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Nachdem der italienische Regisseur Tonino Valerii („Mein Name ist Nobody“) 1970 für das Erotik-Melodram „Das Mädchen Julius“ erstmals das Italo-Western-Genre verlassen hatte, betrat er mit seinem nächsten Film „My Dear Killer“ alias „Time to Kill, Darling!“ ein Jahr später das Territorium des Giallos.

Ein Privatdetektiv wird von einer Baggerschaufel enthauptet, was Inspektor Peretti (George Hilton, „Der Killer von Wien“) auf den Plan ruft. Dieser muss jedoch feststellen, dass der Fahrer des Baggers bei seinem Eintreffen ebenfalls tot ist. Selbstmord durch Erhängen? Mitnichten, wie Peretti feststellt, es sollte lediglich danach aussehen. Die Mordserie führt zum Moroni-Fall, den der Inspektor neu aufrollt: Stefania Moroni (Lara Wendel, „Tenebrae“) wurde vor einigen Jahren gekidnappt, bei der Lösegeldübergabe auch ihr Vater entführt. Beide wurden schließlich tot aufgefunden. Der Mörder belässt es nicht bei den bisherigen Opfern und hat es auf jeden abgesehen, der Peretti Hinweise zu seiner Identität geben könnte…

„Sein Gestank lässt mir sogar die Blumen verwelken!“

Bereits der Prolog erschreckt mit der Köpfung durch die Baggerschaufel, Maestro Morricone schuf eine unheimliche Titelmelodie mit Kindergesang – so beginnt „My Dear Killer“ düster und vielversprechend. Den ernsten Tonfall unterbricht ein kauziger Zeuge, der „Umsonst-Mann“ Luigi, mit einer komödiantischen Einlage. Bereits früh wird deutlich, dass es sich um einen Giallo nach dem klassischen Whodunit?-Prinzip handelt, der jedoch viel mehr von einem Kriminalfilm als von einem Psycho-Thriller oder Horror-Giallo hat: Die Ermittlungsarbeit übernimmt hier tatsächlich ein Polizeiinspektor und nicht etwa ein gehetztes Opfer oder ein selbst verdächtig gewordener Ausländer. Und eben diesen Peretti versucht Valerii als äußerst gewissenhaften, von seiner Arbeit getriebenen Mann zu charakterisieren, z.B. indem er ihm durch seine Frau am Abendbrottisch den Vorwurf machen lässt, dass er zu wenig Zeit für sie habe. Wenn sie dabei von einer schwarzbehandschuhten Gestalt beobachtet werden, befindet man sich indes wieder ganz im Genre-Sujet.

Dieses wird auch nicht verlassen, wenn der Mörder aus Point-of-View-Perspektive gezeigt bzw. eben nicht gezeigt wird, es zu weiteren Toten kommt, die Gelegenheit für weibliche Nacktheit nicht ungenutzt bleibt und eine Kinderzeichnung einer entscheidenden Bedeutung beikommt. Diese zeigt nämlich ein ganz bestimmtes Haus, wie Peretti im Gespräch mit Stefanias attraktiver Lehrerin (Patty Shepard, „Die Nacht der Vampire“) in Erfahrung bringt. Und nachdem diese zunächst lediglich für einen False Scare herhalten musste, fällt sie schließlich der wohl verstörendsten Szene des Films zum Opfer: In ihre Wohnung (aus deren Fenster sie schwarze Handschuhe hängen hat!?) bittet sie den Mörder in einer unheimlich spannenden Sequenz dummerweise freundlich herein, um anschließend brutal mit einer tragbaren Kreissäge (die ich zunächst für eine Schleifmaschine hielt…) brutal dahingemordet zu werden. Dieser Gewaltexzess bedeutet den Höhepunkt des Films in Sachen expliziter Gewaltdarstellung, ansonsten gibt sich „My Dear Killer“ diesbzgl. eher zurückhaltend und konzentriert sich auf die Ermittlungen und seine Vielzahl an Charakteren.

So erfährt der Zuschauer beispielsweise, dass Stefanias Mutter vor Trauer den Verstand verloren hat, bevor Valerii eine Rückblende zur Entführung montiert. Zurück in der Gegenwart deutet die Handlung in Person eines mit Stefania befreundet gewesenen Malers das Thema des pädophilen Kindesmissbrauchs nur allzu deutlich an, wenn ein nacktes Kind durch seine Wohnung huscht und er äußert, es handele sich lediglich um ein Modell. Damit hat „My Dear Killer“ zweifelsohne seinen Hauptverdächtigen. Dass dieser auch noch seine Deko-Ministatuen verschwinden lässt, die jedoch wieder aus dem Wasser gefischt werden, wirkt zudem alles andere als entlastend. Leider hat die dialoglastige Krimihandlung mittlerweile arg an Thrill, Dramatik und Spannung eingebüßt und wenn Peretti dann schlussendlich nach Agatha-Christie-Manier sämtliche noch lebenden Verdächtigen um sich versammelt und den Mörder überführt, ist es ausgerechnet der am wenigsten Verdächtige, so dass man sich als Skeptiker eher zweitklassiger Gialli durchaus etwas veräppelt vorkommen kann – vor allem, wenn die Tätersuche psychologisch weitestgehend uninteressant bleibt.

Letztendlich ist der prima besetzte, gut ausgestattete und mit einem wie nicht anders zu erwarten hörenswerten Morricone-Soundtrack versehene Film sicherlich keine Zeitverschwendung, hat einige sehr erinnerungswürdige Momente zu bieten und ist handwerklich alles andere als schlecht gemacht. Leider hapert es an der Handlung und für ein dankbares Style-over-Substance-Erlebnis sticht er dann doch nicht genug heraus, wirkt bisweilen eher etwas britisch-altbacken als delirierend-italienisch. Ich würde „My Dear Killer“ im leicht gehobenen Durchschnitt ansiedeln und muss konstatieren, an Valeriis Western sowie eingangs erwähntem Melodram mehr Freude gehabt zu haben.

5,5 von 10 Schleifmaschinen

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