Review

In den 60er und 70er Jahren gab es eine Art politischen Film – besonders in Italien und Frankreich – der heute völlig in Vergessenheit geraten ist. Damals wurden politische Diskussionen – gerade angesichts internen Terrorismus – mit großer Härte und Konsequenz geführt, welche sich auch in den damaligen Filmen widerspiegelte.

Der 1974 in Frankreich entstandene Film „Le Secret“ (Das Geheimnis) – leider auf deutsch „Das Netz der tausend Augen“ getitelt, was eher an Dr.Mabuse erinnert – ist ein besonders herausragendes Beispiel für diese Art der konsequenten Anklage an das herrschende politische System.

Dabei sticht neben den hervorragenden Hauptdarstellern Jean-Luis Trintignant, Phillip Noiret und Marlene Jobert - alle große Stars ihrer Zeit - besonders die subtile Art des Drehbuchs hervor.

Es gibt in diesem Film keinerlei politische Statements, Vorträge oder auch nur ideologisch angehauchte Aussagen. Der Inhalt erschließt sich aus einer Handlung von zwingender Logik, an deren Ausweglosigkeit kaum zu zweifeln ist....

Begleitet wird das Geschehen von Ennio Morricones Filmmusik, die größtenteils aus einer einfachen Melodie besteht und ohne Effekte auskommt. Sie erklingt gleich zu Beginn, während wir die kalte Konstruktion eines Foltergerätes betrachten, daß stetig einen Wassertropfen auf die Stirn des gefesselten Opfers fallen läßt...

Dann sehen wir einen Wärter, der durch unterirdische Räume läuft und die Gefangenen in den Zellen kontrolliert. Als er einen Gefangenen am Boden liegen sieht - scheinbar erstickt - geht er zu ihm und wird von diesem erwürgt. Davide (Trintignant) zieht die Sachen des Wärters an und kann fliehen.

Ein Autofahrer, der ihn als Anhalter mitnimmt, verblüfft ihn mit der Aussage, daß Paris nur 30 Minuten entfernt liegt. Dort angekommen organisiert sich Davide von einer flüchtigen Bekannten Geld – er kann zu Niemandem gehen, der ihn länger kennt – und flüchtet in eine sehr einsam gelegene ländliche Gegend, wo er sich verstecken will.

Zufällig trifft er dort in einem alten burgartigen Anwesen auf ein Paar (Noiret und Jobert) , daß ihn bei sich aufnimmt.

Davide bleibt sehr schweigsam, aber sie bemerken, daß er sich bei jedem fremdartigen Geräusch erschrickt. Er leidet unter ständigem Verfolgungswahn und immer wieder sieht man Folterszenen, die sich vor seinem geistigen Auge abspielen.

Geschickt zeigt der Film das Geschehen in den ersten zwei Dritteln ausschließlich aus der Perspektive Davids und seiner unmittelbaren Umgebung.

Was die Polizei macht ? - wo sie ihn sucht, ob sie schon seine Spur gefunden hat, weiß man als Zuseher genausowenig wie Davide. Mit der Zeit wird man ähnlich paranoid wie er und vermutet hinter jedem Geschehen gleich die Verfolger...

Im Grunde weiß man nichts über Davide, der einmal in einem Nebensatz bemerkt, daß er etwas erfahren hätte, was er nicht hätte wissen dürfen. Um welches Geheimnis es sich dabei handelt bleibt unklar.

Die drei Hauptdarsteller stellen drei verschiedene Typen dar, stellvertretend für eine damalige Haltung der Gesellschaft, wobei völlig auf irgendwelche extremen Charaktere verzichtet wird, der Film will bewußt nicht auf diese Art polarisieren :

- Trintignant ist der Täter. Er hat getötet, aber aus seiner Sicht ,nur um sich zu retten, also in Notwehr. Da er aber vom Staat als gefährlicher Psychopath gesucht wird ,bleibt immer ein Zweifel, ob seine Motive wirklich so korrekt sind wie er behauptet. Dazu wirkt Trintignant immer sehr ernst und bemüht sich nie, etwas aufzuklären oder sich zu verteidigen. Er klagt auch nicht an und wirkt deshalb in seinem ausschließlichen Bemühen, sich der Polizei zu entziehen, vor allem egoistisch und nie symphatisch.
Nur durch die wiederholten Folterszenen kann der Betrachter nachvollziehen, warum Davide solche
Angst hat. Weswegen er aber nie etwas sagt, begreift man erst zum Schluß.

- Noiret ist der Symphatisant. Ihn fasziniert Davide, er glaubt ihm und hilft ihm. Obwohl Davide nichts macht, was zu einer Freundschaft beiträgt, verhält sich Noiret wie ein Freund. Er ist klar die symphatischste und offenste Figur, aber er wirkt auf seine Freundin immer mehr wie verblendet...

- Denn sie ist die Skeptikerin. Ihr macht Davide Angst ,obwohl sie ihn als Mann faszinierend findet. Zwischen ihr und Davide gibt es erotische Spannungen, aber das erhöht eher ihre Skepsis und sie glaubt, daß er ein Verbrecher ist. Um das ihrem Freund zu beweisen forscht sie nach, was wirklich mit Davide ist und schaltet ihren Bruder ein....

In diesem Film gibt es kaum Action, aber eine ständige Spannung, die sich zum Einen aus dem unbekannt agierenden Verfolger ,zum Anderen aus dem Dreiecksverhältnis der drei Protagonisten ergibt.

Der Gegner wird hier nie personalisiert, es gibt keine Namen und keine Geschichten dahinter. Hier werden keine Personen angeklagt, die das System verbrecherisch nutzen ( wie es heutzutage immer wieder gerne dargestellt wird), hier steht das System und damit der Staat selbst am Pranger.

Wenn man sich Guantamo ansieht oder die entführten Deutschen arabischer Herkunft, die teilweise über ein Jahr ohne Anklage gefangen gehalten wurden, dann sollte man sich nicht schön reden, daß sich etwas verändert hat.

So stellt sich abschließend doch die Frage, warum es solche Filme heute nicht mehr gibt, schon gar nicht von so populären Machern ? Und warum die alten Filme vergessen wurden ?

Es scheint eben doch ein Zeichen dafür zu sein, daß sich der heutige Kinobesucher mehr nach „Brot und Spiele“ sehnt mit mundgerecht verpackten „kritisch angehauchten“ Passagen.

Wer « Le Secret » bewußt ansieht, den packt die Wut und er fängt an nachzudenken - ein Gefühl, welches moderne Filme nicht mehr erzeugen wollen, auch weil es heute als uncool gilt, als scheinbar „political correct“.

Diesem filmischen Meisterwerk gelingt das ohne jegliche anbiedernde Geste, Theatralik oder politische Schublade (10/10).

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