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kurz angerissen*

Wenn man nicht über die Mittel verfügt, eine große Science-Fiction-Vision in aller Pracht auf die Leinwand zu befördern, ist es eine beliebte Taktik, die visuellen Höhepunkte auf kurze Ausschnitte zu begrenzen und die restliche Laufzeit mit ihren Spuren auszuschmücken. Dann muss der Paukenschlag aber auch richtig sitzen, wenn es soweit ist. Fast noch wichtiger, das Drumherum sollte natürlich auch interessant gestaltet sein. Wer nur eine kurze Sneak Peek auf die sterbende Erde der Zukunft zu bieten hat und die übrige Zeit in ein wortkarges Kammerspiel voller ungezeigter Dinge investiert, sollte jedenfalls genug inhaltliche Substanz in der Hinterhand haben. Nur so lässt man sein Publikum verstehen, dass es um die Bilder im eigenen Kopf geht, nicht um die Bilder auf der Leinwand.

In beiderlei Hinsicht zeigt das Zwei-Personen-Drama "IO" Ambitionen, aber leider auch spürbare Defizite. Die unerfahren und dadurch relativ ausdruckslos wirkende Margaret Qualley ist eine zumindest ungewöhnliche Wahl für die schwierige Aufgabe, den ersten Akt eines Filmes ohne unterstützende Nebendarsteller völlig alleine zu bewältigen. Bei einer Big-Budget-Produktion mit einem Superstar wie Matt Damon unter der Hand eines etablierten Regisseurs wie Ridley Scott funktioniert so etwas natürlich ohne Weiteres; aber auch und gerade Indie-Regisseure wie Duncan Jones haben mit Filmen wie "Moon" eigentlich bewiesen, dass man mit dem richtigen Darsteller (in jenem Fall Sam Rockwell) die halbe Miete schon im Sack hat, möchte man sein SciFi-Konzept auf einer Solo-Performance aufbauen. Schaut man jedoch Qualley bei ihrem geregelten Alltag zu, wie sie auf ihrem luftigen Rückzugsort als futuristische Heidi Bienen züchtet und Daten auswertet, sieht man darin allenfalls eine Art Konsens der Art Science-Fiction-Literatur, die sich mit dem Ende der Bewohnbarkeit des Planeten Erde befasst, kaum jedoch eigene ausgereifte Ideen. Der große Sturm, der zunächst wie ein Bote des Todes dämonisiert wird, entpuppt sich rein audiovisuell als laues Lüftchen; die späteren Bilder ausgestorbener Urbanität muten wie computergenerierte Screenshots an, die mit ein paar dynamischen Effekten angereichert wurden.

Zu allem Überdruss wird es nicht unbedingt besser, als Anthony Mackie im Ballon zur Hauptdarstellerin stößt, also sozusagen der heimatverbundenen Heidi ihren Jules Verne serviert. Wenn Jonathan Helpert bei der Koordination seiner beiden Darsteller auch so etwas wie unerfüllte Romantik inszenieren wollte, dann ist es jene der trockenen Art, die lieber im Boden versinken würde als auch nur einen Hauch von ausgelebter Emotion zuzulassen. Schön, dass man damit die Kitschfalle umkurvt, aber als wäre die Atmosphäre ohnehin nicht bereits arm an Sauerstoff, gesellt sich eben auch noch die fehlende Chemie der Akteure dazu, die sich bei weitem nicht nur auf eine potenzielle Liebesgeschichte beschränkt, sondern auch ins Thematische eindringt.

Grenzen erschaffen Möglichkeiten; die müssen aber auch genutzt werden. "IO" wirkt wie eine eine Schraffur, nur eine Vorstufe zum fertigen Produkt. Inhaltlich ist es sinnvoll, nicht alles bis ins Detail auszubuchstabieren, aber wenn selbst das Konzept unfertig wirkt, vermögen auch die diffusesten Andeutungen nicht die Fantasie anzuregen.

*weitere Informationen: siehe Profil

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