Review

Quasimordo

Fatih Akin weiß zu schocken, hat momentan scheinbar viel Wut im Bauch,
solche Brecher und Skandale sind im deutschen Kino eigentlich eher weniger Brauch.

Sein Film über Fritz Honka, Hamburger Serienmörder Mitte der 70er, hat Wucht und Chuzpe,
er tut teilweise richtig übel weh.

Ein Ekelpaket, realer Horror, unfassbare Brutalität und Kälte,
toll, dass Akin in Kauf nimmt, so manch eine Kritikerschelte.

Ebenso Buhrufe auf Festivals oder der Premiere,
dieser Kneipenalptraum hinterlässt viel, nur keine Leere.

Durch das Kino geht ein Raunen, manch einer verlässt früher den Saal,
doch für mich war es eine sehr fordernde, interessante „Qual“.

Der junge Jonas Dassler ist schlicht eine Sensation,
er wirkt wie ein noch fieserer Honka-Klon.

Eindeutig überzeichnet ist alles, immer ein gutes Stück drüber, knapp an der Parodie,
doch das Lachen und Schmunzeln bleibt oft nicht nur im Hals, es rutscht gleich Richtung Knie.

Da müssen selbst hartgesottene Horrorhunde öfters mal schlucken,
kein Film, den man auf dem ersten Date sollte gucken.

Es ist ein Schocker, mit gemeiner Power und Vollgas nach vorne,
da brodeln beim Gucken oft Furcht sowie Zorne.

Wie das Milieu und die Settings reanimiert wurden ist einsame Spitze,
da steckt der Dreck und Schmutz ganz tief in jeder Ritze.

Zum Glück gibt es kein Geruchskino in diesem Fall,
sonst würde man sicher durch so manch Kinoklo hören diesen gewissen Schall.

Akins Filme haben internationale Klasse und „Der goldene Handschuh“ ist perfekt produziert,
man muss nur aufpassen, dass man vor fehlender Menschlichkeit nicht erfriert.

Irgendwo zwischen „Maniac“ und dem neuen Lars von Trier,
man mag kaum glauben, dass das passierte gleich hier.

Ist das jetzt Liebesbrief oder Alptraumvision eines Landes, einer Stadt die er liebt?
Eins ist sicher: den Mann kriegt man nicht so leicht verbiegt.

Ein paar Kniffe sind etwas plakativ und billig,
doch bei solch einem erinnerungswürdigem Kinoerlebnis nehme ich das in Kauf, recht willig.

Denn heutzutage meint man ja man hätte alles gesehen, nichts kann mehr schocken,
doch dann kommt der Akin daher und läutet am Kiez mal eben die Glocken.

Der leicht satirische, diabolisch-alptraumhafte Anstrich verleiht noch mehr Unbehagen,
gerade weil das Böse kaum Hintergründe hat, man spärlich bekommt Antworten auf seine Fragen.

Spielt es wirklich eine Rolle warum dieser Mann wurde zum Tier?
Ist es nicht wesentlich effektiver und realistischer, dass das Böse ist einfach hier?

Keine Gründe wie Alkohol, keine Krankheit, keine kaputte Kindheit müssen da konstruiert oder ausstaffiert werden,
wenn man nicht weiter weiß, wenn die gescheiterten Existenzen durch diese monströsen Hände sterben.

Fazit: man o man, was für ein Brett... Fatih Akin ist mit „Der goldene Handschuh“ ein wirklich unangenehmer Tiefschlag gelungen, der aber (zumindest für mich) noch mehr bietet als nur Ekel, Perversitäten, Schock. Harter Horror, tabubrechender Tobak, perplex machende und perfekt inszenierte Charakter- und Milieustudie. Manchmal nah an der Satire, was den Biss und das im Hals stecken bleibende Lachen noch bitterer macht. Mit einem jungen, mutigen Ausnahmetalent im brutalen Fokus. Modernes Bahnhofskino. Gehört nicht verboten, gehört drüber gesprochen. Heftig und polarisierend! 

Details
Ähnliche Filme