„Ich bereite gerade einen Vagina-Workshop vor!“
Zu einer der populärsten Serien-Eigenproduktion des US-Video-on-Demand- bzw. Streaming-Anbieters Netflix avancierte die britische Sexualdramödien-Serie „Sex Education“, die seit Januar 2019 bereitsteht und deren erste Staffel acht Episoden mit einer durchschnittlichen Länge von einer knappen Stunden umfasst. Die Regie führten Kate Herron („Daybreak“) und Ben Taylor („In the Flesh“). Inhalte sind das sexuelle Erwachen und die daraus resultierenden Wünsche, Träume und Irritationen Jugendlicher.
Ausgerechnet der 16-jährige Otis (Asa Butterfield, „Der Junge im gestreiften Pyjama“), Sohn der renommierten Sexualtherapeutin Jean Milburn (Gillian Anderson, „Akte X“), ist sexuell derart gehemmt, dass es noch nicht einmal zur Selbstbefriedigung reicht. Während Jean ihren Sohn interessiert beobachtet, ihre Erkenntnisse in ihre Forschungsarbeiten einfließen lässt und sich mit wechselnden Partnern vergnügt, ist Otis das alles hochnotpeinlich. Sein bester Freund Eric (Ncuti Gatwa, „Stonemouth - Stadt ohne Gewissen“) hingegen hat sich für das neue Schuljahr fest vorgenommen, seine Jungfräulichkeit abzulegen, jedoch ist die Auswahl potentieller Sexualpartner aufgrund seiner Homosexualität überschaubar. Wie fast alle Mitschüler fürchten sie sich vor dem soziopathischen Adam (Connor Swindells, „Keepers - Die Leuchtturmwärter“), der zudem Sohn des Schulleiters (Alistair Petrie, „Victor Frankenstein – Genie und Wahnsinn“) ist. Als dieser jedoch Hilfe in sexuellen Fragen benötigt, kann Otis ihm zunächst mehr schlecht als recht helfen, kommt die aus ärmlichen Verhältnissen stammende, als Schlampe verschriene Trailerpark-Bewohnerin Maeve (Emma Mackay, „Badger Lane“) aber auf die Idee, daraus Kapital zu schlagen: Otis erteilt seinen Mitschüler(innen) mehr oder weniger fachkundigen Rat und kassiert dafür ein Salär. Er ist schließlich selbst davon überrascht, wie rege seine Dienstleistung nachgefragt wird…
Während Teile der westlichen Gesellschaft immer prüder werden, übt sich „Sex Education“ in demonstrativer Offenheit ohne falsche Scham und ist damit zunächst einmal ein provokatives Statement. Dieses will jedoch mit Inhalt und Substanz gefüllt und untermauert werden, woran es zu Beginn noch hapert: Die Figuren erscheinen wie Abziehbilder, die Pointen sind plump. Im weiteren Verlauf schlägt die Serie jedoch einen Weg über frechen Brachialhumor (man denke an die Kotzparty in Episode 2 „wie im alten Rom“) hin zu differenzierteren Charakterzeichnungen, klügeren Gags und intelligenten, sexpositiven Aussagen ein, der in von immer mehr ans Herz wachsenden Figuren getragenen und in aufeinander aufbauenden Episoden ein komplettes Schuljahr lang konsequent gegangen wird. Unwahrscheinlichkeiten und Übertreibungen dienen immer weniger der Konstruktion von Witzen auf Kosten der Figuren, sondern sollen die unterschiedlichen Facetten sexueller Identitätsfindung veranschaulichen und beleuchten.
Zu diesem Zwecke werden viele Themen abgedeckt, beispielhaft seien neben Blockaden und Verklemmtheit Orgasmusschwierigkeiten, unterdrückte Neigungen, Mobbing wegen Verstoßes gegen Schönheitsideale und das verkrampfte Erzwingenwollen der Entjungferung genannt, aber auch Enttäuschungen, unsensibler Umgang untereinander, unglückliches Verliebtsein und Liebeskummer werden angesprochen. Als auffallend selbstverständlich skizziert die Serie sog. interkulturelle Beziehungen, also zwischen Menschen verschiedener Hautfarben, und Homosexualität – letztere jedoch mit gewissen Einschränkungen, indem man nicht den Blick vor homophoben, in Gewalttätigkeit mündenden Ressentiments verschließt und damit nicht zu utopistisch zu werden droht.
Zwischen Situationskomik, Offenherzigkeit, persönlichen Dramen und unerwarteten Wendungen tummeln sich neben den drei jugendlichen Hauptfiguren diverse schräge Nebenrollen, die mal mehr, mal weniger im Fokus einzelner Episoden stehen. Allen voran sei die nerdige Fantasy-Comic-Zeichnerin Lily (Tanya Reynolds, „Delicious“) genannt, die ihr erstes Mal mit Nachdruck zu erzielen versucht. Die große Gillian Anderson, die in Promoaktionen gern als Aufhänger für die Serie hervorgehoben wurde, gibt eine liebevolle Karikatur einer Sexualtherapeutin, der die Jungmimen jedoch in nichts nachstehen. Das Ensemble war ein echter Glücksgriff und zeigt sich zum Teil hier und da oben ohne, was jedoch nie selbstzweckhaft ausgeschlachtet wird. Der Intimbereich bleibt aller nackter Haut (auch der Jungs) zum Trotz stets ausgespart.
Der Spagat zwischen inhaltlichem Anspruch, Freizügigkeit, Drama und Humor gelingt indes nicht immer. Je nach persönlicher Auffassung werden sich Momente finden, in denen man sich mehr Mut, mehr Ernsthaftigkeit, weniger Klamauk oder divergierende Schwerpunktsetzungen gewünscht hätte – oder sich fragt, inwieweit das eine oder andere ausgewalzte Klischee gerade im Rahmen einer progressiven Serie wie dieser wohl den Test der Zeit überstehen wird, oder ob diese Hyperfokussierung von Sexualität nicht nur Ausdruck von Pubertät, sondern letztlich auch von Prüderie ist, die zu Unterhaltungszwecken ins Gegenteil verkehrt werden soll, womit die Akzeptanz eines gesellschaftlichen Normalzustands einhergehen würde. Bisweilen irritiert auch etwas der fiktionale Handlungsort, der offenbar eigentlich im Vereinigten Königreich angesiedelt, jedoch derart abstrakt gestaltet wurde, dass er sich – vermutlich als Entgegenkommen dem avisierten US-Publikum gegenüber – relativ problemlos auch auf die Verhältnisse von Highschools in typischen Kleinstädten der Vereinigten Staaten übertragen lässt. Das geht etwas zu Ungunsten eines individuellen Charakters. Nichtsdestotrotz erweist sich „Sex Education“ als angenehm enttabuisierte Unterhaltung beispielsweise für verkaterte Sonntagnachmittage, die zum einen dem Netflix-Image als junges, fortschrittliches Unternehmen, das weniger Risiken scheut als andere, zuträglich ist, und zum anderen einen Eindruck davon vermittelt, wie beispielsweise die unsägliche „Schulmädchen-Report“-Reihe theoretisch auch hätte aussehen können… Und wenn es gelingt, Teilen der Jugend zu vermitteln, wie normal ihre Probleme, über denen ihre Welt zusammenzubrechen droht, eigentlich sind und ihnen vielleicht sogar dabei hilft, früher oder später über sie lachen zu können: umso besser.