Magie oder Manie?
Schon mit „Interview with a Vampire“, „The Crying Game“ und vor allem „Company of Wolves“ hat Neil Jordan gezeigt, was er visuell drauf hat und wie er Realität und Fiktion, Traum und Wahrheit, Märchen und Imagination ineinanderfliessen lassen kann. Er lebt und liebt es einem den Boden unter den Füßen wegzuziehen, Unsicherheit und ein Gefühl von Schwerelosigkeit zu erzeugen. Sein eher unbekannterer „In Dreams“ beweist das vielleicht am deutlichsten, wenn er eine verzweifelnde Mutter mit Visionen von einem Serienkiller und dessen Opfern ausstattet…
Hysterie oder Märchen?
„In Dreams“ ist ein extrem wankelmütiger Film. Giallo trifft Hollywood. Fragezeichen treffen Staunen. Die Augen der Annette Bening. Mal zum Fremdschämen schlecht und wirr, overacted und peinlich. Ich kann verstehen, wenn es dadurch Magerwertungen regnet. Mal aber auch traumwandlerisch, wunderchic und anders, atmosphärisch, speziell und einnehmend. Diese Gratwanderung der Töne und Qualitäten macht Neil Jordans Thriller zumindest erinnerungswürdig. Wenn auch sicher nicht nahtlos gut. Ganz im Gegenteil. RDJ als Psychopath und Killer kommt er recht spät ins Bild, bleibt dann aber im Gedächtnis, weil er sich den Inkonsistenzen des Gesamtwerks anpasst. Dazu sind die Unterwasseraufnahmen hypnotisch hübsch, der Soundtrack hätte auch in ein Märchen gepasst, Annette Bening sieht man selbst in diesem hysterischen Modus gerne. Und einzelne Bilder, Themen, Momente brennen sich fest - mal Horror, mal Drama, mal Theater, mal Traum. Doch gleichermaßen springt und rutscht, mäandert und beschleunigt sich der Psychothriller dermaßen unberechenbar und teils gar unangenehm durch seine Landschaften - erträumte wie reale - dass man nicht nur oft den Boden unter den Füßen, sondern auch das Interesse am Geschehen verliert. Mit einer etwas stringenteren Regie und besseren Balance, einigem an Feintuning, hätte man hier sicher wesentlich leichter Zugänge aufrechterhalten können. So bleibt ein attraktiveres wie verwunderliches Unikum der Konfusion.
Fazit: im Kern ein sehr generischer Serienmörderkrimi, der durch Jordans visuelle Vitalität und kreativen Kniffe die Grenzen zwischen Träumen und Realitäten verwischt. Verspielt und sprunghaft. Unklar und verunsichernd. Eher bei sowas wie „The Cell“ anstatt Tatort. In seinen mieseren Phasen aber auch ein kaum fassbarer Katastrophenkrimi, keine Frage.