*** SPOILERWARNUNG ***
Brie Larson gibt ihren Einstand im MCU und dann gleich als quasi mächtigste Heldenfigur des Marvel-Kanon, so man den Schriften glaubt. Vielleicht war die Last zu enorm, auch beim Studio, dieser großen Figur gerecht zu werden. Denn mit „Captain Marvel“ schlittert man im Filmuniversum der verkleideten Heldinnen und Helden nur im Mittelfeld rum.
Dabei liest sich die Geschichte auf dem Papier nicht schlecht. Die Sprünge durch die Verknüpfungen von Erinnerungen und Wahrheit und wie das aufgedröselt wird mitsamt einem Twist in der Mitte ist nicht verkehrt. Auch der Retro-Aspekt, es ist das Jahr 1995, bringt etwas Abwechslung, so richtig spürt man diese Epoche allerdings nicht. Da reicht ein Song hier oder ein Münztelefon da nicht wirklich aus.
Larson selbst kann zwar hier und da schelmisch gucken und wirkt agil. Emotional ist das alles aber unterentwickelt, die Figur wirkt kühl und erlangt nie die angestrebte volle Sympathie. Ein Stück weit ist das auch dem Skript geschuldet, das ihre Figur mehr reagieren als denn agieren lässt. Da wird sie von Ben Mendelsohn, den man unter seinem Make-Up als Talos nicht erkennt, und von einem digital verjüngten Samuel L. Jackson als Nick Fury schon abgehängt. Und dazu müssen die beiden sich nicht mal besonders anstrengen. Und endlich erfährt man hier mal, warum Fury denn seine Augenklappe trägt. Stan Lee liest übrigens wohl gerne Drehbücher in öffentlichen Verkehrsmitteln.
Recht verschenkt wirkt Jude Law, reiht sich damit aber in die generell seichten Charaktere mit ein. Auch musikalisch wird Standardkost geboten. Der Score von Pınar Toprak ist die übliche Heldensauce und die zur Untermalung der 1990er eingespielten zeitgenössischen Hits wirken recht beliebig ausgesucht. Kennen die Kiddies eh nur vom Oldiesender.
Aber Scherz beiseite, „Captain Marvel“ bringt ziemlich gut das Problem des MCU auf die Leinwand. Mit Film Nummer 21 bietet man wieder die inzwischen gut durchgekaute Formel aus Effekten, Figureneinführung, Action und SciFi-Fantasy. Ist grundsätzlich nicht schlecht, aber erschöpft sich das Rezept irgendwann auch mal. Im vorliegenden Fall ist die Geschichte gar nicht mal so komplex gestrickt, versucht dies aber mit ihrem Aufbau zu kaschieren. Auch das ist grundsätzlich nicht schlecht, nur zieht man das auf Biegen und Brechen wieder über die Zwei-Stunden-Marke.
Um die Figur selbst muss man sich auch keine Sorgen machen, dazu plätschert der Plot pflichtbewusst seine Stationen ab, immer etwas Story und Action im Wechsel. Zum Ende hin ist die Hauptfigur aber derart übermächtig, dass es völlig egal ist, welchen der Showdowns sie gerade durchmacht. Ein bisschen das Superman-Problem, wobei der mehr Tiefgang hat. Allerdings auch mehr Filmpräsenz, daher ist der Vergleich vielleicht nicht fair.
Auch andere Einzelteile fallen störend auf. Es wundert niemanden, dass die eine Alienrasse wie Nosferatu aussieht, die andere wie Menschen. Das muss man genauso übergehen, wie eine Blackbox, die auch Ereignisse aufzeichnet, die sich irgendwo außerhalb des Flugzeugs abspielen. Und den Erdenflieger so schnell weltraumtauglich bekommen hätte wohl vielleicht nur Scotty. Ja, ich weiß, in dem Genre ist das eben so. Aber hier häufen sich die Fragezeichen einfach etwas.
Hinzu kommt, dass der Film auch einfach nicht gut platziert wurde. Im Nachgang zu „Infinity War“ einfach wieder eine Originstory ins Kino zu bringen – man wartete doch eigentlich nur noch auf „Endgame“. Lag wohl auch daran, dass sie in dem einen auftaucht, in dem anderen nicht. Aber das ist ein Thema für sich.
Noch ein Thema: die Effekte. Ohne kommt man nicht aus, hier sind sie recht wechselhaft. Bin ich zum Beispiel mit Jacksons de-aging komplett fein, sieht es in den Sequenzen, in denen Frau Captain animiert ist, gar nicht mal so gut aus. Dass das besser geht, weiß man schon aus anderen Beiträgen der Reihe.
Bleibt ein irgendwie okayer Beitrag zum MCU, der sich aber kaum abheben kann. Das Problem ist einfach die Menge an hauseigener Konkurrenz. Die Originstory von Nick Fury hat man auch untergebracht, der Wortwitz ist dank seiner Beteiligung gelungen und doch - „Captain Marvel“ ist auf zu vielen Ebenen unspannend. Es fehlt auch ein Alleinstellungsmerkmal. Übermächtigkeit ist keins.