Review

Der Copthriller wird cool - Peter Yates BULLITT


Es gab einmal eine Zeit, da definierte sich der Polizeifilm durch Ökonomie, Präzision und Stringenz. Da mussten nicht schon in den Anfangsminuten Explosionen, Schießereien und Karambolagen in schrillen Lettern „Action“ proklamieren, um den Zuschauer für sich einzunehmen. Auch im weiteren Verlauf der Handlung war es nicht nötig durch pausenlose Stunts und allerlei sonstiges Getöse von der eigentlichen Geschichte abzulenken, denn es gab eine. Und für die brauchte es Aufmerksamkeit, Konzentration und die Bereitschaft auch mental am Gebotenen teilzunehmen. Dass diese Filme dem Polizeialltag deutlich näher kamen als ihre High-Octane-Epigonen ist nicht mal ihr größter Verdienst, vielmehr setzten sie Maßstäbe für die Neo-Noir-Werdung des Genres, in dem fortan negativ konnottierte Werte und Haltungen wie Zynismus, Desillusioniertet oder Ambivalenz Einzug hielten und bis heute auch in A-Produktionen prägend sind. SERPICO (1973), FRENCH CONNECTION und vor allem DIRTY HARRY (beide 1971) gehören zu den bekanntesten Ausformungen dieser Neuorientierung, bei der die blank polierte Polizeimarke nicht mehr quasi symbolisch für ihren ebenfalls strahlenden Träger steht. Vielmehr ist  sie lediglich noch ein ramponiertes Stück Blech, das die jeweiligen Gesetzeshüter gerade noch so davor bewahrt in den Abgrund zu taumeln, mit dem sie tagtäglich konfrontiert werden.

Auch wenn Clint Eastwood und Don Siegel mit dem ikonischen Harry Calahan die Galionsfigur des modernen Noir-Cop schufen, so war der eigentliche Trendsetter SFPD-Kollege Frank Bullitt. Drei Jahre vor DIRTY HARRY konzipierten der Brite Pater Yates (Regie) und Steve McQueen (Titelrolle) mit BULLITT die Blaupause für die Neujustierung des amerikanischen Polizei-Thrillers. Sämtliche klassischen Zutaten sind hier bereits vorhanden: Eine betont nüchterne, beinahe spröde Inszenierung. Ein nur spärlich eingesetzter, lakonischer Score. Eine vermeintlich simple Krimi-Handlung, die unter der Oberfläche gespickt ist mit zynischen Kommentaren zu Gesellschaft, Politik und Gesetz. Eine zwar langsam, aber sehr gezielt aufgebaute Spannungskurve, die sich zusehends verdichtet. Dazu auf ein Minimum reduzierte Dialoge, die keinerlei unnötiges Geschwafel enthalten oder gar die heute so beliebte Erklärfunktion bedienen. Schließlich ein lakonischer Antiheld, an dem all der Schmutz und die Gewalt der großstädtischen Polizeiarbeit nur scheinbar abprallen, der aber mangels persönlicher Alternativen und der eigenen Expertise daran festhält.

Im Zentrum der Geschichte steht SFPD-Lieutenant Frank Bullitt, ein erfahrener und von Vorgesetzten geschätzter Polizist. Aus diesem Grund wird er auch von dem aalglatten US-Senator Walter Chalmers (Robert Vaughn) ausgewählt, um den Kronzeugen John E.- Ross in einem Mafiaprozess bis zu seiner Anhörung zu bewachen. Doch schon am ersten Abend fliegt das sichere Versteck auf und Ross wird angeschossen. Als er im Krankenhaus seinen Verletzungen erliegt, hält Bullitt dessen Tod geheim um die Mörder heraus zu locken und sich Zeit für weitere Ermittlungen zu verschaffen. Der lediglich auf seine Politkarriere fixierte Chalmers dringt auf die Herausgabe seines Zeugen und will Bullitt ablösen lassen. Doch der wittert, dass der Fall noch mehrere Unbekannte enthält und überzeugt seinen Boss, ihm noch einen Tag den Rücken frei zu halten …

BULLITT verdankt seinen Klassiker-Status gar nicht mal so sehr Yates bahnbrechender Neuinterpretation des Polizeithrillers, sondern vor allem einer 10-minütigen Action-Sequenz in der Mitte des Films. Die Autoverfolgungsjagd zwischen einem grünen Ford Mustang Fastback und einem schwarzen Dodge Charger hat Filmgeschichte geschrieben und gilt seither als Mutter aller Car Chases. Die Sequenz ist auch heute noch überaus beindruckend, nicht wegen ihrer Geschwindigkeit, sondern wegen ihrer bis ins kleinste Detail durchdachten Inszenierung, die eine eigene Dramaturgie innerhalb der filmischen Gesamtdramaturgie verfolgt. Zwei Mafiakiller heften sich hier an die Fersen - beziehungsweise die Hinterräder - Bullitts, der während der wilden Fahrt durch die hügeligen Straßen San Franciscos einfach den Spieß umdreht. 
Die völlig dialogfreie Szene ist famos geschnitten, ständig wechselt die Perspektive zwischen den beiden Autos, mal sieht man das Geschehen aus Fahrersicht, dann wieder in der Totalen, dazwischen fokussiert die Kamera die angespannten Gesichter der Beteiligten. Dass der passionierte Fahrer und bekennende Autofreak McQueen teilweise selbst am Steuer saß und man erkennbar am Originalschauplatz gedreht hatte, dürfte viel zum Kultcharakter beigetragen haben. Ein Kult, der sich gewissermaßen verselbstständigte. So zehrt Ford bis heute vom Bullitt-Mythos und legte nicht nur mehrere Sondermodelle auf, sondern ließ u.a. auch Werbespots mit einem digital eingefügten McQueen drehen.

Dieser wurde mit BULLITT endgültig zur Stilikone und seine von Peter Yates persönlich ausgewählte Garderobe zum Must-Have des modebewussten Mannes der späten 1960er (u.a. sandfarbener Trench-Coat sowie braunes Tweed-Sakko mitsamt blauem Rollkragenpullover). Dabei hatte er die Rolle zunächst gar nicht übernehmen wollen, da er ein eher ambivalentes Verhältnis zum Job des Gesetzeshüters pflegte. Ob dieses durch ein Trainee-Programm mit echten Polizisten ausgeräumt wurde ist nicht erwiesen, jedenfalls spielte er dermaßen überzeugend, dass  seine bewusst reduzierte Darstellung zum Vorbild für zahlreiche filmische Cop-Nachfolger werden sollte.

Ob der pessimistisch-lakonische Schluss, die bewusst authentische und gegen filmische Konventionen verstoßende Herangehensweise an den Polizistenalltag, oder die in großen Teilen durch präzise Bilder und Gesten erzählte Handlung, BULLITT fand viele Nachahmer und rief auch noch Jahrzehnte später zitierfreudige Bewunderer wie Michael Mann auf den Plan. Das Finale von HEAT (1995) auf dem Flughafen von Los Angeles, ist eine beinahe ehrfürchtige Vorbeugung vor BULLITT, dessen Schlussakt Mann thematisch, optisch und dramaturgisch aufgreift. Auch heute noch, mehr als 50 Jahre nach seiner Entstehung, steht Yates Film quasi monolithisch in der Polizei-Thriller-Landschaft und lässt den V8 unter der auf den ersten Blick unscheinbaren Inszenierungs-Karosserie bedrohlich blubbern. Mit BULLITT hat die Coolness Genre-Einzug gehalten, womit beide Wortbedeutungen gemeint sind: Kühle und Lässigkeit.

Details
Ähnliche Filme