Chinas Kinolandschaft hat sich in den letzten Jahren dramatisch verändert: Mal mehr, mal weniger aufwändige Kampfsport- oder Historienfilme haben ihren Platz an der Spitze der immer lukrativeren einheimischen Boxofficelisten längst an zeitgenössische Actionreißer wie „Wolf Warrior“ oder „Operation Red Sea“ abgetreten, flankiert von den immer noch populären und hierzulande meist unverkäuflichen Slapstickkomödien.
Science-Fiction war bislang noch nicht wirklich präsent im cineastischen Portfolio der vorsichtig formuliert immer noch staatlich beeinflussten Filmindustrie, aber der auch internationale Erfolg des Autors und Hugo-Preisträgers Liu Cixin („Die drei Sonnen“ + Nachfolger) hat hier bestimmt geholfen, um eine ordentliche Summe Geld für den ersten großen Versuch in die Richtung aufzutreiben. Der gute Liu ist auch deswegen eine prima Überleitung, weil „The Wandering Earth“ auf einer Kurzgeschichte vom ihm beruht. Wer die „Triosolaris“-Bücher zumindest teilweise gelesen hat, wird bei der Nachricht möglicherweise erst mal einen leisen Schrecken bekommen; die Dinger sind, obwohl auf ihre Art durchaus faszinierend, schon sehr strange und für mich auch hart an der Grenze der Unverfilmbarkeit (was mit zu viel Geld und zu wenig eigenen Ideen gesegnete Streamingproduzenten vermutlich nicht daran hindern wird, die über kurz oder lang auf den kleinen Schirm zu bringen). Aber Entwarnung – ohne die Novelle zu kennen, vermute ich, dass man aus dem Buch nur die Grundidee übernommen hat, der Rest ist sehr konventionelles Katastrophenkino, das auch Hollywood gerne nach fast gleichem Schema F produziert (Armageddon mit Bruce Willis zum Beispiel, die älteren werden sich erinnern).
Der Plot ist, sofern man nicht zu weit auf das Ende hin spoilern mag, schnell erzählt: Unser geliebter Planet Erde droht sich aufgrund der Launen der Sonne in eine unbewohnbare Wüste zu verwandeln, da kommt die fix installierte Weltregierung auf die gloriose Idee, mit Hilfe von hunderten starken Triebwerken in der Erdkruste die gute alte Erde auf die Wanderschaft zu schicken, die Hälfte der Bevölkerung auszusortieren (der Rest darf unterirdisch überleben) und sich ein neues Sonnensystem zu suchen; hoffen wir mal, dass davor kein interstellarer Trump eine Mauer gebaut hat. Doch schon auf der Höhe des Planeten Jupiter droht das Vorhaben an dessen Gravitation zu scheitern, da müssen chinesische Patrioten unterschiedlichen Alters, insbesondere Weltraumpilot Liu Qi und sein Sohn, helfend eingreifen.
Ganz ehrlich, wer von einem Katastrophenfilm anspruchsvolle Geschichten, tiefgründige Aussagen oder schauspielerische Höchstleistungen erwartet, ist in seiner filmischen Sozialisation ein paar Mal aber so richtig falsch abgebogen. Viel mehr kommt es im Genre auf eine halbwegs plausible Ausgangssituation an, auf ein paar sympathische Charaktere, um die man angemessen Angst haben kann, und dann natürlich den hinreichenden Bums, also die möglichst realistisch aussehende Zerlegung bekannter Strukturen in ihre nicht sofort als solche erkennbaren CGI-Bestandteile. Fangen wir mal hinten an: Rund 48 Mio. Dollar in westlicher Währung sollen dem Regisseur zur Verfügung gestanden haben, nicht unbedingt rasend viel, wohl auch aufgrund einiger Produktionsquerelen. Für das Geld kann selbst in China niemand Bäume ausreißen oder ganze Planeten glaubhaft demolieren, und die Defizite sieht man vor allem in den Sequenzen auf der erfrorenen Erdoberfläche und den sich darüber kolonnenartig bewegenden Transportfahrzeugen - die wirken allesamt auch mit viel Wohlwollen eher wie aus einem MMORPG bei leicht stockender Internetverbindung. Geht es in den Weltraum, wird es besser, die – warum auch immer – der Erde vorwegwandernde Raumstation macht einiges her, die dramaturgisch allerdings eher sinnfreien Sequenzen, in denen die Protagonisten außen daran entlang fliegen, gehen durchaus als Highlight durch, auch wenn die kräftig von Hollywood „inspiriert“ sind. Auch den Jupiter sowie den finalen Big-Bang (was warum in die Luft fliegt, soll hier nicht verraten werden) hat man ganz ordentlich hinbekommen, ohne irgendwelche Maßstäbe zu setzen.
Inhaltlich gilt das mit den Maßstäben erst Recht, aber sollen wir uns hier wirklich über das reichlich vorhandene Pathos, den kaum zu übersehenden Patriotismus und etliche tränenfeuchte Abschiedsreden beschweren ? Wer den erwähnten „Armageddon“ gesehen hat, weiß, das Hollywood so was in mindestens gleichem Umfang auch zustande bringt, also klarer Fall von Unentschieden. Bei den Charakteren hört das westliche Verständnis dann aber in der Tat ein wenig auf, die Mischung aus Jungspunden (eine chinesische Endzeit-Greta + ein Looser, der natürlich zum Helden wird, + ein paar eher schwachmatische „Profis“, und nicht zuletzt auch der asientypische unvermeidliche lustige Nerv-Sidekick) ist für unsere Augen schon schwer gewöhnungsbedürftig. Das große Mitfiebern mit den Figuren bleibt demgemäß eher aus, aber da das Tempo insgesamt recht hoch ist, muss man da nicht allzu lange darauf herumreiten. Erst gegen Ende häufen sich die sehr plakativen Funksprüche und Ansprachen doch ein bisschen arg.
Inwieweit das Ganze als halbwegs plausible Zukunftsvision durchgeht, mag ich nicht abschließend beurteilen. Während die Ausgangsituation im weiteren Umfeld der Klimawandeldiskussion noch irgendwo diskutabel sein mag, dürfte man mit der Einschätzung, dass die als Abhilfe verkaufte Idee eher Schwachfug ist, nicht gar so falsch liegen Auf der Liste „Stört / Stört nicht“ steht das bei mir allerdings nicht unbedingt auf der linken Seite; da wäre für mich schon die eher fragwürdige Moral zu hinterfragen, mit der man sich hier wohl kurzerhand von der halben Menschheit verabschiedet hat. In die Kategorie fällt dann auch der Subplot um eine kleine Verschwörung durch die neue Erdregierung, die ist aber wohl auch in der literarischen Vorlage angelegt.
Alles in allem ist das ein mit etwas Toleranz für ein paar politische und kulturelle Unterschiede und seine schon ziemlich haarsträubende Prämisse durchaus ansehbarer SF-Katastrophenfilm. Technisch sehr schwankend, Highlights und mäßige Effekte wechseln sich da relativ zeitnah ab. Über die etwas gewöhnungsbedürftigen Charaktere und einige Anflüge von Pathos kann man dank des hohen Tempos gut hinwegsehen.
6/10