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Ursprünglich von einem Prolog über die Sinne eingeleitet, ist Der Mann mit den Röntgenaugen auf den ersten Blick einfach wie sein Originaltitel X. Es bedarf keiner großen Erklärung für das, was uns gezeigt wird. Der Low-Budget Film von Roger Corman dreht sich um den Wissenschaftler Dr. James Xavier. Dieser experimentiert mit Augentropfen, die ihm zu einem Röntgenblick verhelfen. Nach Lebendig Begraben bekleidet erneut Ray Milland die Hauptrolle. Dieser war ursprünglich nicht auf B-Pictures abonniert. Zu seinen Arbeiten gehören Filme von Fritz Lang, Alfred Hitchcock und Cecil B. DeMille.
Auch bei Der Mann mit den Röntgenaugen belebte Roger Corman eine bereits vorhandene Titelkreation. Dies war durchaus üblich, war für diesen Zweig des Drive-In Kinos doch das Drumherum wichtiger als der Inhalt. Es kam darauf an, das Publikum zum Ticketkauf zu bewegen. Den meisten war ohnehin klar, daß sie ein zusammengeschustertes Vergnügen erwarten könnte. Manch ein Streifen wurde bewußt kurz gehalten, um gleich ein Double-Feature durch den Projektor jagen zu können. Als Zuschauer hegt man dennoch stets Hoffnung, daß etwas von der angeregten Phantasie auf der Leinwand wiederzufinden ist; eine Überraschung nie ganz ausgeschlossen bleibt.
Diese kleine Naivität, mit der man in den 50er Jahren vielleicht auch seine X-Ray Brille aus der Werbeanzeige eines EC Comichefts bestellt hat, könnte Roger Corman dazu bewegt haben, aus dem geplanten Projekt doch keinen Film über einen Jazz-Saxophonisten im Drogenrausch zu machen. Sein Dr. Xavier ist allerdings auch nicht vor surrealen Erlebnissen gefeit. Aus der anfänglichen Wunschvorstellung, die menschliche Wahrnehmung auf mehr als nur wenige Prozent der möglichen Sinneseindrücke zu erweitern, wird schnell ein Kontrollverlust. Kaum mit Zuspruch gesegnet, schlingert der Wissenschaftler in Der Mann mit den Röntgenaugen durch ein Schicksal voller Irrwege, die ihn nicht vom bevorstehenden Unheil bewahren können.

Dr. Xavier ist eine eher ungewöhnliche Interpretation des Mad Scientist. Durch den Würgegriff des Wahnsinns bestehen durchaus Parallelen zu Ray Millands vorheriger Zusammenarbeit mit Roger Corman. In Der Mann mit dem Röntgenaugen gehen diese jedoch nicht aus der Angst hervor. Eher das Gegenteil ist der Fall. Trotz aller Warnungen experimentiert Dr. Xavier mit den Tropfen, die seine Sehfähigkeit erweitern sollen. Vermutungen, geschürt durch die ebenfalls im Film Gesandter des Grauens verwendete tiefschwarze Sonnenbrille, erfüllen sich nicht. Es gibt keine Außerirdischen. Es gibt keine Monstrosität. Es gibt keine Amokläufe. Seine existentialistischen Ansätze verbirgt Corman spürbar weniger im Absurden, wie es noch im apokalyptischen Die letzten Sieben der Fall war.
Die Herangehensweise ist der H.P. Lovecrafts nicht unähnlich. Im Rahmen der Forschung wird Dr. Xavier für seine Neugier gewissermaßen bestraft. Er wird mit Ergebnissen konfrontiert, die seine Vorstellungskraft weit übersteigen. In der Konsequenz reißt ein verhängnisvoller Strudel der Ereignisse den Forscher in seinen Sog. Ob in Der Mann mit den Röntgenaugen tatsächlich unaussprechliche Dämonenwesen den Protagonisten heimsuchen ist unklar. Aufgrund des engen Finanzierungsplans hat Dr. Xavier über seinen alles durchdringenden Blick das Grauen als eine Art Rückkopplung in sich selbst auszufechten. Mit einem sehr eindringlichen Motiv wird der Zuschauer abrupt davon befreit, wie das Opfer seiner selbst dem Fluch erliegt, mit dem Blick absolut alles zu durchdringen.
Sicher ist unter Berücksichtigung der ursprünglichen Idee für Der Mann mit den Röntgenaugen ein drogenbezogener Subtext vorhanden. Roger Corman, der später unter anderem mit The Trip dem Thema nach einem Drehbuch von Jack Nicholson deutlich offener begegnete, ist der Popularitätswelle von LSD hierbei vorraus. In diesem Zusammenhang wurde oft von Bewußtseinserweiterung gesprochen. Nicht jeder konnte die psychoaktiven Wirkungen ertragen oder wurde sie wieder los. Mit Bildverfremdungen unter Verwendung der Prismentechnik Spectarama wird dieser Bezug nur unterstrichen.
Aufgrund der Restriktionen kaum auf die Möglichkeiten eingehend, Menschen ohne Kleider zu betrachten, wechselt der Tonus in Der Mann mit den Röntgenaugen schnell von leichter Komik zu Zynismus und Anflügen von Gesellschaftskritik. Besonders hervorzuheben ist die Einfachheit der verwendeten Effekte. Zwar ist dies in einem preisbewussten Roger Corman Film die Regel, jedoch treffen diese abhängig von der Umgebung nicht immer auf den Punkt. Hier genügt es, verschwommene Leuchtreklamen oder rückwärts abgespielte Zeitraffer eines Gebäudebaus einzuspielen. Die Veränderung des Sehvermögens betonen zum Ende einfache Kontaktlinsen.

Eine interessante Synchronität gibt es zu einer Marvel Comicfigur. Während Der Mann mit den Röntgenaugen 1963 zwar bereits im Juli auf dem Internationalen Science Fiction Film Festival im italienischen Triest aufgeführt worden war, startete der Film unter dem Titel X: The Man with the X-Ray Eyes in den us-amerikanischen Kinos erst am 18. September. Im gleichen Monat stand auch der erste Band der Comicreihe The X-Men in den Läden, wo ein gewisser Professor Xavier als Tausendsassa der Wahrnehmung eine Schar von Mutanten um sich versammelt um die Welt zu retten. Zufall?
Entgegen anderer Corman-Werke räumte dem Science-Fiction Film Der Mann mit den Röntgenaugen kein deutscher Verleih eine Chance ein. Vielleicht war zwischen Hammer Horror, Edgar Wallace und Karl May gerade kein Platz für ein Werk, welches unerwartet seriös für einen Roger Corman wirkt, der gerade mit seinem Herzensprojekt Weisser Terror zum einzigen Mal in seiner Karriere finanziell auf die Nase gefallen war. Diese fast schon klassisch anmutende Qualität seiner Umsetzung findet in der Kritik jeher positive Resonanz.
Erst am 31. März 1979 kam es dann zu einer Ausstrahlung des Fernsehsenders ARD. Trotz der zeitlichen Distanz ist die Synchronisation mit Sprechern wie Erik Schumann und Holger Hagen durch die Bavaria Atelier GmbH sehr natürlich ausgefallen.
Auch wenn ein infantiler Drive-In Spaß oder ein zünftiger Exploitation Flick seine Vorzüge haben kann, so ist diese nahezu erwachsene Science-Fiction Story definitiv ein Highlight in Roger Cormans Karriere. Es handelt sich um aus der Tragödie wachsenden Horror, dessen volle Tragweite erst mit dem Abspann bewußt wird. So möchte man am liebsten gleich noch eine Runde mit diesem Kirmesvehikel drehen, welches von außen seicht ausschaut, sich während der Fahrt aber als Höllenritt entpuppt.

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