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„Geiselnehmer – kennste einen, kennste alle!“

Auch der siebte Wiesbadener „Tatort“ um Ulrich Tukur in seiner Rolle als LKA-Ermittler Felix Murot wurde zum Anlass genommen, klassische TV-Krimi-Sujets zu durchbrechen und sich stärker der Filmkunst zu widmen: „Murot und das Murmeltier“, geschrieben und inszeniert von Dietrich Brüggemann (nach „Stau“ sein zweiter „Tatort“), ist eine Hommage an die turbulente US-Zeitschleifenkomödie „Und täglich grüßt das Murmeltier“ aus dem Jahre 1993. Die Mystery-Krimikomödie wurde bereits 2017 gedreht und am 30.08.2018 auf dem Festival des deutschen Films uraufgeführt. Die TV-Erstausstrahlung erfolgte erst am 17.09.2019. Neben dem Drehbuch stammen auch die vom Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks eingespielten Kompositionen von Brüggemann.

„‘n Kaffee, ‘n Tee, ‘n Schnaps und ‘n Croissant!“

Kollegin Magda Wächter (Barbara Philipp) klingelt Murot frühmorgens aus dem Bett: Ein Geiselnehmer (Christian Ehrich, „3 Zimmer/Küche/Bad“) hat sich zusammen mit seiner Komplizin (Nadine Dubois, „Tschick“) in einer Taunusbank-Filiale verschanzt und die Bankangestellten als Geiseln genommen. Vor Ort lässt sich Murot von Wächter sowie den Einsatzkräften Dreher (Tom Lass, „Tatort: Auf einen Schlag“), Brendel (Jörg Bundschuh, „Tatort: Verschleppt“) und Schreiner (Monika Anna Wojtyllo, „Alki Alki“) auf den aktuellen Stand bringen: Die Überwachungskameras wurden abgeklebt, konkrete Einblicke in die Situation in der Filiale gibt es nicht. Der Geiselnehmer beginnt, mittels Papierfliegern mit der Polizei zu kommunizieren. Murot entschließt sich, mit schusssicherer Weste ausgestattet die Bank zu betreten und die Kriminellen zur Aufgabe zu überreden. Doch als die Situation bereits bereinigt scheint, erschießt die Gangsterin Murot. Wieder ist es sein Mobilfon-Klingelton, der Murot aus dem Schlaf reißt: Wächter zitiert ihn zur Taunusbank-Filiale, wo gerade eine Geiselnahme stattfindet…

„Murot, Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien. Der Kommissar ist krank, ich mach‘ hier heute Vertretung.“

Fast schon arrogant mein Murot von vornherein, bereits alles über den bzw. die Täter zu wissen. Wie unspektakulär die Geiselnahme scheinbar beendet wird, ist in der Tat beeindruckend, doch Hochmut kommt vor dem Fall. Murots Tod ist ein erster Schreckmoment, der jedoch keine Auswirkungen hat: Erneut begegnet Murot seiner joggenden Nachbarin mit dem offenen Schnürsenkel (Katharina Schlothauer, „Gut zu Vögeln“) im Hausflur, ärgert er sich über die laute Musik seines direkten Nachbarn (Daniel Zillmann, „Ich und Kaminski“), trifft er auf der Straße eine junge Mutter (Anna Brüggemann, „Kleinruppin Forever“) mit ihrem schimpfenden kleinen Sohn (Jakob Stöve) und reagiert er genervt auf die Windschutzscheibenputzerin (Desiree Klaeukens, „Heil“), die ihm an einer Ampel ungefragt ihre Dienstleistung aufzwingt. Willkommen in der Zeitschleife!

„Es gibt da ja noch diesen Banküberfall…“

Doch die Abläufe variieren, insbesondere die Interaktion mit dem offenbar verwirrten Bankräuber – wenngleich jeder Versuch der unblutigen Beendigung der Geiselnahme mit Murots Tod endet. Nach und nach realisiert Murot, dass er ein Gefangener der Zeit ist – und nicht nur er, sondern auch sein Antagonist Stefan Gieseking, dessen Namen er ebenso wie den der Mittäterin, Nadja Eschenbach, recherchieren konnte, da er seine Erinnerungen an die Ereignisse behält. Dass er also mit seinem Schicksal nicht allein ist, gar überhaupt erst in die Zeitschleife gerät, weil ein anderer in ihr gefangen ist, ist neben dem kriminalistischen statt romantischen Umfeld die größte Variation gegenüber dem Hollywood-Vorbild, die zu Dialogen existentiellen und philosophischen Inhalts führt: Wie lebenswert ist ein Leben in Alltagstrott und Monotonie? Ist nicht ohnehin jeder Tag derselbe und somit sinnlos? Ein Schelm, wer dabei gedanklich einen Bezug zur „Tatort“-Reihe herstellt: Verläuft nicht auch diese viel zu häufig nach Schema F? Geht es ihr nicht generell vornehmlich um die Variation des ewig Gleichen?

Nun wird „Murot und das Murmeltier“ allerdings keinesfalls eine verkopfte, desillusorisch depressive Angelegenheit. Dafür sorgt allein schon der Humor, der sich ebenfalls an seinem Vorbild orientiert: Nachdem Murot sich sicher sein kann, dass er auch im Falle seines Ablebens denselben Tag erneut erleben wird, beginnt er zu experimentieren, lässt sich zu Albernheiten hinreißen, tritt im Schlafanzug den Dienst an, malträtiert seinen Nachbarn und erschießt ihn unabsichtlich, begeht kurzerhand Suizid, nachdem er sich versehentlich aus der Wohnung ausgeschlossen hat. Murot treibt diese Spielchen in seiner Mischung aus Verzweiflung und Ernüchterung schließlich sogar bis zur Täter-Opfer-Umkehr. All diese Episoden sind von unterschiedlicher Länge, was zu ihrer Unvorhersehbarkeit beiträgt, welche den „Fall“ wiederum bis zum Ende spannend und schwer unterhaltsam hält.

Eine überraschende Wendung im letzten Drittel führt endlich zu einem erfolgversprechenden Anknüpfpunkt für Murot, dem der lebensmüde Gieseking schon vor Monaten das Du angeboten haben will. Dies animiert noch einmal das Logikverständnis des Publikums: Man war als Zuschauer(in) demnach nicht bei der ersten Begegnung beider zugegen, sondern erst ab der ersten Wiederholung, an die Murot sich erinnern kann, ab der er selbst Teil der bewusst wahrgenommenen Zeitschleife wurde. Aber auch unabhängig von diesen Logikspielchen ist „Murot und das Murmeltier“ eine erfrischende Ehrerbietung an „Und täglich grüßt das Murmeltier“ sowie eine gelungene, teils bissige und schwarzhumorige Variation, die auch ohne Kenntnis der Vorlage bestens funktioniert – was auch dem bis in die Nebenrollen hinein enorm spielfreudigen Ensemble geschuldet ist.

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