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Daran, um welche Wahrheit es sich in "Die Wahrheit über Rosemarie" handelt, lässt der Jugend- und Kriminalpsychologe Andreas Guttberg (Wolfgang Büttner) gegenüber dem ermittelnden Kommissar (Hans Elwenspoek) von Beginn an keinen Zweifel: zwei Personen haben seiner Meinung nach Rosemarie Nitribitt (Belinda Lee) getötet - ihr von der Polizei gesuchter (und bis heute nicht entdeckter) Mörder und sie selbst. Drehbuchautor J.J.Bartsch, zuvor im Heimatfilm ("Die Prinzessin von St. Wolfgang", 1957) und Kriegsfilm-Genre ("Die grünen Teufel von Monte Cassino", 1958) an der Seite von Regisseur Harald Reinl tätig, versuchte gar nicht erst, erhellende Fakten hinsichtlich des Kriminalfalls zu finden, sondern konzentrierte sich allein auf die Figur der jungen Frau aus schwierigen sozialen Verhältnissen, die - anstatt die Chancen zu nutzen, die ihr staatlicherseits geboten wurden - auf den Strich ging und damit letztlich die Hauptschuld an ihrem frühen Tod trug.

"Die Wahrheit über Rosemarie" ist in seiner moralischen Selbstgerechtigkeit, unterstützt von einfachsten psychologischen Weisheiten, die nur eindeutige kausale Zusammenhänge kennen, nahezu unerträglich und weist darin Parallelen zu Veit Harlans "Anders als du und ich (§175)" (1957) auf - nur dass es sich hier statt um Homosexualität um Prostitution handelt. Beide Filme verfolgten eine ähnliche Intention – ein gewisses Mitleid für die vom Virus der Unmoral Befallenen heuchelnd, sollte der semi-dokumentarische Stil zuerst die Gefahren des Verfalls demonstrieren, um daraufhin erzieherische, eine negative Vorbildwirkung verhindernde Maßnahmen zu propagieren. Zynisch ließe sich feststellen, der Tod der Frankfurter Edel-Prostituierten wäre den Machern entgegen gekommen, so folgerichtig wird er hier als Konsequenz ihres Lebensstils dargestellt.

Unterschiedlicher zu Rolf Thieles schon ein Jahr zuvor in die Kinos gekommener „Das Mädchen Rosemarie“ (1958) hätten Intention und Storyanlage kaum sein können. Während Thieles Film die Ereignisse um Rosemarie für einen satirischen Rundumschlag auf die verlogene Scheinmoral in der Wirtschaftswunder - BRD nutzte, in der die von Nadja Tiller gespielte Rosemarie trotz ihrer Berufswahl die sympathischste Figur abgab, spielte Belinda Lee ein Mädchen aus der Gosse, das dank ihrer Schönheit zwar auch Männer aus besseren Kreisen zu betören wusste, nie aber ihre primitive Herkunft überwinden konnte. Anstatt wohl situierte und verheiratete Freier in den Mittelpunkt zu stellen, die bei ihren Geschäftsterminen in der Großstadt Frankfurt Ablenkung von ihrem bürgerlichen Leben suchten, zauberte „Die Wahrheit über Rosemarie“ einen reichen älteren Herren russischer Herkunft (Walter Rilla) hervor, der es angeblich sehr ernst mit Rosemarie Nitribitt meint. Er verzeiht ihr Vorleben, finanziert Wohnung und Auto, verlangt aber, dass sie ihm treu ist, wenn er sich auf Geschäftsreise befindet.

Die gesamte Konstellation hat nur die Funktion, zu untermauern, dass Rosemarie ihre Chancen, ein bürgerliches Leben zu führen, nicht nutzte. Wieso ausgerechnet die junge, ihn kaum beachtende Prostituierte Gefühle, die „sich nicht kaufen lassen“, bei ihm erzeugt haben soll, bleibt das Geheimnis des älteren Herrn. Entsprechend wenig nimmt sie ihn und seine Bedingungen ernst und gerät in die Bredouille, als er sie zu sich nach Cannes einlädt und nach ihrem Verhalten während seiner Abwesenheit fragt. Nur weil sie lügt beendet er ihre Beziehung, hätte sie ihm gestanden, weiter als Prostituierte gearbeitet zu haben, hätte er ihr angeblich großzügig verziehen – eindeutiger konnte der Film die Schuld nicht zuweisen. Um zu begründen, wieso sie sich trotz dieser Zurückweisung einen luxuriösen Stil in Frankfurt samt Mercedes-Cabrio leisten konnte, ließ der Film den honorigen Russen noch in derselben Nacht an einem Herzinfarkt sterben, was die Nitribitt sofort dazu nutzt, Anspruch auf sein Erbe zu erheben, obwohl es dafür kaum eine Rechtsgrundlage gegeben haben dürfte.

Ausgehend von ihrer Vergangenheit bis zu ihrer Entlassung aus der Erziehungsanstalt – die einzigen echten Fakten, an denen sich „Die Wahrheit über Rosemarie“ orientierte – erscheint die Charakterisierung der Nitribitt als etwas einfältiges, ungebildetes Mädchen realistischer als die schnell zur eleganten Dame reifende Prostituierte in Thieles Film. Doch das egoistische und zickige Auftreten, mit dem Belinda Lee in ihrer Rolle auch die wenigen ihr wohl gesonnenen Menschen vergrault, wirkt unglaubwürdig - selbst Karl Lieffen als sich um sie bemühender Zuhälter ist dagegen ein echter Sympathieträger - denn die real unscheinbarere Rosemarie Nitribitt wäre so kaum erfolgreich gewesen. Offensichtlich wollte der Film keinen Moment den Eindruck entstehen lassen, dass es irgendeinen, auch nur minutiösen Vorteil hätte, als Prostituierte zu arbeiten. Den einzig liebenden Mann ignorierte Rosemarie, während alle anderen Freier den Eindruck hinterlassen, jederzeit auf sie verzichten zu können. Selbst der Luxus, mit dem sie sich umgibt, verliert seine Wirkung, angesichts einer ständig unzufriedenen jungen Frau, die nichts zu schätzen weiß.

So einseitig wertend ihr Niedergang generell geschildert wurde, stehen besonders zwei Szenen signifikant für die moralische Haltung des Films. Paul Dahlke, der schon in Harlans „Anders als du und ich (§175)“ den Kampf gegen die Homosexualität antrat, spielte hier den braven, unscheinbaren Ehemann Reimer, der unter der Kontrolle einer wenig liebenswürdigen Ehefrau steht. Heimlich zweigt er sich Geld ab, bis er genügend zu besitzen glaubt, um zu Rosemarie Nitribitt gehen zu können. Erstmals scheint der Film die bürgerliche Scheinmoral aufzugreifen, aber Reimer will keinen Sex, sondern für Informationen über seine verschwundene Schwägerin zahlen, von der er glaubt, dass sie ebenfalls in den Prostitutionssumpf gezogen wurde. Verzweifelt prügelt er auf die junge Frau ein – eine Reaktion, die der Film, trotz der Scham, die Reimer danach empfindet, keineswegs kritisch betrachtete. Ebenso eindeutig sind die Ausführungen des Polizeipsychologen, der am Beispiel seines Sohnes Fred (Claus Wilcke) demonstriert, dass es nur der richtigen Erziehung bedarf, um gegenüber den Versuchungen der Prostitution resistent zu sein. Rosemarie Nitribitt verliebt sich in den gut aussehenden jungen Mann und wendet alle weiblichen Tricks an, um ihn zu verführen – bis sie sich sogar vor ihm entblößt. Doch dank seiner geistig gesunden Haltung empfindet er nur Ekel.

„Die Wahrheit über Rosemarie“ ließe sich ähnlich wie Harlans Abhandlung über die Homosexualität nur im historischen Kontext als moralisches Abbild der späten 50er Jahre betrachten, bediente der Film nicht gleichzeitig die Sensationsgier der Zuschauer. Produzent Wolf C.Hartwig hatte schon mit seinem ersten Film „Adolf Hitler – ein Volk, ein Reich, ein Führer: Dokumente der Zeitgeschichte“ (1953) den Weg eines semi-dokumentarischen Stils betreten, mit dem er ein umstrittenes, aber beim Publikum attraktives Thema auf die Leinwand bringen konnte. Mit seinem nachfolgenden Film „Liebe, wie die Frau sich wünscht“ (1957) begann seine Beschäftigung mit dem Sex, die auf direktem Weg zum „Schulmädchen-Report“ (1970) führen sollte. Unter der Regie von Rudolf Jugert, der im Jahr darauf erneut mit Belinda Lee „Der Satan lockt mit Liebe“ (1960) unter der Produktion Hartwigs folgen ließ, widmete sich „Die Wahrheit über Rosemarie“ nur vordergründig einem realen Thema, dass Hartwig vor allem dazu nutzte, tiefe Einblicke in das Prostitutions-Gewerbe zu wagen.

Entsprechend nehmen die Szenen einer meist leicht geschürzten Belinda Lee bei der Ausführung ihrer Arbeit einen wesentlich größeren Teil ein als in Thieles Nitribitt - Film. Damit wies „Die Wahrheit über Rosemarie“ schon auf das spätere „Schulmädchenreport“ – Rezept hin. Begleitet von dem scheinbar seriösen Kommentar eines Psychologen wurde um Verständnis geworben, gleichzeitig aber moralischer Anstand gepredigt, um den Freiraum für die Darstellung gesellschaftlich tabuisierter Themen zu erhalten. Das relativiert die Handlung aus heutiger Sicht ein wenig, ändert aber nichts daran, dass der Film im Vergleich zu Thieles - auch das spätere Bild der Rosemarie Nitribitt prägende - Gesellschafts-Satire zurecht in Vergessenheit geriet. (4/10)

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