Review

Staffel 3

„Ohne Gefühle ist alles leichter – niemand wird verletzt...“

Die britischen Sexualdramödien-/Aufklärungsserie „Sex Education“ aus dem Jahre 2019, die für den US-Video-on-Demand- bzw. Streaming-Anbieter Netflix produziert wurde, ging am 17. September 2021 in die dritte Runde. Bei den acht neuen Episoden à einer knappen Stunden führte neben Ben Taylor Runyararo Mapfumo Regie, Sophie Goodhart und Alice Seabright blieben als Drehbuchautorinnen erhalten. Wie bereits zur zweiten Staffel werde ich wieder gezielt auf die einzelnen Episoden, vornehmlich deren Inhalte, eingehen. Wer sich zu Konzept und narrativem Rahmen der Serie informieren möchte, möge in meine Kritik der ersten Staffel linsen.

Als Prolog der ersten Episode fungiert eine fantastisch montierte und geschnittene Collage, die alle möglichen Spielarten menschlicher Sexualität zeigt und damit ihr Variantenreichtum eindrucksvoll veranschaulicht. Mit Hope Haddon (Jemima Kirke, „Girls“) tritt eine neue Rektorin an der Schule an, die sich jung und lässig gibt und damit die Hoffnung auf eine progressivere Ausrichtung der Schule nährt, als es unter Rektor Groff möglich war. Ruby (Mimi Keene, „EastEnders“) möchte in erster Linie Sex von Otis, und zwar möglichst immer, wann sie es will, mehr aber auch nicht. Eric (Ncuti Gatwa, „Stonemouth – Stadt ohne Gewissen“) und Adam (Connor Swindells, „Keepers – Die Leuchtturmwärter“) werden auch offiziell ein Paar, während Adams Vater Michael (Alistair Petrie, „Rogue One: A Star Wars Story“) sich nach einer neuen Anstellung umschaut.

Kern dieses gelungenen Staffelauftakt ist die eigenartige Beziehung zwischen Ruby und Otis. Ruby degradiert ihn so lange zum Toyboy, bis glücklicherweise seine Selbstachtung siegt – was auch als Botschaft ans Publikum verstanden werden darf. Nach der sehr zugeknöpften zweiten Staffel fällt diese Episode freizügiger aus, vom Zeigen sekundärer oder gar primärer Geschlechtsorgane wird jedoch weiterhin abgesehen – mit Ausnahme eines von hinten gezeigten Penis.

In Episode 2 kommen nun auch Ruby und Otis offiziell zusammen, jedoch zu Rubys Bedingungen: Sie krempelt Otis‘ Erscheinungsbild komplett um und stellt klar, der Boss zu sein. Die als vermeintlich cool eingeführte neue Rektorin Hope entpuppt sich als reaktionär und faschistoid, sie führt sogar Schuluniformen ein. Eric und Adam planen den ersten Sex miteinander, Jean (Gillian Anderson, „Akte X“) und Jakob (Mikael Persbrandt, „Kommissar Beck“) treten eine Paartherapie an, während Maeve (Emma Mackay, „Badger Lane“) der noch immer unter einem sexuellen Übergriff leidenden Aimee (Aimee Lou Wood, „Die wundersame Welt des Louis Wain“) weiterhin zur Seite steht. Obwohl Maeve und Aimee grundverschieden sind, ist Maeves Verhältnis zu ihrer Mutter Erin (Anne-Marie Duff, „Shameless“) das schwierigere…

Der Humor dieser Episode tendiert richtiggehend ins Satirische, schwenkt dann aber recht harsch in Richtung Drama um. Neben dem Dauerbrennerthema „erstes Mal“, das in der schwulen Variante hier recht sensibel behandelt wird, wird die Möglichkeit einer Paartherapie aufgezeigt und davor gewarnt, sich seine(n) Partner(in) so zurechtschnitzen zu wollen, wie es einem am besten in den Kram passt. Dass eine junge, zunächst weltoffen und modern wirkende Frau noch wesentlich reaktionärer sein kann als der verknöcherte alte Rektor, den sie abgelöst hat, ist eine überraschende Wendung, die sich in unterschiedlich starker Ausprägung durch die Staffel ziehen wird.

Die dritte Episode kehrt im Prolog zum extrem angezogenen Sex zurück. Ola (Patricia Allison, „Les Misérables“) und Jakob sind nun bei Otis und Jean eingezogen, was zu Konflikten führt. Rektorin Hope zeigt sich Maeve gegenüber von einer anderen Seite, sie möchte sie für ein Auslandsstudium fördern. Schülerin Viv (Chinenye Ezeudu, „Ich schweige für dich“) übertragt sie die Verantwortung, die Schülerschaft auf das korrekte Tragen der Schuluniform hin zu kontrollieren. Ein gemeinsamer Pärchenabend von Adam und Eric mit Ruby und Otis verläuft überraschend angenehm und konfliktfrei. Otis lernt Rubys Zuhause, das sich als andere als glamourös erweist, und ihren Vater kennen. Als sie Otis ihre Liebe gesteht, erwidert er die berühmten drei Worte nicht. Maeve und Isaac (George Robinson, „Dalgliesh“) freunden sich wieder miteinander an.

Das ehemalige Liebespaar Ola und Otis streitet sich unterm nun gemeinsamen Dach wie zwei Geschwister miteinander, während Otis ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem Ruby sich ihm gegenüber öffnet und ihm ihr wahres Ich zu zeigen bereit ist, einen Rückzieher einzuläuten scheint. Das ist bitter für Ruby, die so etwas hier stellvertretend für alle anderen in ähnlichen Situationen erfährt. Der Blick hinter ihren Schutzanzug aus Arroganz und Glamour legt nahe, dass er nur Fassade ist, um ihre soziale Herkunft aus sehr einfachen Verhältnissen zu verschleiern – weshalb man über Mitmenschen, die ein solches Verhalten an den Tag legen, womöglich nicht vorschnell urteilen sollte. Wie sich die schon immer recht korrekte und pflichtbewusste Viv zur bereitwilligen Schergin der faschistoiden Rektorin machen lässt, erinnert fast ein wenig an „Die Welle“. Eine aufgrund der Entwicklungen zwischen Ruby und Otis emotional berührende Episode.

Episode 4: Ruby ist sauer auf Otis, sagt ihm aber nicht, weshalb. Hope teilt den Sexualkundeunterricht in Jungen und Mädchen auf, was zwei Nonbinäre vor Probleme stellt. Zudem wird der Unterricht derart sexualfeindlich gestaltet, dass er die Schülerinnen und Schüler möglichst von der Beschäftigung mit Sex abhalten soll. Jean sorgt sich derweil, nichts mit Jakob gemeinsam zu haben. Adam wird eifersüchtig auf Rahim (Sami Outalbali, „Lola und das Meer“), es kriselt zwischen Eric und ihm. Maeve und Isaac kommen sich entscheidend näher, knutschen miteinander und... Ruby beendet schließlich ihre Beziehung zu Otis. Am Ende der Episode steht der Aufbruch zu einer Klassenfahrt nach Frankreich.

Das Ende der nur kurzen Beziehung zwischen Ruby und Otis wird sehr gefühlvoll inszeniert, ohne zu melodramatisieren. Den Zuschauerinnen und Zuschauern wird anschaulich vermittelt, wie wichtig Freundinnen und Freunde in solchen Momenten sind. Zwischen Adam und Eric kommt es zu einem sehr romantischen Augenblick. Hopes Neuausrichtung der Sexualkunde wird als satirische Überzeichnung auf die Prüderie vor der sexuellen Revolution gestaltet und zugleich anhand eines konkreten Beispiels dargestellt, wie schnell ein ausschließlich Mann und Frau (respektive Junge und Mädchen) kennendes, binäres Geschlechtersystem an seine Grenzen stößt. Die Szenen zwischen Maeve und Isaac sind von ganz besonderer Qualität, da sie endlich vollziehen, was bereits in Staffel 2 angedeutet wurde: Körperliche Liebe zwischen einer attraktiven jungen Frau und einem gehandicapten jungen Mann, der auf den Rollstuhl angewiesen ist. Eine starke Episode, der es tatsächlich gelingt, zwischen Satire, Herzschmerz und Romantik zu changieren, ohne dabei wie Stückwerk zu wirken.

In der fünften Episode erfährt man etwas Persönliches über Rektorin Hope: Sie befindet sich in Behandlung, weil sie nicht schwanger werden kann. Jackson (Kedar Williams-Stirling, „Wolfblood – Verwandlung bei Vollmond“) und Cal (Dua Saleh), einer der nonbinären Mitschüler, befinden sich während der Busfahrt innerhalb Frankreichs auf einen halluzinogenen Pilztrip, als der Bus wegen eines superpeinlichen Klozwischenfalls Rahims in einen Verkehrsunfall verwickelt wird. Otis und Maeve werden versehentlich an einer Tankstelle zurückgelassen. Jackson und Cal kommen sich näher, während Otis und Maeve sich aussprechen und knutschen. Daheim misstraut Jakob der schwangeren Jean und verlangt einen Vaterschaftstest; Eric derweil ist gar nicht nach Frankreich mitgereist, sondern besucht wegen einer Hochzeit seine Familie in Nigeria.

Diese Episode ist sogar noch mit weiteren Nebenhandlungssträngen pickepackevollgepackt, eine Tendenz, die sich auch in den vorausgegangenen Episoden abzeichnete und die Handlung mitunter etwas zu überfrachten droht. Textnachrichten spielen diesmal eine besonders große Rolle, womit man einmal mehr ein Gespür für zeitgenössische Kommunikationsmethoden Jugendlicher beweist. Neben derbem Fäkalhumor und einer witzigen „Pump Up The Jam“-Einlage während der Busfahrt geht es ans Eingemachte, nämlich ans Herz: So sehr man sich für Maeve und Otis zu freuen geneigt ist, dass sie endlich wieder zueinander finden, so sehr tut zumindest mir Isaac leid: Wie gewonnen, so zerronnen. Das hat den faden Beigeschmack, dem „Krüppel“ kurzzeitig auch mal etwas zu gönnen, dann muss aber auch wieder gut sein und werden die „regulären“ Verhältnisse wiederhergestellt. Die Entwicklungen überschlagen sich mittlerweile von einer Episode zur nächsten, was den Seifenoper-Anteil der Serie auf Vorabendserienniveau zu senken droht. Ich habe gemischte Gefühle. Und dann auch noch ein bunter, schwuler Paradiesvogel wie Eric im islamistischen Nigeria – ob das gutgeht?

„Ich hab' alles kaputt gemacht, weil ich anscheinend nicht in der Lage bin, gesunde Beziehungen aufzubauen!“

Episode 6 prologisiert mit einer Rückblende in Sonderling Lilys (Tanya Reynolds, „Delicious“) Kindheit, in der sie bereits ihre Alien-Sex-Geschichten verfasste. In der Gegenwart bekommt die Schule negative Presse wegen der Veröffentlichung Liliys Buchs. Maeve wird ins Begabt-und-talentiert-Programm aufgenommen, ihr Stipendium hingegen wird leider abgelehnt. In ihrem Privatleben entscheidet sie sich überraschend für Isaac und gegen Otis, das Verschwinden ihrer kleinen Schwester und Otis' Verhalten bringen aber alles durcheinander. Die Schule soll umbenannt werden, Hope prangert Lily, Cal und Adam öffentlich an und erlässt Zwangsmaßnahmen gegen sie, Rahim wird gar suspendiert. Aimee nimmt nun (endlich) Therapiesitzungen bei Jean wahr, ebenso Adams Vater Michael, was mit Rückblenden in seine Kindheit einhergeht, die ein Stück weit erklären, warum er wurde wie er ist. Viv beginnt, gegen Hope zu rebellieren, während Eric in Nigeria einen schwulen Fotografen kennenlernt, der ihn in die konspirative queere Partyszene einführt. Beinahe geht Eric Adam fremd…

Da ist er also, der nächste Schulskandal – der daran erinnert, dass auch diese Schule mit ihren diversen und aufgeschlossenen Schülerinnen und Schülern nicht im luftleeren Raum, sondern innerhalb einer zu großen Teilen weitaus spießigeren Gesellschaft existiert. Für Isaac und Maeve scheint kurz wieder Hoffnung zu bestehen, doch schon werden neue Turbulenzen ins Buch geschrieben, die alles wieder auf den Kopf stellen – das Gesetz der Soap. Hope lässt einmal mehr die Muskeln der Autorität spielen. Wer also glaubte, mit den Einblicken in ihre privaten Sorgen ginge nach und nach eine charakterliche Entwicklung dieser Figur einher, sieht sich getäuscht. Mit einem Plädoyer für Therapiesitzungen ist, als Kontrast zu Hope, ein Erkenntnisgewinn in Bezug auf Michael Groffs Biografie verbunden. Überaus spannend inszeniert wurden Eric Erlebnisse in Nigeria, der Heimat seiner Familie. Zunächst ist nicht klar, ob man ihn nicht vielleicht in eine Falle lockt. Das Gefühl der Skepsis, des Zweifels und auch der Angst, das man als nicht gänzlich empathielose(r) Zuschauer(in) in diesen Szenen empfindet, dürfte einen kleinen Eindruck von der Gefühlswelt queerer Menschen innerhalb ihnen feindlich gesinnter Strukturen vermitteln.

„Wir sind die Sex-Schule!“

Die siebte Episode eröffnet mit einer Animationssequenz aus Lilys quasi autobiographischer Science-Fiction-Geschichte. Isaac beendet nach den jüngsten Ereignissen die Beziehung zu Maeve und tut damit das einzig Richtige, so bitter es auch ist. Hope will unbedingt einen perfekten, „sauberen“ Tag der offenen Tür, wobei der Zweck ihre Mittel heiligen soll, wird jedoch von ihrer Schülerschaft geschlossen öffentlich düpiert. Michael Groff entdeckt das Kochen für sich wieder und entwickelt damit erstmals so etwas wie eine wirkliche, positive Leidenschaft; zugleich emanzipiert er sich von seinem überheblichen, versnobbten Bruder und damit auch von seinem gefühlskalten Arschlochvater – und scheint wieder mit Maureen zusammenzufinden. Cal und Jackson gehen miteinander ins Bett, doch Jackson verkrampft dabei. Maeve findet ihre kleine Schwester wieder, ihr geht’s glücklicherweise gut. Eric gesteht Adam, in Nigeria jemanden geküsst zu haben – und Jean bekommt eine Frühgeburt, dabei selbst mit dem Tod kämpfend. Ausgerechnet als Jakob Otis darüber telefonisch informieren will, kommt dieser wieder mit Maeve zusammen.

Eine überaus schicksalhafte Episode also, deren Ereignisse am Ende davon überschattet werden, dass es aussieht, als überlebe Jean nicht, werde also am Staffelende aus der Serie herausgeschrieben. Ansonsten dreht sich das Beziehungskarussell in schwindelerregender Geschwindigkeit, muss Hope endgültig erkennen, dass sie in Viv eben doch keine loyale Vasallin hatte, dafür aber die ganze Schülerschaft gegen sich, und wird in Bezug auf Mr. Groff eine wichtige Botschaft vermittelt: Wenn deine Beziehung in die Brüche gegangen ist, versuche beizeiten, deine Trauer, Wut und Sehnsucht zu überwinden, indem du dich darauf besinnst, was dir Freude bereitet und guttut, um wieder zu gesunden. Und, wer weiß? Vielleicht wirkst du dadurch auch wieder attraktiv auf andere. Für meinen Geschmack ist das alles ein bisschen sehr viel Drama, von der leichtfüßigen Komik der ersten Staffel hat sich „Sex Education“ immer weiter entfernt – dafür aber auch mehr zu sagen.

Im Prolog der Episode 8 schnürt sich die andere nonbinäre Person (deren Name mir nicht geläufig ist, ich bitte dies zu entschuldigen) die Brüste ab. Jean ist glücklicherweise nicht gestorben, muss aber notoperiert werden. Maeve zieht bei der Pflegemutter ihrer kleinen Schwester ein, verlässt also den Trailerpark. Ihr Studium in den USA könnte sie nun doch finanzieren, möchte aber lieber bei Otis bleiben. Jackson und Cal beenden ihre amourösen Versuche miteinander und beschließen, Freunde zu bleiben. Und die Schule ist endlich Hope als Rektorin los. Einiges wendet sich im Staffelfinale zum Guten, aber: Die Schule soll verkauft werden. Wie also soll es weitergehen? Eric trennt sich von Adam aus absolut nicht nachvollziehbaren Gründen, was hart nervt. Immerhin überzeugt diese Sequenz inszenatorisch derart, dass ich den Tränen nah war. Michaels Hoffnungen zerplatzen wie eine Seifenblase, denn Maureen will weiterhin die Scheidung – fuck! Und Aimee trennt sich von ihrem Freund Steve (Chris Jenks, „Athena“), der nun wirklich am allerwenigsten für ihre Situation kann – doppelfuck!

Diese Staffel wurde zum Ende hin immer nervenaufreibender, ernster, in den zuletzt genannten Entwicklungen aber auch ärgerlicher. Ich bin anscheinend voll in die Soap-Falle getappt, indem ich mich von alldem sehr habe mitnehmen lassen, was einerseits für eine gelungene Dramaturgie der Serie spricht, andererseits aber offenbart, wie skrupellos die Autorinnen und Autoren ihre Figuren von einer Katastrophe in die nächste tappen lassen, um Gefühlsregungen beim Publikum auszulösen. Bei aller jugendlichen Frische, die „Sex Education“ nach wie vor ausstrahlt, und bei allen positiven und nur allzu wahren vermittelten Botschaften, missfällt es mir zusehends, wie man mich als Zuschauer von einem Wechselbad der Gefühle ins nächste jagt. In der vierten Staffel, die längst bestätigt ist und auf die ich mich nichtsdestotrotz freue, sollte die Serie versuchen, etwas von ihrer Unbekümmert- und Lockerheit zurückzuerlangen und aufpassen, nicht in Seifenoper-Fahrwassern zu versinken.

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