Mit nicht viel zeitlichem Abstand an die Ereignisse der Staffel 2 anschließend gibt es nach dem gewaltsamen Tod einer Frau erneut Anlaß zur Bildung einer SOKO im deutsch-österreichischen Grenzgebiet: die Hüttenbesitzerin war abends im Wald angekettet und verbrannt worden. Ihr Freund, der kurz nach ihr am Haus eintraf, hörte ihre Schreie, konnte sie jedoch nicht mehr retten und geriet vielmehr selbst ins Fadenkreuz des unbekannten Mörders, der auf ihn schoß. Hauptkommissarin Ellie Stocker (Julia Jentsch), die ihren Dienstausweis wieder erhalten hatte, leitet die Untersuchungen als deutsche Verbindungsbeamtin in Salzburg.
Hierbei muß sie erneut mit Kommissar Gedeon Winter (Nicholas Ofczarek) zusammenarbeiten - doch diesmal steht sie dem Wiener Exilanten fast schon feindlich gegenüber, hatte sie doch auf den Bildern einer Überwachungskamera gesehen, wie dieser ein wichtiges Beweisstück (unter seinem Mantel verborgen) aus der Asservatenkammer geschmuggelt hatte - mit dem dafür erhaltenen Schmiergeld hatte er sich eine teure Operation ermöglicht (Ende Staffel 2). Stocker hatte diesen Sachverhalt auch angezeigt, doch da die Kamerabilder nicht für eine Anklage ausreichten, blieb ihr letztendlich nur unterdrückter persönlicher Groll. Nun ist sie allerdings dienstlich gezwungen, wieder auf Winters Spürsinn zu setzen. Der hat allerdings erst einmal andere Dinge im Kopf, kümmert sich weniger um den Fall (bei dem es bald eine weitere Leiche gibt) sondern widmet sich den homoerotischen Zeichnungen des Kunstmalers Oskar Koschlik. Für dessen "Schlafende Knaben" entwickelt er bald eine regelrechte Obsession und muß von Stocker förmlich dazu aufgefordert werden, sich um die aktuellen Fälle zu bemühen.
Dort geht es allerdings nicht recht weiter, die erste heiße Spur des schließlich im Wald gefundenen Projektils vom ersten Mord führt zwar zu einem rechtsextremen "Reichsbürger", doch kommt dieser als Täter zunächst nicht infrage - vielmehr deutet im Verlauf der Ermittlungen wieder einiges auf eine uralte, mittelalterliche Sage hin, deren heutige Nachfahren in den Reihen einiger Satansjünger zu finden sind...
Auch der dritte Streich der Alpensaga Der Pass spielt wieder in und um die tiefen, undurchdringlichen Wälder im Bayerisch-österreichischen Grenzgebiet zwischen Salzburg und Freilassing im Berchtesgadener Land. Obwohl die Regie von Boss/Stennert (Der Pass - Staffel 1 und 2) nunmehr zum Duo Schier/Kiennast wechselte, ist kaum ein Bruch in der bildlichen Darstellung der Düsternis dieser Gegend zu bemerken: auch diesmal wurden die Farbfilter weit zurückgedreht, bis manche Szenerie nur noch in einem verwaschenen Braun erscheint. Auch diesmal serviert die Regie dem Publikum kleine Häppchen, deren Bedeutung sich erst viel später erschließt (beispielseise ein Würfel mit dreieckigen Flächen, der vor jedem Mord ausgeworfen wird), und auch diesmal sorgen zahlreiche Rückblenden (und teilweise Vorgriffe auf spätere Ereignisse) für einen Erzählfluss, der zwar eine gewisse Aufmerksamkeit erfordert, den Spannungsbogen aber stets oben hält. Daß Kameraführung und Post Production wieder auf den Punkt genau das wiedergeben, was zum Binge-watchen animiert, zeichnete bereits die ersten beiden Staffeln aus. Und dennoch wurde inhaltlich diesmal ein anderer Weg beschritten: der unheimliche Täter bleibt lange Zeit unbekannt. Man sieht ihn schemenhaft von hinten bei seinen Morden, aber seine Identität, von manchen als 'Satan höchstpersönlich' beschrieben, bleibt - im Gegensatz zu den ersten beiden Staffeln, in denen der Täter schon sehr früh bekannt war - wortwörtlich im Dunklen.
Bezüglch der Hauptdarsteller präsentiert sich die mental immer noch angeschlagene Ellie Stocker mit zunehmender Dauer dann wieder auf die aktuellen Fälle fokussiert und schluckt ihren Groll gegen Winter vorerst hinunter, nachdem sie mitbekommt, daß dieser psychisch noch viel größere Probleme hat als sie. Vielmehr Sorgen bereitet der toughen Kommissarin, die heimlich mit einem Salzburger Kollegen liiert ist und auch Sex haben darf, das erneut forsche Auftreten des um Exklusiv-Neuigkeiten buhlenden Journalisten Charles Turek (Lucas Gregorowicz), der wieder einmal das Gras wachsen hört, seine Neugier aber zwischenzeitlich mit einem Krankenhausaufenthalt bezahlt.
Kommissar Winter dagegen spürt unangenehmen Erlebnissen seiner Kindheit nach (die ihn kurzfristig bis nach Italien führen), hat einen erhöhten Bedarf an Schmerzpflastern und muß nebenbei auch den Tod seiner Mutter verarbeiten, zu der er zeitlebens ein zwiespältiges Verhältnis hatte. Zahlreiche Ermittler auf bayrischer und Salzburger Seite inklusive des Profilers Ressler (Martin Feifel) kennt man ebenfalls aus den früheren Staffeln - sie machen ihren Job unauffällig und damit authentisch.
Dies schafft genügend Raum für die Darstellung der Morde, in diesem Fall schon für die teilweise Zelebrierung derselben (Sichworte: Feuer - Runen - Okkultismus - Satanismus), welche wieder einmal äußerst brutal ausgeführt und vom Mörder auch noch fotografiert werden. Dennoch sind es nicht diese, übrigens nie zum reinen Selbstzweck dargestellten Morde, sondern vielmehr die düstere Atmosphäre, in welcher diese stattfinden ("Da ist etwas Böses. Da gehe ich sicher nicht mehr hin."), die die Spannung auch dieser Staffel ausmachen.
Daneben finden sich einige ebenso kurz wie prägnant angerissene Subplots, die die Geschichte wirkungsvoll unterfüttern und die 8 Episoden zwischen je etwa 40 und 45 Minuten Laufzeit zu einem kurzweiligen Krimigenuß machen: da ist die stumme Mutter eines Verdächtigen und ihr Leid nach dessen Selbstmord, da gibt es eine junge Anwältin, die eine Protestgruppe gegen den Bau von Luxusapartments in einem Naturschutzgebiet berät und trotz vehementem Einsatz scheitert, und da wäre der Reichsbürger Andreas Haas in seinem abgezäunten Areal (eine undankbare Rolle für Frederic Linkemann als Parade-Nazi mit abgerichtetem Schäferhund), der auch kurz sattsam bekanntes Geschwurbel absondern darf.
Für die ausgefeilte Bildregie sprechen - neben anderen - hier beispielhaft 2 kleine, kurze Szenen, die einem über das Staffelende hinaus noch einige Zeit im Gedächtnis bleiben: zum einen zu Beginn der Motorradfahrer auf der Pass-straße, dessen Bike ohne Fahrer aus einem Tunnel kommt und an einem Fels in Flammen aufgeht, zum anderen ein kleines, quengelndes Kind, das von der Mutter durch eine Badeanstalt fast gezogen wird, bis es auf einer großen Blutlache ausrutscht, die aus einer Badekabine rinnt. Und das sind nur zwei Beispiele mehrerer kurzer, aber umso eindrücklicherer Sequenzen.
Fazit: Auch diese 3. Staffel von Der Pass weiß durchwegs zu überzeugen und schafft damit, was nicht vielen Serien, Sequels etc. gelingt, nämlich erneut eine spannende Geschichte zu erzählen, ohne in irgendeiner Weise verbraucht oder sich wiederholend zu wirken. Einer nicht ausgeschlossenen weiteren Staffel positiv entgegensehend sind es auch diesmal wohlverdiente 8 Punkte.
Hier noch einmal eine Übersicht aller bisher (Stand 2024) erschienenen Staffeln:
Der Pass - Staffel 1 (2018) 8 Punkte
Der Pass - Staffel 2 (2022) 8 Punkte
Der Pass - Staffel 3 (2023) 8 Punkte