Review

kurz angerissen*

Es scheint, dass Babak Anvari den wunden Punkt Amerikas in seinem ersten US-Spielfilm in der psychischen Isolation des Einzelnen verortet. War in "Under the Shadow" noch eine ganze Gesellschaftsform mit Auswirkungen auf Familienstruktur und Sozialwesen Bedeutungsträger, so sind es hier die bereits aus dem J-Horror-Umfeld bekannten Spiralen des Wahnsinns, in denen sich menschliche Abgründe verfangen.

Anvari beschreibt eigentlich eine Idylle irgendwo im aufgehitzten New Orleans, wie sie Grundlage für jede Art von gutem alten US-Kleinstadthorror sein könnte, der noch nichts mit den Problemen des technisierten 21. Jahrhunderts zu tun hat. Jedoch ist das Display eines Smartphones Auslöser allen Übels, der gediegen, fast schon träge fotografierte Film wird immer wieder von digitalen Störsignalen unterbrochen, die sich zunehmend mit dem zerbrechenden Geisteszustand der Hauptfigur verbrüdern. Die amerikanische Gesellschaft als solche spielt nur indirekt eine Rolle als monumentale Instanz, die lediglich in Megastädten Präsenz zeigt, welche nicht Teil des Films sind.

In der Auswahl des Genre-Werkzeugs bleibt der Regisseur konventionell. Zu oft hat man bereits gesehen, wie Ungeziefer symbolisch aus den Wänden kriecht und jemand im fahlen Schein des Laptop-Bildschirms wie besessen auf ein Video starrt, das eine von innen gefilmte Darmspiegelung sein könnte. Andererseits: beleibte, nackte Frauen, die völlig selbstverständlich in einer Bar Billard spielen, oder Schlägertypen, die ihr im Kampf aufgeschnittenes Gesicht im eigenen Apartment zu einer hübschen Beule heranzüchten, sind dann doch eher die Ausnahme.

Armie Hammer wertet die Stimmung als geistig und körperlich zunehmend verrottender Barkeeper sogar noch einmal auf. Unter dem Strich spürt man zwar, dass Babak Anvari mit "Wounds" nicht so nah am Betrachtungsgegenstand dran ist wie er es mit seinem Vorgängerfilm war, dennoch findet er durch den unorthodoxen Zusammenschnitt von eher gewöhnlichen Horrorfilm-Artefakten einen durchaus interessanten Zugang zur amerikanischen Schizophrenie.



(6.5/10)
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