Review

„Ich entwickle eine Methode, um das Auge so zu sensitivieren, dass es fähig ist, Strahlungen bis in die Bereiche der Gammastrahlen und der Mesonen wahrzunehmen.“ – „Ja, ja, ich verstehe das...“

Achtung: Enthält massive Spoiler!

„Der Mann mit den Röntgenaugen“ aus dem Jahre 1963 ist ein originaler Science-Fiction-Horror-Flick von Budgetknauser und B-Movie-Papst Roger Corman („Die letzten Sieben“), der mit einer originellen Geschichte aufwartet: Der engagierte Wissenschaftler Dr. Xavier (Ray Milland, „Lebendig begraben“) forscht an einem Serum, das, auf die Augen aufgetragen, die Sehfähigkeit verstärken soll. Diese Wirkung geht sogar soweit, dass man durch Gegenstände hindurch sehen kann – man erhält einen „Röntgenblick“. Doch plötzlich werden die Gelder für Xaviers Projekt gestrichen und der manische Forscher schreitet zu Selbstversuchen. Immer weiter erhöht er die Dosis, bis er schließlich mehr zu sehen in der Lage ist, als er jemals wollte. Nachdem er im Eifer aus Versehen einen Kollegen aus dem Fenster stößt, flieht er vor dem Zugriff der Justiz...

Cormans Film lässt sich grob in drei Kapitel aufteilen: Ein wissenschaftlicher, ernster Beginn, der den Zuschauer mit Xaviers Projekt sowie seiner Person vertraut macht und als Einleitung dient. Darauf folgt ein komödiantisch angelegter Abschnitt, während dessen Xavier seinen Röntgenblick genießt, auf einer Party (mit der obligatorischen Tanzszene) durch die Kleider der Besucherinnen hindurch sieht und Corman Gelegenheit gibt, vorsichtig recht prüde Nacktszenen zu integrieren und Nackedeis beschwingt tanzen zu lassen. Der bald folgende, dominierende Hauptteil des Films jedoch negiert sämtliche Albernheiten und ist die überaus tragische Geschichte eines vom Forschungsdrang getriebenen Mannes, der sich mit Haut und Haar der Wissenschaft verschreibt und in eine Manie, eine Art Sucht verfällt, trotz negativer Auswirkungen die Versuche an sich selbst immer weiter fortzuführen, immer mehr zu sehen, auch wenn er es längst nicht mehr verstehen kann, und letztlich alles verliert. Damit beginnt auch der Horroranteil des Films, sowohl optisch – Xaviers Augen, die er fortan hinter dicken Sonnenbrillen verbirgt, verändern ihre Farbe und wirken gruselig, irreal, schwarz und bedrohlich – als auch inhaltlich und atmosphärisch: Xavier wird zum Außenseiter, zum Ausgestoßenen, der sich den Anfeindungen seiner Mitmenschen ausgesetzt sieht und von windigen Geschäftemachern aufgrund seiner Notlage ausgenutzt wird, dabei sämtlichen Bezug zur Realität verliert, an seinen übermenschlichen Eigenschaften verzweifelt. Die Stimmung des Films ist unwirtlich und düster, der Zuschauer bemitleidet und fürchtet Xavier zugleich. In seinen dämonisch wirkenden Augen scheint sich das unendliche Nichts des Universums, die Dunkelheit der Ewigkeit abzuzeichnen – zuviel für einen einzelnen Mann. Höhepunkt der Handlung ist das Finale, wenn Xavier als heruntergekommener, gebrochener, vom Wahnsinn gezeichneter Mann in eine Kirchenpredigt platzt und erbarmungswürdig in starken Worten seine Situation beklagt, bis ins Zentrum des Universums blicken zu können, jedoch auch vom Klerus verstoßen wird – woraufhin er sich in einer kruden Schockszene selbst seiner Augen entledigt.

Das ist durchaus starker, surreal angehauchter Tobak, der viel Interpretationsspielraum lässt und sowohl philosophische als auch okkulte bzw. religiöse Fragen aufwirft. Vor allem aber ist das alles verdammt unheimlich! Evtl. bedient man den demütigen Lebensentwurf, besser weniger als zuviel zu wissen, da man ansonsten unweigerlich verrückt würde bzw. greift diese Überlegungen als eine Art menschlicher Urängste auf, in jedem Falle warnt man vor Größenwahn und dessen unabsehbaren, fatalen Folgen. Ray Milland spielt seine Rolle grandios, versieht sie mit Ambivalenz, Emotionen und Glaubwürdigkeit. Besonders Letzteres muss dabei betont werden, denn genau das ist das große Plus des Films: In einem sichtbar niedrig budgetierten Film, der menschliche Eingeweide in Form deutlich erkennbarer Zeichnungen präsentiert, Xaviers Visionen wie Visualisierungen eines Drogentrips grafisch umsetzt und seine effektivsten Spezialeffekte durch den simplen Gebrauch von Kontaktlinsen erzielt, Authentizität auszustrahlen und damit das Publikum zu packen. Natürlich respektiere ich, dass man aus geringsten Mitteln vermutlich das Maximum herausgeholt hat, finde es zugleich angesichts des großen Potentials des Stoffs aber auch etwas schade – da wäre noch wesentlich mehr drin gewesen.

Dennoch unbestritten eine kleine Perle des phantastischen Low-Budget-Kinos der 1960er-Jahre mit einem großartigen Hauptdarsteller, Intelligenz, unschwer erkennbarer Corman’scher Sozialkritik, einer straffen Dramaturgie und geschickt platzierten, unvergesslichen Höhepunkten. Zweifelsohne wäre „Der Mann mit den Röntgenaugen“ noch etwas intensiver ausgefallen, hätte man Xavier wie ursprünglich geplant am Ende noch entsetzt rufen lassen: „Ich kann immer noch sehen!“ Brrr...

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