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Es gibt wohl kaum einen Filmfreund, dem der Name Paul Verhoeven nicht etwas sagen würde. Bekannt ist der holländische Ausnahmeregisseur vor allem für seine oft provokanten Werke, die voller Sex & Gewalt stecken, was immer wieder Anlass für kontroverse Diskussionen bei Kritikern und in der Öffentlichkeit war. Sein allererster Hollywood Film außerhalb seiner niederländischen Heimat war das Sex & Crime Mittelalter Spektakel Flesh and Blood, das 1986 zwar bei den International Fantasy Film Awards als bester Film nominiert wurde, finanziell aber als gewaltiger Flop mit einem Einspiel von nur 100.000 Dollar in die Geschichte einging. Deutlich besser erging es da Verhoevens nächstem Projekt, dem packenden, futuristischen, medienkritischen, satirischen, actionreichen, blutdurchtränkten Science-Fiction Kracher Robocop (1987), der wie eine Bombe in der Filmwelt einschlug und völlig zu Recht als absoluter Klassiker gilt. Wirtschaftlich gelang bei einem Budget von 13,7 Millionen Dollar ein globaler Ticketerlös von 53,7 Millionen Dollar, was als solider Erfolg verbucht wurde.

Dabei lehnte Verhoeven den Stoff zweimal ab, weil er die satirischen Inhalte nicht verstand, erst ein längeres Gespräch mit seiner Frau konnte ihn überzeugen, die Regie zu übernehmen. Die Story wurde von Eduard Neumeier während den Dreharbeiten zu Blade Runner (1982) entworfen. Danach überarbeitete Michael Miner das Skript noch einmal. Als Hauptdarsteller für den cyberorganistischen Gesetzeshüter wurden Arnold Schwarzenegger, Michael Ironside, Rutger Hauer und Tom Berenger in Betracht gezogen. Schwarzenegger schied wegen seiner muskulösen Körperfülle aus, da die Produzenten dachten, er würde nicht in das Robocop Kostüm passen. Die anderen Darsteller sagten selbst ab, da sie ihr Gesicht nicht permanent unter einem Helm verstecken wollten, so dass letzten Endes der Weg frei war für den schmächtigen Peter Weller, der die Rolle als große Chance sah. Die Geschichte spielt in einer dystopischen, naheliegenden Zukunftsvision Detroits: Auf den Straßen herrscht das Verbrechen, die Polizei scheint überfordert. Der größte Konzern der Stadt, OCP, plant einen Roboter-Polizisten, der halb Mensch, halb Maschine den Cops unter die Arme greifen soll. Als der Streifenpolizist Alex Murphy (Peter Weller) auf offener Straße von Gangsterboss Clarence Boddicker (Kurtwood Smith) und seinen Schergen brutal erschossen wird, haben die Forscher endlich ihren "Freiwilligen". Murphys Kopf samt Gehirn wird in einen stahlharten Roboterkörper gesteckt und mit modernsten Waffen ausgerüstet. Robocop tritt seinen Dienst an und säubert die Straßen. Doch plötzlich quälen ihn Erinnerungen an sein früheres Leben und an seine Liquidierung, so dass er selbst Nachforschungen startet, um seinen eigenen Tod aufzuklären...

Ähnlich wie ich oben die Attribute von Robocop zusammengefasst habe, sieht ihn auch ein Großteil der Allgemeinheit: Verhoevens Genremeilenstein wird als actiongeladene, knallharte düstere Science-Fiction Vision mit satirisch kritischen Seitenhieben auf die mediale Sensationsgeilheit von Verbrechen und Gewalt wahrgenommen, verfeinert mit beeindruckendem Effektkino und völlig überzeichneter, überzogener Brutalität. Das einfachste, naheliegendste und meiner Ansicht nach auch elementarste geht manchmal ein bisschen unter: Robocop bietet im Prinzip, wenn man die ganzen attraktiven Verpackungsmaterialien einmal weg lässt, in erster Linie einen konsequenten und stringenten, klassischen Rachefeldzug mit einem hingerichteten Opfer, dass nach seiner Rückkehr sich mit seinen neuen Möglichkeiten an seinen Peinigern mit mindestens der gleichen Vehemenz rächt. Das ist zielstrebig, das ist geradlinig, das ist brachial, das ist hoffnungslos unterhaltsam und das funktioniert auch heute noch, 36 Jahre nach der gefeierten Kinopremiere von 1987. Wo andere Filme im Laufe der Zeit pö a pö Staub ansetzen, erscheint Robocop noch immer in voller Pracht, weil Verhoeven damals schon mit seinem Meisterwerk seiner Zeit voraus war.

Die moralische Legitimation für die heldenhafte Vergeltungsmission entsteht durch das bewusst drastisch gestaltete Ableben Murphys, bei welchem die Schurken bitterböse, blutrünstig und abgrundtief gehässig gezeichnet werden und der vorher als liebender Familienvater vorgestellte, junge Polizist im wahrsten Sinne des Wortes in Stücke geschossen wird, was so gesehen die Sympathien dementsprechend in die richtigen Bahnen leitet. Beweglichkeit und stahlharte Kraft zeichnen Robocops eisernen Körperpanzer aus, mit dem er durch die Unterwelt von Detroit marschiert und mit seiner halbautomatischen Pistole für Recht und Ordnung sorgt, während die Verbrecher blutig mit Blei durchsiebt werden und der majestätisch glorifizierende, ohrwurmartige Robocop Score von Basil Poledouris ertönt. Dazu gelingt es Verhoeven, Höhepunkte wie Murphys Vernichtung, Robocops Kampf gegen sein Konkurrenzmodell ED-209 oder die abschließende, brachiale Abrechnung mit Boddicker und seiner Bande geschickt über den ganzen Film zu verteilen. Die Actionsequenzen, die immer wieder mit deftiger Gewalt auf die Spitze getrieben werden, erscheinen permanent erschütternd und hoch intensiv, woran die handgemachten, beeindruckenden Special-Effects von Rob Bottin und seinem Team sicherlich nicht ganz unschuldig sind, auch wenn die ein oder andere Stopp/Motion Einstellung heute vielleicht etwas antiquiert wirkt, was aber in Anbetracht des überschaubaren Budgets von damals bestimmt keine Schande ist.

Neben dem Mainplot bietet Robocop mit seinen vielseitigen Hintergründen auch genügend Raum für freie Interpretationen. Die gesellschaftliche Lage in Verhoevens Zukunftsvision mit der gesetzlichen und wirtschaftlichen Monopolstellung eines Großkonzerns sowie den ironischen Anspielungen auf den verherrlichenden Umgang mit Gewalt in TV und Rundfunkanstalten, kann als persiflagisches Abziehbild seiner Wahrnehmung der amerikanischen Bevölkerung Mitte der 80er Jahre verstanden werden. Im Hinblick auf die wirtschaftsfreundliche Politik von Präsident Reagan ist es durchaus legitim, die im Film äußerst korrupt dargestellten Multi-Konzerne, die ganze Stadtteile gentrifizieren, als unterschwellige Kritik an den damaligen Verhältnissen anzusehen. Die teils beispiellose Härte sollte laut Verhoeven zum einen den ironischen Unterton seines Streifens verstärken, zum anderen hatte er mit Murphys grausamen Exekution und deren weiteren Folgen eine Metapher zur Kreuzigung von Jesus Christus im Sinne: "„Der Punkt von ‚RoboCop‘ ist natürlich, dass es eine Christusgeschichte ist … Es geht um einen Typen, der nach 50 Minuten gekreuzigt wird, dann in den nächsten 50 Minuten wieder aufersteht und dann nicht nur wie der Super-Cop der Welt ist, sondern er gleicht auch einer Jesusfigur, wie er am Ende über Wasser geht."  Ein weiterer interessanter Ansatz ist die Fragestellung, wieviel Menschlichkeit nach Murphys Tod in Robocop noch übrig geblieben ist und wie dieser mit seiner Verwandlung umgeht. Obwohl seine Überreste Konzerneigentum sind, lehnt er sich gegen seine Schöpfervorgaben auf und hat trotz seines maschinellen Aussehens eine Seele mit menschlichen Empfindungen und Ängsten. Doch Murphy ist tot und obwohl dieser in Robocop steckt, kann Robocop niemals mehr Murphy sein, was ihm nach den Erinnerungsfetzen an sein glückliches Familienleben schlagartig bewusst wird.

Peter Wellers Leistung gerecht zu bewerten, gestaltet sich als etwas schwierig, da er die meiste Zeit unter seinem Robocop Anzug steckt und dadurch jeglicher Mimik beraubt wird. In den wenigen Szenen ohne Verkleidung gelingt es ihm, den Charakter des Alex Murphys als rechtschaffenen und familiären Gesetzeshüter darzustellen und die roboterhaften Bewegungsabläufe des Blechbullens vermag er ebenfalls überzeugend zu simulieren. Nancy Allens Arbeitsnachweis als Murphys bzw. Robocops Partnerin fällt zwar grundsolide, aber ohne besonderen Glanz  aus. Ihre Rolle erhält im weiteren Fortlauf des Films zunehmend Bedeutung, da sie bei seiner Persönlichkeitsfindung behilflich ist, als er von allen Seiten attackiert wird, weswegen ich mir von ihrer Spielfreude her etwas mehr Courage erwartet hätte. Dafür punktet Robocop mit durch die Bank starken Schurkendarstellern: Allen voran schreitet Kurtwood Smith, der den sadistischen und widerwärtigen Gangsterboss Clarence Boddicker beängstigend bösartig und egozentrisch verkörpert, dass seine Figur zu einer der berüchtigsten Bösewichte der 80er Jahre wurde. Aber auch seine Gefolgschaft von außer Rand und Band geratenen, fiesen Straßenschlägern ist mit in ihren Charakteren aufgehenden, optimal gecasteten Darstellern besetzt worden, welche die dunkle Seite des Streifens ausgezeichnet bekleiden. Eine weitere Erwähnung verdient sich noch der charismatisch aufspielende Ronny Cox, der als zwielichtiger und korrupter Vize Präsident von OCP zu sehen ist.

Robocop hat sich also seinen Kultstatus als hartes und richtungsweisendes Science-Fiction Spektakel mit einem ansprechenden Zukunfts-Szenario, mit den vielseitig deutbaren Gegebenheiten, mit der konsequenten, gewalttriefenden, spektakulären Rache Action, mit seinem ikonischen Helden und mit seinen erinnerungswürdigen Antagonisten redlich verdient und bietet insgesamt betrachtet so gut wie gar keine Angriffsfläche für Kritik. Auch die internationale Fachpresse ist sich mit größtenteils begeisterten und überwältigenden Resonanzen einig, obgleich der Film gerade wegen seiner Brutalität auch Prügel einstecken musste und eine nicht unerhebliche Zensurgeschichte mit R-Rating Kürzungen in den Staaten und FSK Willkür in Deutschland vorzuweisen hat.  Zum Glück ändern sich auch hier die Zeiten und Robocop ist mittlerweile in seiner ungekürzten Unrated Version überall problemlos erhältlich. Ja wenn das mal kein Grund zum feiern ist, den kauf ich doch glatt für einen Dollar! MovieStar Wertung: 10 von 10 Punkte.


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