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Ein Fremder mit Namen - Chuck ist Norris


Die Sonne im Nacken, den Hut im Gesicht, die Hand am Colt, den Staub auf den Stiefeln und dazu ein schreiender, peitschender Gitarrenscore, wer denkt da nicht sofort an Clint Eastwood in Leones Dollar-Trilogie? Tja, so kann man sich täuschen. Der Mann, der hier breitbeinig auf einem Felsvorsprung steht und eine Bande mexikanischer Banditen allein mit seiner Präsenz in Angst und Schrecken versetzt, hat durchaus einen Namen, ja sogar einen Spitznamen. Man nennt ihn "McQuade der Wolf".

Chuck Norris wollte schon immer mal einen richtigen Western drehen und so großen Vorbildern wie Wayne oder Cooper nacheifern. Dummerweise war das einst so stolze Genre in den 1980er Jahren so tot wie Wyatt Earps Gegner am O.K. Corral. Lediglich Clint Eastwood schaffte es irgendwie seinen ganz speziellen Italo-Western-Mythos nach Übersee zu retten und ab und an ein Lebenszeichen in die verödete Prärie zu peitschen. Aber dass der einsame Pistolero mit archaischem Moralkodex durchaus auch in der Gegenwart funktionieren konnte, hatte ebenfalls Eastwood mit seinem zweiten Alter Ego Dirty Harry bewiesen. Also warum nicht einfach den LA-Cop und den Mann ohne Namen fusionieren?

Witzigerweise war das Skript aus dem später LONE WOLF McQUADE entstehen sollte zuerst für Eastwood vorgesehen gewesen, der aber andere Pläne hatte. Norris sah darin die Chance endlich das Image zu etablieren, das ihm schon lange vorschwebte. Nach seinen ersten Independent-Erfolgen hatte die Zusammenarbeit mit dem Major-Studio MGM nicht die gewünschten Resultate gebracht, weder künstlerisch noch finanziell. Norris beschloss, seine Karriere wieder mehr selbst zu steuern, was aber auch bedeutete, dass er nun wieder persönlich nach passenden Stoffen und zur Umsetzung bereiten Geldgebern suchen musste. Ein Neo-Westernstoff, noch dazu mit dem Martial Artisten Norris in der Hauptrolle war allerdings nicht gerade leicht vermittelbar.

Letztlich mussten die beiden Norris-Brüder und der inzwischen an Bord geholte Regisseur Steve Carver den auch heute wieder populären Weg des Crowdfunding gehen, aber zumindest fand man mit Orion Pictures einen potenten Verleiher. Natürlich musste man sich budgettechnisch ordentlich beschränken und mit knapp $5 Millionen auskommen. Bei einem Projekt mit mehreren groß angelegten Actionsequenzen und entsprechend zahlreichem Personal eine durchaus sportliche Herausforderung. Carver war in dieser Hinsicht doppelt wichtig. Erstens hatte er schon einige Genre-Erfahrungen gesammelt, u.a. auch bei Norris bis dato besten Streifen DER GIGANT, zweitens sorgten Carvers Name und Beziehungen für einen mehr als stimmigen Cast. Vor allem die Freundschaft zu David Carradine sollte Norris einen der besten Gegner seiner gesamten Karriere bescheren.

Carradine hatte sich durch seine Rolle in der TV-Serie KUNG FU (1972-75) eine veritable Fangemeinde erprügelt und war unter Promotion-Aspekten ein Volltreffer. Schließlich sollten ja nun zwei absolute Pioniere der Etablierung asiatischer Kampfkünste gegeneinander antreten. Dass die beiden völlig unterschiedlichen Charaktere (offen und gesellig der eine (Norris), verschlossen und abweisend der andere) sich so gar nicht leiden konnten und jeweils abfällig über die Künste des anderen äußersten (Norris hielt Carradine für einen Martial Arts-Amateur und Carradine Norris für einen Schauspiel-Dilettanten), befeuerte den Reiz der filmischen Auseinandersetzung nur noch zusätzlich. 
Die übrige Besetzung war zumindest solide. So wurden neben Carradine ein paar weitere Namen aus dem Dunstkreis von Exploitation-Papst Roger Corman verpflichtet sowie gestandene B-Mimen wie Leon Isaac Kennedy Robert Beltram und Sam Peckinpah-Dauergast L.Q. Jones angeheuert. Dazu kam dann noch Barbara Carrera als erotischer Blickfang. Obgleich ihr wirklicher Durchbruch erst wenige Monate später mit dem 007-Revival Sean Connerys kommen sollte (SAG NIEMALS NIE), ist ihr ganz spezieller luderhafter Pin-up-Charme auch hier eine Bereicherung.

In erster Linie geht es hier aber um die Figur des rüden Texas Rangers McQuade. Daran lassen Norris und Carver auch nicht den geringsten Zweifel aufkommen und bescheren der Figur einen Auftakt, der am mythischer Überhöhung fast groteske Züge trägt und gerade deshalb so viel Spaß macht. Neben visueller Präsentation und knallharter Action ist dafür vor allem der Score des Italieners Francesco de Masi verantwortlich. Sein hymnisches Titelthema ist ein schamloses aber ungemein eingängiges Morricone-Plagiat und untermalt zahlreiche (Auf-)Tritte des wortkargen Helden. Zu Beginn ist das die Zerschlagung oder besser Zerballerung einer personalstarken Bande mexikanischer Pferdediebe mit gleichzeitiger Befreiung eines halben Dutzends überwältigter Ranger-Kollegen. Norris kommt hier wie das jüngste Gericht über die bemitleidenswerten Schmieren-Schurken und ist hier ganz nebenbei auch noch als Trendsetter unterwegs. Jedenfalls zeigte sich kein geringerer als Arnold Schwarzenegger offenbar inspiriert von der wölfischen Abrissbirne und brannte in COMMANDO ein fröhliches - und auch noch deutlich epischeres - Gedächtnis-Inferno ab. Insbesondere bereitete Carver seinem Star damit aber auch den Weg für dessen spätere Cannon- aber auch TV-Karriere, in der er mit James Braddock (MISING IN ACTION-Trilogie), Matt Hunter (INVASION U.S.A.), Scott McCoy (DELTA FORCE 1 + 2) und vor allem Cordell Walker (WALKER, TEXAS RANGER) nur geringfügige Variationen des McQuade-Charakters zu der Norris-Figur vermengte, die seinen Kultstatus begründen und zementieren sollte.

Die zugrundeliegende Story ist dementsprechend simpel gehalten, die Gut-Böse-Schemata ohne störende Grauzonen und das neben McQuade ähnlich eindimensional wie der Titelheld. Klassisches B-MovieTableau also, was aber bestens aufgeht. Die Handlung um einen brutalen Waffenschieberring und deren Anführer Rawley Wilkes /Carradine) wird recht wendungs- und vor allem abwechslungsreich abgespult. Die fast ausschließlichen Außendrehs im sommerlichen Texas vermitteln eine authentisch staubige Westernatmosphäre und die vielen Actionszenen sind gut über die gesamte Filmlänge verteilt. Norris ist hier nicht nur als Kampfsportler gefragt, sondern hantiert hier vornehmlich mit allerlei Schusswaffen und Pyrotechnik. Das ist angesichts der niedrigen Produktionskosten erstaunlich spektakulär und druckvoll in Szene gesetzt und variiert in Aufbau, Länger und Ausrichtung. So ist von Schießereien, über Autoverfolgungen bis zu Faust- und Martial-Arts-Kämpfen ein breites Spektrum an Attraktionen geboten. Regisseur Carver und Stunt-/Kampfkoordinator Aaron Norris sind ein eingespieltes Team und harmonieren zudem perfekt mit Chuck Norris. Da ist es besonders schade, dass es zu keiner dritten Kollaboration kam, zumal neben McQUADE- DER WOLF auch DER GIGANT zu den besten Noris-Vehikeln zählt.

Die Kritikernase wurde natürlich dennoch ausgiebig gerümpft, wie das eben bei B-Movies mit simpler Law-and-Order-Genetik so üblich ist. Das Motto „Erst schießen und fragen wollten wir sowieso nicht“ ist sicherlich keine nachahmenswerte Lebens- oder Konflikbewältigungsstrategie, aber angesichts der offenkundigen Comicstrip-DNA des Films nun auch wirklich nichts, was den normalen Kino- und Filmkonsumenten zur Weltbildkorrektur motivieren wird (oder soll). Auch die cheesige Lovestory zwischen dem ungleichen Paar Norris und Carrera inklusive vergessenswerter Dialoge und lustiger Schlammknutscherei ist keineswegs peinlich, sondern aus Norris-kultiger Sicht geradezu ein Leckerbissen. Das sahen wohl auch die allermeisten Fans so.
Nach Norris recht ernüchternden Erfahrungen mit den Major-Studios zeigte die Erfolgskurve jedenfalls wieder erkennbar nach oben. In Deutschland fanden sogar mehr als 1 Million Wolfsanhänger den Weg in die Lichtspielhäuser. Und tatsächlich ist LONEWOLF McQUADE der bis dato beste Streifen des haarigen Karatemeisters. Das liegt nicht nur an Carradines gekonnter Schmierlappendarstellung und dem tollen finalen Martial-Arts-Fight. Es liegt vor allem an der nun endlich gefundenen Idealfigur für Chuck Norris. Nein gemeint sind nicht Vollbart und Wumme, wobei diese Utensilien keineswegs unterschätzt werden sollten, sondern der zur mythischen Einzelkämpfer-Lichtgestalt erhöhte Vigilant mit der Ausstrahlung des netten Holzfällers von nebenan.

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