The future of law enforcement:
Detroit in naher Zukunft: Eine Verbrechenswelle hat die Stadt überrollt, die Polizei ist unterbesetzt, unterbezahlt und hoffnungslos überfordert, hinzu kommt die bevorstehende Privatisierung durch den Technologiekonzern OmniConsumerProducts. Während die Wohnviertel in den Randgieten zu kriegszonenähnlichen Slums verkommen, plant der Vorsitzende von OCP den Abriß des alten Detroits und die Errichtung der hypermodernen Metropole "Delta City". Doch zuvor müssen die Straßen von Detroit vom Verbrechen gesäubert werden. Der im Dienst getötete Streifenpolizist Alex Murphy wird der Prototyp des "RoboCop"-Projekts...
Ohne Zweifel ist "RoboCop" ein Meilenstein des Sci-Fi Kinos. Was auf den ersten Blick wie eine ultrabrutale Comic-Verfilmung wirkt, entpuppt sich schon bald als beinharter, aber intelligenter Reißer und zugleich messerscharfe Gesellschaftsatire auf den American Way Of Life. Sein Held ist ein Ritter in glänzender Rüstung, der für Recht und Ordnung sorgt, die Guten beschützt und die Bösen... naja, abknallt. Die Maschine ist sowohl Judikative als auch Exekutive, eine logische Folge aus immens hoher Verbrechensrate und akutem Zeitmangel. Bezüge zum Westerngenre sind unverkennbar, werden bis ins Unendliche gesteigert und dann ad absurdum geführt (e. g.: Anders als der Outlaw, der nach dem Shootout das Weibchen in seine Arme schließt, informiert RoboCop das gerettete Vergewaltigungsopfer, daß er eine Notzucht-Therapiestelle verständigt hat.).
Der Grundtenor des Films ist durchweg pessimistisch, anders als andere Near-Future-Filme wie "TimeCop", "Freejack", "Minority Report" oder "I, Robot" präsentiert sich "RoboCop" nie als durchgestylte Parallelwelt mit abwegigen Automobilstudien und utopischer Alltagselektronik. Seine stetige Realitätsnähe bezieht der Film aus der simplen Weiterentwicklung aktueller Gebrauchsgegenstände, politischer und sozialer Konflikte sowie der Allmacht des Geldes. Zu Beginn des Films entführt das fiktive Nachrichtenmagazin "Media Break" den Zuschauer in die düstere Zukunft der ehemals so blühenden Motor City, die zu einem Sumpf aus Verbrechen, Habgier und Entmenschlichung verkommen ist, unterbrochen von bitterbösen Commercials, die für "Yamaha"-Sportherzen, das Familienspiel "Nukem" oder den sündhaft teuren wie protzigen Luxuswagen "6000 SUX" werben.
Der Weitblick des Production Designs in Sachen Politik, Medizin und Medien ist sowohl verblüffend wie auch erschreckend und kann dem Vergleich mit dem 21. Jahrhundert durchaus standhalten: Polizisten tragen Körperpanzer aus Kevlar und Schutzhelme, die Dienstwaffe ist kein Trommelrevolver, sondern eine halbautomatische Sig Sauer, bei Bedarf liegt das Steyer Sturmgewehr im Kofferraum. Bei den Cobra Angriffskanonen, die Boddicker und seine Gang für die Jagd auf RoboCop erhalten, handelt es sich eigentlich um Barrett Scharfschützengewehre des US-Militärs, die dem Zuschauer mittlerweile aus "Silent Trigger" und "Sabotage - Dark Assassin" bekannt sein, 1987 jedoch zum Staunen animiert haben dürften. In der U-Bahn und auf Toiletten vor den Urinalen zeigen Bildschirme in Augenhöhe unablässig Werbespots, über den Waschbecken informieren LEDs über die aktuellen Börsenkurse.
Nicht zu vergessen die absurd wirkende "1 Dollar"-Show von Bixby Snyder, die sich die meisten der männlichen Darsteller auf den allgegenwärtigen Bildschirmen anschauen. Ansich sollte diese Sendung, deren Höhepunkt aus einer Totenschlacht zwischen großbusigen Bikini-Schönheiten besteht, für verständnisloses Kopfschütteln sorgen, würden einem nicht aktuelle TV-Niveaulosigkeiten à la "Die Burg" oder "Ich bin ein Star, holt mich hier raus!" einfallen.
Verhoeven hat seinem Hang zur boshaften Satire hier freien Lauf gelassen: Nachdem ein Vorstandsmitglied im Konferenzraum beim Test mit dem Roboter ED 209 buchstäblich zerfetzt wurde, sorgt sich der Vorsitzende lediglich um die Kosten des Baustopps von "Delta City". Ein Geiselnehmer im Rathaus droht, den Bürgermeister zu töten und verlangt für die Wartezeit Kekse und frische Milch. Auf die Frage, ob es eine bestimmte Sorte sein solle, verlangt er schreiend "ganz normale, homogenisierte Vollmilch". Bob Mortons Stellvertreter probiert den rudimentären Brei, der für RoboCops organische Systeme gedacht ist, und kann seine Finger nicht davon lassen.
Einen besonderen Reiz macht die Verwendung von RoboCops Ego-Perspektive aus, die hin und wieder seinen Blickwinkel inklusive aktueller Systemdaten zeigt und beim allerletzten Showdown für Schmutzeln sorgt. Durch die Verwendung einer Steadicam mit Live-TV-Kamera gewinnt der Film noch mehr an Authentizität, der Zuschauer nimmt die Einstellung tatsächlich aus dem Blickwinkel von Murphy/"RoboCop" wahr.
Eine erlesene Riege nicht allzu bekannter/verbrauchter Darsteller sorgt für glaubhafte Charaktere: Peter Weller wirkt deshalb so überzeugend, weil er sich eben gerade nicht wie ein unbesiegbarer Schwarzenegger oder Stallone präsentiert. Nancy Allen ("Stephen King's Carrie") darf zeigen, daß sie nicht nur fiese Streiche aushecken, sondern auch ordentlich zuschlagen kann. Die weniger bekannten Kurtwood Smith ("Fortress - Die Festung") und Ray Wise ("Twin Peaks") sind die Idealbesetzung für intelligente, aber soziopathische Gangster. José Ferrers Sohn Miguel ("Der Manchurian Kandidat") darf sich die Kniescheiben zerschießen, Paul McCrane ("ER - emergency room") sogar überfahren lassen. Und Ronny Cox konnte Verhoeven mit seiner Darstellung des diabolischen "Dick" Jones davon überzeugen, ihn 1990 für den Worse Guy in "Total Recall" zu besetzen.
Der brachial martialische Soundtrack von Basil Poledouris (auch Komponist bei "Starship Troopers") und die für Verhoeven typisch extrem blutigen F/X runden das Bild ab. Glücklicherweise ist dieses Meisterwerk mittlerweile uncut in Deutschland erschienen und darf sogar auch im Director's Cut bewundert werden.
Hochgradig empfehlenswert.