kurz angerissen*
In der bitteren Alltagsrealität befindet sich die Komfortzone deutscher Filmerzählung. Mitten in ihr Herz hinein pflanzt Nora Fingscheidt ein unbequemes Erziehungsdrama, das auf den ersten Blick auch sehr gut zu seinen Artverwandten zu passen scheint: Filmförder-Logos, biedere Fernsehoptik mit grauen Agenturgebäuden und soziale Problemherde, wohin das Auge blickt. Dann bekommt Benni ihren ersten Wutanfall. Die Lautsprecher röhren, pinke Sterne explodieren... und „Systemsprenger“ hebt zwar nicht gleich ab in seine eigenen Sphären, hängt seine Mitspieler aber mit wüsten Hakenschlägen ab und findet sie bald als kleine Punkte im Rückspiegel wieder.
Warum? Weil eben nicht die Ideallinie abgelaufen wird, wo Vorurteile und Erwartungen des Publikums bestätigt werden, damit die Filmemacher selbst Bestätigung erfahren. Weil wohl noch selten derart schonungslos die Grenzen eines Sozialsystems aufgezeigt wurden. Und weil dabei keine Zeigefinger erhoben werden; nicht gegen die Mutter, nicht gegen die Erzieher und schon gar nicht gegen das Kind, das als verlorener Partikel am Rande der Blase taumelt und nach der Sonne greift, von der eigenen Schwerkraft aber immer wieder nach außen gezogen wird. Die Suche nach Schuldigen ist Fingscheidt ebenso fremd wie missionarische Gedanken, die schon so manch gut gemeinte Weltverbesserungsfantasie postwendend ins Saure umschlagen ließen.
„Systemsprenger“ ist dabei gespickt mit verflucht guten, würdevoll abliefernden Nebendarstellern, gekrönt jedoch von einer alles niederreißenden Jungdarstellerin, die nahtlos extrovertierte Fröhlichkeit und schmerzerfüllte Orientierungslosigkeit zu einem verzweifelten Hilfeschrei ausformuliert. Fluchend, zeternd und in Erscheinung tretend stets als unberechenbare Gefahr, zieht sie dennoch jedes Mitgefühl auf sich; eine Leistung, die kaum hoch genug einzuschätzen ist.
Unterstützung bekommt sie dabei nicht nur von ihren Co-Stars, sondern vor allem von der Autorin und Regisseurin, die ihr erlaubt, weit mehr zu sein als nur das Fallbeispiel aus einer Statistik. In der androgynen Präsentation der Hauptfigur steckt viel Symbolik in Bezug auf die Unfähigkeit des Systems, die Wanderer zwischen den Welten aufzufangen; das am Flughafen angelegte Finale kann man sogar als Umkehrung einer klassischen Romantic Comedy lesen, in der Bruchstücke typischerweise wieder zueinanderfinden. Diese Momente machen ein so sorgfältig erschaffenes Portrait eines hoffnungslosen Einzelfalls zu einer Erinnerung daran, dass die Ränder sozialer Wirklichkeit aus zerbrechlichem Glas bestehen.