India First
Das indische Kino wird im Ausland hauptsächlich mit Bollywood assoziiert. Dass es auch anders kann, zeigt der Anti-Terror-Actionfilm „Lethal Strike". Der hat weder die vermeintlich typischen Tanz- und Gesangseinlagen, noch den knallbunten Pop-Look. Dafür erinnert er an thematisch ähnlich gelagerte Streifen aus den USA, Russland und der Türkei, soll heißen der hier zelebrierte Patriotismus schrammt hart an der Grenze zum Nationalismus entlang, betont eindimensionale Sichtweise realer Ereignisse inklusive. Konkret geht es um den seit gut 30 Jahren schwelenden Kaschmir-Konflikt zwischen Indien und Pakistan. Beide Länder beanspruchen die Region für sich und haben darum mehrere Krieg geführt.
„Lethal Strike" greift eine berühmte Episode dieser Auseinandersetzung auf, als 2016 eine Gruppe schwer bewaffneter Rebellen einen indischen Militärstützpunkt in Pakistan stürmte und dabei 17 Soldaten tötete. Offiziell distanziert sich die Pakistan von dem Überfall, aber die Unterstützung und Ausbildung der von Indien als Terroristen wahr genommenen Rebellen war ein offenes Geheimnis. Ein offizieller Militärschlag hätte einen weiteren Krieg sehr wahrscheinlich gemacht, also befahl die indische Regierung einen verdeckten, chirurgischen Racheakt, bei dem in einer nächtlichen Kommandoaktion 8 identifizierte Terrorlager simultan ausgeschaltet werden sollten.
Regisseur Aditya Dhar lässt von Beginn an keinen Zweifel, wer in diesem Szenario die Guten und die Bösen sind. Der auf dramatische und Thriller-Rollen spezialisierte Vicky Kaushal mimt den hoch dekorierten Para Special Forces Major Vihaan Shergill als integren Patrioten, der sich wegen der Alzheimer-Erkrankung seiner Mutter in den Innendienst versetzen lässt. Ob Familienmitglieder, Freunde, Vorgesetzte, oder Untergebene, alle verehren den ebenso besonnenen wie tatkräftigen Offizier. Erst als sein Schwager bei dem Überfall auf Uri getötet wird, verlässt er die selbst gewählte Ruhe der Stabsbürokratie und meldet sich für das bevorstehende Kommando-Unternehmen. Persönliche Rache und Satisfaktion für das gedemütigte Vaterland sind dann auch die zentrale Motive, mit denen er seine Einheit auf die Mission einschwört.
Der fast zweieinhalbstündige Film ist unverkennbar als Epos angelegt und lässt sich viel Zeit, um seine indischen Protagonisten so sympathisch wie möglich zu zeichnen. Das nimmt dem in Kern als actionreiches Combat-Abenteuer angelegten Film immer wieder sein teilweise hohes Tempo, zumal Dhar hier zwar ausführlich erzählt, aber fast durchgängig an der Oberfläche bleibt. Demgegenüber erfährt man über den Gegner so gut wie nichts, so dass der aus der Ecke hinterhältiger Terroristen nie so recht heraus kommt. Lediglich am Ende werden auch Besprechungen und Einschätzungen der pakistanischen Führungselite gezeigt, was aber in erster Linie der Spannungssteigerung dient und zudem die Ahnungslosigkeit des Gegners heraus stellt.
Ein geschickter dramaturgischer Kniff ist die Unterteilung der Handlung in 5 Kapitel, bei denen Auftakt, Mittelpart und Finale betont auf Action setzen und so die beiden ruhigeren Episoden 2 und 4 einrahmen. Am meisten Raum bekommen dabei die Angriffe auf die indischen Stützpunkte in Kaschmir (Kapitel 3) und die schlussendliche Sühne-Aktion der indischen Special Forces. Die jeweiligen Actionszenen brauchen sich dabei nicht vor der internationalen Konkurrenz zu verstecken und sind druckvoll, spektakulär und grimmig inszeniert. Zwar gibt es keine extravaganten Einfälle, die eine ganz persönliche Handschrift erkennen ließen, aber handwerkliche Kompetenz ist durchweg vorhanden.
„Lethal Strike" war 2019 ein großer Box-Office-Hit in Indien und heimste eine Reihe heimischer Filmpreise ein. Das sagt allerdings mehr über den aktuellen Zeitgeist und die Einstellung gegenüber dem Kashmir-Konflikt aus, wie über die rein filmischen Qualitäten. Hier rangiert er im Kontext vergleichbarer Hurra-Patriotismus-Streifen aus anderen Ländern und bietet gut gemachte Genre-Unterhaltung in wertiger optischer Darbietung. Wer ein differenziertes Bild zeitaktueller Konflikt-Konstellationen, oder einen in irgendwie gearteten, analytischen Ansatz erwartet bzw. erhofft, wird hier aber sicher nicht fündig werden.