog, in dem ein Lynchmob wütet. Clausen und Pflüger verweben diese Ausgangssituation und die einzelnen Versatzstücke zu einer Mischung aus Hommage an und Persiflage auf europäische Western, von klassischen grimmigen Italo-Western bis hin zur Western-Komödie à la Terence Hill. Für Cineastinnen und Cineasten sowie Genrekennerinnen und Genrekenner führt dies zu einigen amüsanten Wiedererkennungseffekten. Darauf scheint man sich bisweilen jedoch etwas zu sehr zu verlassen, denn der trockene, sarkastische Humor, für die die Weimarer „Tatorte“ ansonsten bekannt sind, bleibt oft auf der Strecke, der Wortwitz verliert sich eher in Klamauk.
Ein weiterer Schwachpunkt ist Martin Baden, dem man den Rocker/Biker Nick nicht so recht abnehmen mag. Zudem gab es die „Bones“ bis zur Übernahme durch die „Hell’s Angels“ 1999 tatsächlich, weshalb mir die Verwendung ihres Namens hier sehr fragwürdig erscheint. Und ist den Weimarern bisher der Spagat zwischen Humor und Spannung meist recht gut gelungen, bleibt die Krimihandlung in „El Dorado“ untergeordnet. Negative Charaktere sind schnell ausgemacht, die Frage der Täterschaft wird tendenziell egal. Stattdessen setzt man auf den Unterhaltungswert, den Kurioses wie Dorn in Cowgirl-Kluft und auf Pferderücken reitend oder ihre Gesangseinlage auf den Spuren Marlene Dietrichs, als sie „The Boys in the Back Room“ singt, mit sich bringt. Aus Dorns Undercover-Einsatz hätte man jedoch wesentlich mehr herausholen können, ihre Gesangsdarbietung erscheint leider wie Füllwerk. Auch der Western-Hommagen-/Persiflagen-Anteil fällt letztlich geringer aus als erhofft, auch diesbzgl. wäre mehr drin gewesen.
Verglichen mit den vorausgegangenen sieben Weimarer „Tatort“-Beiträgen musste „Der höllische Heinz“ doch einige Federn lassen. Als passable Unterhaltung für ein vom Jahreswechsel noch verkatertes Publikum geht er in Ordnung; die Originalität und Genialität, die Spannung und die überraschenden Wendungen und leider auch den hochfrequenten erfrischenden Humor manch zuvor gelösten Thüringer Falls lässt er jedoch vermissen.