Review
von Leimbacher-Mario
Der schöne Schein bröckelt
In seinen besten Momenten erinnert „The Clovehitch Killer“ an Höhepunkte in David Finchers Schaffen („Zodiac“) gepaart mit Indie-Sensibilitäten, eine nachhaltig verstörende Charakterstudie und menschliche (US-)Momentaufnahme zwischen „The Town That Dreaded Sundown“ und „Summer of 84“. In seinen schlechtesten Momenten gleicht der Thriller einem Coitus interruptus. Handlung: ein junger Mann entdeckt während eines Dates (!) im Jeep seines Vaters ein Bild einer gefesselten Frau. Nur eine spezielle sexuelle Vorliebe oder könnte sein äußerlich ziemlich perfekter, braver Pfadfinder-Dad der Clovehitch Killer sein, der die Gemeinde vor ein paar Jahren nachhaltig geängstigt und verstört hat?
„The Clovehitch Killer“ ist ein sehr spezielles Serienmördermystery. Für viele könnte er unbefriedigend wirken und ausgehen, für manche dafür umso lauter nachhallen. Ich zähle eher zu Letzteren, obwohl ich das beachtliche Regiedebüt (!) alles andere als perfekt bezeichnen würde. Verdammt stark aber mit Sicherheit. Die Unsicherheit, die Atmosphäre, die Intelligenz, der Realismus, der Anspruch, die technische Kompaktheit, die düsteren Themen und Tücken - all das hat mich gefesselt und noch länger beschäftigt. Dieses Familien- und Gesellschaftsporträt lingert noch lange im Rückgrat. Hervorragend gespielt von seinen jungen Darstellern und vor allem von einem völlig in seiner Rolle verschwindenden Dylan McDermott, der Meilen über „American Horror Story“-Niveau agiert. „The Clovehitch Killer“ ist eine verschwurbelte und perverse Coming-of-Age-Horrorgeschichte, unangenehm nah an der Realität.
Fazit: ein Serienkillerfilm, wie noch keiner zuvor. Voller Befürchtungen, Anschuldigungen, Sünden und Fetischs. Geduldig und stetig anziehend. Ungemütlich. Realistisch. Fies. Persönlich. Amerikanisch?