Review
von Leimbacher-Mario
Jede Generation bekommt das Festival, was sie verdient hat
Lasst euch lange genug blenden und irgendwann werdet ihr brennen. Fliegt zu hoch und irgendwann fangen eure Papierflügel Feuer. Jagt Models, Alkohol und paradiesischen Inseln hinterher und euch wird keiner mehr helfen können... „Fyre“ ist eine schockierende Doku über ein Luxusfestival, das beworben wurde wie das Event des Jahrzehnts, eine Art Woodstock für die Generation Y, das jedoch nie stattfand bzw. durch Fehlplanungen und Betrug allen Gästen eher einen Alptraum als ein Traumfestival bescherte... „Fyre“ macht wütend und fassungslos. Wütend über die Leichtgläubigkeit und (digitalen) Scheinwelten, in der sich kein geringer Teil der Menschheit momentan befindet. Fassungslos über kriminelle Machenschaften und dauerbetrunkene Tagträumer, die mit ihren Ideen und Prahlereien auch noch ziemlich weit kommen. Bis sie auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden und erkennen müssen, dass ein durch und durch fakes Fyre Festival kaum weiter von einem echten Woodstock entfernt gewesen sein könnte...
„Fyre“ lässt die Strippenzieher wie Billy McFarland oder Ja Rule zwar wie Hampelmänner und Blender aussehen, doch viel mehr sagt dieser Festival-GAU über die Generation Facebook, Instagram und YouTube, über schönen Schein und trauriges Sein, über glitzernde Ziele und stinkende Matratzen. „Fyre“ entlarvt derart viel, was momentan schief läuft, dass man gleichzeitig schmunzeln und weinen könnte, dass man sich schämt aber um die Ironie und den unterhaltsamen Wahnsinn nicht herum kommt. „Fyre“ ist auf Netflix perfekt aufgehoben, mahnt ohne zu predigen, weitestgehend ohne Schadenfreude und hält uns eigentlich nur einen Spiegel vor. Von egoistischen Hipstern und unbedachten Influencern, von unerreichbaren Visionen und charismatischen Enterpreneuren, von Reinfällen und Witzen, von Dummen und Leuten, die diese Dummheit und Planlosigkeit, dieses Fehlen eigener Meinungen und dieses affige Nachlaufen, einfach ausnutzen. Das erinnert drastisch an den Wolf of Wall Street, nur noch treffender und emotionaler, da ich dieser Generation zum Teil angehöre und sehr nah dran bin. „Fyre“ ist viel mehr als nur eine interessante Momentaufnahme einer taumelnden Generation. Es ist ebenso ein Mahnmal an die Gier und den Exzess, der in uns allen steckt, und die oberflächliche Verführung, an Lügen und ihre Konsequenzen. An große Klappen und nichts dahinter, von denen es heutzutage scheinbar mehr gibt, als je zuvor. Tragisch und wichtig.
Fazit: Blendertum böse geklatscht. Und seltsamerweise auch etwas beklatscht. „Fyre“ ist wie ein Unfall. Man kann kaum wegsehen. Unfassbar, typisch, warnend. Eine Doku, bei der man sich an den Kopf fasst und nicht fassen kann, wie einfach sich die Instagram-Generation verführen, beeindrucken und blenden lässt. Egal ob die „dokumentarischere“ Hulu-Version oder diese, etwas glitzerndere Netflix-Aufarbeitung: „Fyre“ brennt den schönen Schein der oberflächlichsten aller bisherigen Generationen brutal und völlig berechtigt nieder. Wacht doch endlich mal auf!