Kommt zwar relativ selten vor, aber aus „Wounds“ bin ich nicht schlau geworden.
Die zweite Regiearbeit von Babak Anvari, der mit „Under the Shadow“ ein mehr als beachtliches Debüt hinlegte, hat aber trotz vereinzelter Faszinationsspitzen mehr oder minder alle Rezensenten etwas ratlos oder enttäuscht zurückgelassen.
Dabei handelt es sich bei „Wounds“ um eine Literaturadaption, die des Buches „The Visible Filth“, die aber vermutlich den Nachteil hat, dass sie kaum jemand kennt und der Film daher meistens nur Verwirrung stiftet.
Prinzipiell ist es die Geschichte Wills, eines Loner-Loosers, eines scheinbar netten Kerls, der sich hinter dem Tresen einer nicht eben schicken, aber eben fast immer offenen Bar abarbeitet, mit seiner Freundin zusammen lebt und mal besser und mal schlechter mit seinen Stammgästen zurecht kommt; ein Mann ohne größere Eigenschaften, Ziele und Ambitionen.
Der noch recht vielversprechende und eindringliche Beginn schiebt die Figuren alle in Position: Armie Hammers Will, der mit Ungeziefer in seiner Bar kämpft, seine ganz anders orientierte Freundin Carrie (Dakota Johnson), die etwas jüngere Ex-Freundin Alicia (Zazie Beetz), die meistens in der Bar noch herumhängt, auch wenn sie ständig ihre aktuellen männlichen Freunde wie als kleine Rache dabei hat. Dazu noch der „hard-drinking“ Veteran Eric (Brad William Henke), der mit zunehmendem Alkoholgenuss immer unberechenbarer wird.
In diese Konstellation stößt eine kleine Gruppe von gerade noch Minderjährigen, die von Will halb stillschweigend in der Bar gelassen wird und die kurz darauf in eine obskure Schlägerei geraten, die Eric einen üblen Schnitt im Gesicht, viel Bruch und einen möglichen Polizeibesuch einbringt. Weswegen er die „Schüler“ auch wegschickt, welche offenbar ein Handy zurücklassen.
Von diesem Punkt an wird die Geschichte minütlich immer abstrakter und mysteriöser, spätestens als Will daheim das Handy entschlüsselt, merkwürdige Nachrichten empfängt und beantwortet und gespeicherte Videos von Leichenteilen und Morden findet. Während Eric zunehmend in einen seltsam schläfrigen Zustand verfällt, fühlt Will sich bald verfolgt, verliert später das – sich aus seiner Sicht verändernde – Handy und kehrt langsam aber sicher neue Seiten seiner Persönlichkeit hervor, die nicht ganz so schön sind. Daheim versucht Carrie für ihn zu recherchieren und rutscht bald auf unheimlichen Websites in einen Bereich ab, in denen es um die Reise durch Wunden geht, die Erkenntnisse versprechen, aber auch dämonischen Ursprung sein könnten…
Was das alles soll, bleibt im Film ungeklärt, man könnte es als eine Art introspektives Nach-außen-Kehren einer Persönlichkeit verstehen, als lynchesken Dämonenfilm oder als von Cronenbergs Body-Horror inspiriert. Wohin die Reise geht, ist nicht klar, der Film versteht sich mehr als zunehmend fataler Trip der Visualisierung, wenn Will sowohl seine Freundin wie auch seine Ex-Freundin zunehmend mies behandelt, nachdem er generell davon auszugehen schien, ein netter und attraktiver Kerl zu sein. Doch das alles verursacht auch an ihm körperliches Unbehagen, Verfall und Wunden und Will verfällt zusehends, genauso wie Carrie, die ebenfalls eine Metamorphose durchzumachen scheint, wobei „scheint“ auch eine Art Schlüsselwort ist, denn fix ist bei Anvari hier leider nichts.
Der Soundtrack ist noch das größte Asset, denn dröhnend steigert der Film so die Unbehaglichkeit von Figuren und Publikum, doch das Fehlen eines wirklich entschlüsselbaren Codes, der den Phänomenen eine Art Fundament verleiht, lässt das Interessepotential nach und nach schwinden.
Figuren und Elemente der Handlung tauchen auf und verschwinden wieder, irrationales Verhalten ist allorten zu finden und nicht selten enden Szenenfolgen irgendwie offen. Die ganze Symbolik führt am Ende irgendwie zu nichts, vor allem das – sehr CGI-lastige – Finale provoziert nur Unzufriedenheit.
Nach dem Film ist man verstört, hat nachhängende Erinnerungen an bizarre Ideen, aber hängt mit allem in der Luft und wünscht sich ein „manual“, um das alles zu entschlüsseln.
Wer möchte, kann das alles als Offenbarung und Höllenfahrt des Protagonisten verstehen, aber gesättigt hat mich das am Ende leider doch nicht (Dark Fantasy ist eben häufiger kryptisch) und daher kann ich von den visuellen Eindrücken und der gelungen-bizarren Stimmung nur 4/10 springen lassen.