Review
von Leimbacher-Mario
Ein Schatten seiner selbst
Mit „Under the Shadow“ hat Babak Anvari vor drei Jahren einen der besten Grusler des aktuellen Jahrzehnts abgeliefert. Zumindest wenn man auf anspruchsvollen Horror steht, ein echter Festivaldarling ist ihm da gelungen. Nun hat er mit „Wounds“ den Weg nach Hollywood und auf Netflix geschafft. Und egal ob man das als logischen Schritt oder fragwürdige Entscheidung abtut: was kann der topbesetzte Slowburn-Schocker über ein dämonisches Handy in New Orleans? Nicht (ganz) mit dem Regiedebüt des Brit-Iraners mithalten, soviel ist sicher...
„Wounds“ ist kein Film für das Netflix-Kernpublikum, was die miserablen Zuschauerwertungen bisher unterlegen, kein Horrorfilm für den aktuellen Massengeschmack mit klaren Jumpscares und lockerem Geisterbahnfeeling. Eher ein mysteriöses Moodpiece und infektiöses Beziehungsdrama über versteckte Wünsche, dunkle Plätze und offene Wunden und Fragen übers Leben, über sich selbst, über das Älterwerden und das Ticken der Zeit, über die Welt da draußen und ihren Sinn. „Wounds“ ist keine leichte Kost und kann sicher auch heftig enttäuschen, hat er mich auch zum Teil. Aber bei mir hinterließ er dennoch genug Neugier und Faszination und Ekel und Spaß, dass ich ihn mir sogar nochmal angucken und in die Sammlung stellen würde (wäre er denn nicht nur beim großen N ersichtlich). Er regt meine Gedanken und Gefühle an, ist Body Horror auf emotionaler Ebene weitergedacht und zudem super besetzt mit dem immer gern gesehenen Armie Hammer und der sexy Dakota Johnson. Oft schwingt auch etwas J-Horror mit und ich war öfters an Junji Itos Manga „Spiral“ erinnert. Vielleicht gekreuzt mit etwas Nicolas Roeg und Cronenberg-light. Einige Bilder beißen sich fest, verstören und zudem mag ich den New Orleans-Vibe. Daher hält sich die Enttäuschung über große Lücken und offene Enden, über unsympathische Figuren und nur sehr oberflächlich angeschnittene Mysterien noch in Grenzen. Aber sie ist nicht ausblendbar.
Fazit: nicht auf dem Niveau seines Erstlings und gerade hintenraus doch etwas sehr vage, um nicht zu sagen ernüchternd, ratlos und plötzlich zu Ende. Aber er hat definitiv seine Momente, eine fiese Atmosphäre und Rätselansätze, die im besten Fall zum Kultfilm taugen. Aber er kann auch nerven, in der Masse unter gehen und zu wenige Leute ansprechen. Schade. Aber interessant. Mr. La Cucaracha.