Anders als die Agoraphobie, aus Angst vor Menschen oder bestimmten Orten das Haus nicht mehr zu verlassen, liegen die Gründe für Hikikomori darin, gesellschaftlichen Anforderungen nicht mehr gewachsen zu sein. Das führt schließlich zur kompletten sozialen Isolation, zum Verschanzen in den eigenen vier Wänden. Co-Autor, Produzent und Regiedebütant Marcus Richardt bebildert in seinem Drama, wie eine Mutter Kontakt zu ihrem Sohn aufzunehmen versucht und dafür eine gar nicht mal so ungewöhnliche Methode zurate zieht.
Seit zwei Jahren lebt der einundzwanzigjährige David (Nils Rovira-Munroz) in seinem Kinderzimmer und meidet jeglichen Kontakt zu seiner Mutter Kristin (Katja Riemann) und der Außenwelt. Über Umwege erfährt Kristin von Davids Aktivitäten in einem Forum für Drachenbau und meldet sich dort unter einem Pseudonym an. Prompt chatten die beiden miteinander, doch Davids Intentionen tendieren in eine beängstigende Richtung…
Betroffene Eltern erleben die zurückgezogenen Kinder wie Geister, die Nachts an den Kühlschrank gehen und klammheimlich im Bad verschwinden. Rückblenden vom scheinbar glücklichen Familienurlaub am Strand zeigen einen David im Teenageralter und einen Vater, der augenscheinlich nicht viel mit der eigentlichen Idylle anzufangen weiß. Kurz darauf verschwindet der Vater auf Dauer, hinterfragt wird dies nicht und es scheint auch nicht der unmittelbare Auslöser für Davids Sozialphobie zu sein. Aber auch der wird nicht näher durchleuchtet.
Primär die erste halbe Stunde wird recht unterkühlt vorgetragen, als Kristin vergleichsweise feierlich gekündigt wird, einen Fitnesskurs besucht und bei der Kostümparty einer Freundin (Jasmin Tabatabai) sämtliche Typen abblitzen lässt. Ihre spätere, eher flüchtige Affäre mit dem sympathischen Jeffery (David Wurawa) offenbart zwar eine gewisse Leidenschaft, sie wirkt jedoch ebenso holprig eingebunden wie die übrigen Randfiguren.
Zielstrebiger wird der Stoff vorgetragen, sobald er einen kammerspielartigen Charakter annimmt, indem Mutter und Sohn per Textnachrichten kommunizieren. Nicht zuletzt aufgrund des nuancierten Spiels beider Mimen, jedoch vorrangig Riemann, kommt eine gewisse Dynamik ins Spiel, bei dem das Ziel der Mutter auf der Hand liegt: Sie will etwas über die Gründe der Kommunikationsverweigerung erfahren, über sein Innenleben in den zwei vergangenen Jahren. Dabei freut sie sich über jede Nachricht ihres Sohnes selbst wie ein Kind, während ihr Chatpartner natürlich nichts ahnt und sich annähert, was ab einem bestimmten Punkt eine unangenehme Atmosphäre verbreitet.
Diese wird von der beinahe dauerhaft regnerischen Kulisse in und um Hamburg verstärkt, lediglich die angesprochenen Rückblenden durchbrechen die Tristesse. Weshalb dazwischen ein Erwin Leder mit fettem Holzkreuz als Straßenprediger auftaucht, erschließt sich dabei nicht so deutlich wie die Metapher des im Wind frei treibenden Drachens, der allenfalls mit der dazugehörigen Schnur gelenkt werden kann.
Das freiwillige Eremitendasein im Elternhaus zumeist männlicher Heranwachsender hat durchaus zeitgenössischen Bezug und die Möglichkeit der Lösung, - auf digitaler Basis eine Kommunikation herzustellen, erscheint dabei beängstigend realistisch.
Leider generiert der Stoff daraus nur phasenweise Spannung, Hintergründe werden oftmals nur angedeutet oder gar ausgeklammert, wodurch der Zugang zu den beiden Protagonisten zunächst nur ansatzweise funktioniert. Dafür findet Macher Richardt gegen Ende eine abgerundete Lösung mit einem abermals metaphorischen Motiv, was ein wenig fürs erste oberflächliche Drittel versöhnt.
Knapp
6 von 10