Review

Wenn ein Roman packend geschrieben ist, taucht man eine Weile unweigerlich in die Welt der Hauptfigur ein. Wenn das Denken und Handeln jener Figur in den eigenen Tagesablauf projiziert wird, - wie würde er/sie in dieser Situation handeln, wird es bereits ein wenig problematisch. Verschwinden die Grenzen zwischen Fiktion und Realität noch weiter, ist die Psychose nicht weit, wie Co-Autorin und Regisseurin Ziska Riemann zu veranschaulichen sucht.

Mia (Victoria Schulz) jobbt als Kellnerin in einem Club und erhält neuerdings die Möglichkeit für ein Synchronstudio zu arbeiten. Hier spricht sie Kimiko, die Superheldin eines Mangas, die Stromquellen sehen und umwandeln kann. Nach einiger Zeit entdeckt Mia Parallelen zur Comicheldin und ist bald darauf davon überzeugt, ihre Stadt vor einem Blackout retten zu müssen…

Kein Wunder, dass Cosplay in Japan so beliebt ist, denn viele Mangafans kleiden sich wie ihre Vorbilder um dem grauen Alltag in kunterbunter Verkleidung zu entfliehen. Auch Mia entflieht diesem alltäglichen Einerlei, vor allem den Problemen in ihrer Familie.
Allerdings erhält man nie einen tieferen Einblick in das Wesen der grundlegend recht aktiven jungen Frau. Indem sie Probleme verdrängt und Zuflucht in der Figur der unbesiegbaren Heldin sucht, verliert sie folgerichtig zunehmend den Bezug zur Realität, wobei die Übergänge recht fließend sind.

Während sie den lethargischen Nachbarn Kristof (Hans-Jochen Wagner) zu ihrem Adjutanten auserkoren hat, welcher zur quirligen Mia zumindest zeitweise einen angenehm ruhigen Gegenpol verkörpert, wird es auf Dauer durchaus anstrengend, der One-Woman-Show zu folgen. Wie Lola-rennt-2.0 bewegt sie sich mit gelbem Mantel und blauer Perücke durch die Gegend und rettet im Verlauf tatsächlich einem Menschen das Leben, was allerdings nicht auf Superkräfte zurückzuführen ist. Zwar werden hier und da Hinweise auf übermenschliche Fähigkeiten gegeben, doch das Spiel bleibt durchschaubar.

Zwar ist im Verlauf recht viel Bewegung im Spiel, zumal Mia aka Kimiko zu zügellosen Aktionen neigt, was zwischen kuriosen Momentaufnahmen und Fremdschämsituationen pendelt, doch der Verlauf des Wahns wirkt ein wenig wahllos, einschließlich des Showdowns, bei dem Elektrizität natürlich eine entscheidende Rolle spielt. Die finalen Aufnahmen sind optisch stilvoll in Szene gesetzt, - denken mag man sich hinsichtlich des nicht eindeutigen Ausgangs seinen eigenen Teil.

Handwerklich ist der deutsch-belgischen Co-Produktion wenig anzukreiden. Die Kamera ist stets auf Höhe des Geschehens und speziell der sauber abgestimmte Score vermag die jeweilige Grundstimmung adäquat zu untermalen, so dass neben treibenden Beats auch einige gefällige Ambient-Einlagen zum Einsatz kommen. Darstellerisch sticht natürlich Victoria Schulz hervor, die mit viel Energie den zunehmenden Wahn verkörpert und dies auch mit vollem Körpereinsatz.

Während die erste halbe Stunde als unaufgeregtes Drama nicht allzu viel Lust auf mehr macht, gerät man, - sofern die anstrengende Hyperaktivität der Protagonistin nicht komplett auf den Senkel geht, in einen leichten Sog des Unberechenbaren. Das äußert sich zwar nicht wirklich elektrisierend, doch mithilfe der teils atmosphärischen Comiceinlagen, die sich phasenweise mit der Realität vermengen, ist zumindest die Motivation der vermeintlichen Heldin in Teilen nachvollziehbar.
Knapp
6 von 10

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