"Sie sind also auch im Kino ? Und...was essen Sie ?" [ Jūzō Itamis Tampopo ]
Fruchtlose Diskussionen über Aufnahme und Wert eines Gegenstandes werden nach dem Ausbleiben von monokausalen Erklärung oder der Unlust auf eine Fortführung der Debatte meist mit dem Schlussatz "Das ist Geschmackssache" abgetan. Gerade bei der Betrachtung von Filmen hängt dabei auch viel von Sympathien und Antipathien gegenüber dem Star speziell oder der Produktion allgemein ab, es kommt auf den Standpunkt, die Erfahrungen, die Stimmung, die Aufgeschlossenheit an und ob man die Themenmixtur überhaupt leiden möchte. Ähnlich verhält es sich beim Essen. Dort sicherlich noch weitaus stärker von der Kindheit an ausgeprägt hat man gewisse Speisen, die man zu Leibgerichten erkoren hat und andere, bei deren Namen man sich bereits vor Greuel schüttelt, obwohl man sie noch gar nicht probiert hat und dies höchstwahrscheinlich auch unter guten und viel Zureden nicht tun wird. Allerdings schmeckt auch dort Gleichgenanntes verschieden: Bei Mutter daheim meist am Besten, je nach Landesregion dann auch gar nicht mehr wie die geschätzte Erinnerung und manche Speisen nur abscheulich, wie man sie auch zubereiten mag.
Gusto stellt deswegen oft die einzig klageführende Instanz dar. Über Geschmack lässt sich bekanntlich [schlecht] streiten. Wenn God of Cookery in seiner leicht bekömmlichen Blockbuster-Abfüllung eines gelingt, dann ist es die Vereinigung beider Künste und das Aufzeigen der winzigen, aber enorm wichtigen Unterschiede, die die Beurteilung von subjektiven Gefallen zu Mißfallen und umgekehrt ändern können. Auch dieser Film ist Geschmackssache, trotz der häufig begeisterten Nachfrage.
Von der objektiven Warte ruht man sich gleich auf verschiedenen beliebten Angriffstrategien aus; im Kampf um Platz 1 des Absatzmarktes sind schliesslich auch alle Mittel erlaubt. So bedient man sich mehrerer alter Rezepturen, deren Verfallsdaten aber noch lange nicht abgelaufen sind und bietet dem geneigten Publikum alle Zutaten, die in der Theorie für eine leckere Popcorn-Mahlzeit vonnöten sind. Die Geschichte allein stellt mit seinem moralischen Gleichnis innerhalb der unumstrittenen Fünf-Akt-Strukur eine narrensichere Bezugsquelle für aufrührerische Botschafts-Dramatik dar und arbeitet grundsätzlich nur mit Variablen, nie mit Unbekannten. Inhaltlich die Lehre von Jemanden, der erst aus dem Himmel auf den Boden stürzen und sich wieder aufrappeln muss, um auf dem Wege der Tugend und Weisheit ein besserer Mensch zu werden. Die Wie Phönix aus der Asche - Mythologie als wiederentdeckte Spezialität; eine effektive Metapher für Neues aus Zerstörtem und Positives aus Vernichtetem:
Sik san, der God of Cookery [ Stephen Chow ] hat Alles erreicht, was sich ein Meisterkoch erträumen lassen kann. Er ist von den Kollegen nicht nur respektiert, sondern auch gefürchtet; seine überaus strengen Kritiken werden ebenso widerspruchslos hingenommen wie Beleidigungen und andere Mißhandlungen. Auch mit dem Franchise-Geschäft läuft alles blendend, die Eröffnung weiterer Ketten steht kurz bevor und mit seinem Konterfei lässt sich selbst Abfall für teures Geld verkaufen. Als ihm Bull Tong [ Vincent Kok ], ein Chinese Cookery Academy Graduate, als Handlanger untergeschmuggelt wird, dieser ihn bei einer öffentlichen Präsentation vor laufenden Kameras bloßstellt und er auch noch wegen dem Vertrieb von britischem Rindfleisch verhaftet wird, scheint sein Schicksal besiegelt.
Jeweils ein Drittel der Geschichte fällt auf ein prägnantes Stadium seines Ab- und Wiederaufstiegs. Die Person selber ändert sich gar nicht aussergewöhnlich; auf wahrhaftige Charakterisierung wird weniger bis nicht eingegangen, stellt damit aber auch keine Ausnahme im Genre dar und kann zugunsten einem rein komödiantisch dankbaren Potpourri auch durchaus mal vernachlässigt werden. Immerhin offenbart das jeweilig bereitete Essen die Schwächen oder Stärken der Figuren und vor allem ihr soziales Milieu; anfangs dient es als wahrhaftiges Kunstwerk, einem Gemälde gleich und mit dem Sinken in niedere Gesellschaftsstufen geht es um die reine Nahrungsaufnahme. Möglichst simpel gehalten, was auch übertragend für die Erzählung gilt. Das prägnante Konkurrenzverhalten und das Ringen um die Marktposition, Ehre und Ruhm hält in überspitzt-sarkastischer Weise für den Konflikt von Protagonist und Antagonist her. Die blosse narrative Behandlung schmiegt sich nicht nur in dem Fall vermehrt an die eingespielten Gangster- oder auch Spielerfilme wie God of Gamblers, in denen die Gefahr auch meist direkt aus den eigenen Reihen kommt und man sich wegen Disloyalität und Verrat neue Mitstreiter suchen muss.
Der Ausgangspunkt des Kochwettbewerbs entstammt der japanischen Hitsendung Iron Chef, eine Art Teufels Küche oder Das perfekte Dinner für Profis, die auch Ableger in den USA oder den UK gefunden hat und diesjährig noch einmal für die Wong Jing Comedy The Lady Iron Chef herhielt. Auch die weiteren Parodien sind für die unbefleckten Zuschauer weitgehend unsichtbar - berühmte asiatische 80er Jahre Commercials und dergleichen - , als glorreiche Ausnahme hält eine Die 18 Kämpfer aus Bronze / Die 36 Kammern der Shaolin Hommage oder auch eine ausgesuchte Einstellung aus Die Üblichen Verdächtigen her.
Nachdem Chow degradiert auf dem Armenviertel der Temple Street gelandet ist, er auf Extrawürste verzichten und gar bei der Verkäuferin Twin Dagger Turkey [ Karen Mok ] um eine Schüssel Instant Nudeln betteln muss, weitet sich die nunmehrige Episode in das Umfeld der gleichjährigen Triadenwerke aus. Der Krieg um die Vorherrschaft der Machtposition im Fast Food / Straßenverkauf wird hier wie dort erst mit hitzigen Drohungen und alsbald mit Messern ausgetragen; Chow gerät als Unbeteiligter mitten in die strittige Angelegenheit zwischen den bevorzugten Angeboten beef balls und pissing shrimp und löst den Konflikt auf seine Weise: Er erfindet die "Explosive Pissing Beef Balls", womit er die Ingredienzien aller Parteien zu einem Verkaufsschlager vereint und so die Interessen bündeln kann. Nach anfänglicher Zurückhaltung ist auch die Kundschaft schwer begeistert und erlebt bei der Verköstigung wahre Aromaorgasmen.
Trotz dem geschickten Jonglieren mit gängigen Sehgewohnheiten kommt leider nicht jeder passive Betrachter in denselben kulinarischen oder auch cineastischen Genuss.
Hier isst ja fast nur das Auge mit, und gerade das sinnliche Objekt der Begierde wird nach anfänglich optischen Leckerlis eher missgünstig behandelt. Die formalen Einstellungen sind fein, die innerbildliche Montage ersetzt mit einem breiten Spektrum an Ausdrucksmöglichkeiten unnötige Dialoge und bereitet zumindest den Einstieg mundgerecht mit der starken Würze besonderer visueller Reize zu. Trivialer Inhalt in erhabener Form. Aber sättigend für einen Tag ist der Chinese Feast Appetizer mit seinem Schnibbeln, Dünsten, Braten im pompösem Lichterteppich und passend klanglicher Untermalung allein nicht. Ist so schon die Farbkorrektur ins auffällig Bunte mit orangenem Hauptton verzehrt und scheint auch viel Weichspüler durch den Schneideraum geflossen sein, so hat man zusätzlich bloss Mimiken gecastet, die man nicht wirklich im engsten Zusammenhang mit Essen sehen möchte. Die Folge ist eine eher zweifelhafte Delikatesse, im grässlichsten Wesen verunstaltet, statt einer chaplinesken Gaumenfreude. Nicht wirklich fröhlich oder optimistisch, sondern mehr eine possenhafte Buffonade.
Stephen Chow selber spielt sich mit leicht müder Begeisterung und ohne die sonstig sprühend-ironische Selbstdistanz durch den zuweilen wenig appetitanregenden Plot. Karen Mok wird unter entstellender Maske versteckt. Ng Man Tat zusätzlich gar auf die ruhige Bank des einfachen Bösewichts abgeschoben. Die häufigen regulars Lee Kin Yan, Bobby Yip, Tin Kai Man und Law Kar Ying haben keine weitere Funktion als das schlichte Abtragen der Pflichtfelder. Anfangs noch viel scharfzüngige, beissend kasuistische Gemeinheiten und höhnische Erniedrigungen im Dauerfeuer, über die man nur mokant lächeln kann; später werden in mancher Hinsicht Witze anskizziert, die hier noch lieb- und geistlos die Suppe versalzen und erst bei Shaolin Soccer so richtig munden sollen. Zumindest vergeht die Zeit wie im Fluge, aber der hohe Verbreitungsgrad des Filmes ist nur ein Indiz und bestimmt kein Beweis für seine Qualität. Ansichtssache.
Zum Nachtisch noch ein Schmankerl aus der Gerüchteküche. Abgesehen von einer lange angekündigten, aber bisher nicht in handfeste Planung gegangenen Fortsetzung war Chow auch für ein amerikanisches Remake im Gespräch, indem er für die 20th Century Fox einen anderen King of Comedy in Szene setzen sollte: Jim Carrey.