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Die schrecklichen Erfahrungen der Atombomben 1945 und die nukleare Bedrohung des sich vertiefenden Kalten Kriegs lösten in den 50ern und 60ern eine Flut an Horror- und Science-Fiction-Filmen aus, in denen die Gefahren der Wissenschaft auf immer abstrusere Weise thematisiert wurden. In diese ausufernde Welle reiht sich auch Roger Cormans frühe Produktion „Der Mann mit den Röntgenaugen" ein: Ray Milland besticht als sympathischer Forscher, dessen Selbstexperiment tragischerweise schief läuft. Die Augentropfen, mit denen er sich selbst einen Röntgenblick verschaffen will, funktionieren zwar - aber viel zu gut: Selbst in tiefster Nacht und mit verbundenen Augen kann er immer mehr und mehr sehen, blickt hinter die Oberflächen der uns bekannten Welt - und verliert allmählich den Verstand.

Der kaum 80 Minuten lange Science-Fiction-Schocker fesselt den Zuschauer von Anfang an mit bizarren, teils so noch nicht gesehenen Bildern. Das beginnt mit der Detailaufnahme eines abgetrennten Auges in einem Glasbehälter und entwickelt sich über die psychedelische Darstellung der immer intensiver werdenden visuellen Eindrücke des Doktors. Grelle Blitz- und Farbeffekte, verschwommene Umrisse und kaum identifizierbare Details erzeugen den starken Eindruck einer Welt hinter der Welt, in die die Hauptfigur ungewollt Einblick erhält. Was genau er da eigentlich sieht, bleibt eher vage, auch wenn er am Ende in einem beeindruckenden, Gänsehaut erzeugenden Monolog von ewiger Dunkelheit und einem alles sehenden Auge im Zentrum des Universums spricht. Ein Hauch Lovecraft weht durch diesen Film, der die Existenz einer uns umgebenden unsichtbaren Welt mit für seine Verhältnisse starken Mitteln zu visualisieren versteht.

Dass dabei die Logik mitunter auf der Strecke bleibt, sollte man als ausgesuchter Trash-Fan verzeihen können. So bleibt bis zuletzt ebenfalls unklar, ob und inwiefern der Arzt seinen Röntgenblick kontrollieren kann - mal blickt er nur durch die oberste Kleidungsschicht, mal sieht er alle Leute um sich herum nackt (eine herrlich ironische Szene), mal kann er direkt auf Organe und gebrochene Knochen schauen. Und die größte Frage bleibt natürlich angesichts der eskalierenden Ereignisse: Warum hört er nicht auf, die Augentropfen zu nehmen, bis es schließlich zu spät ist? Schon früh beginnt er unter seinen Fähigkeiten zu leiden, nimmt aber immer weiter diese Tropfen, die seinen Röntgenblick aufrecht erhalten und noch vertiefen. Das ergibt zugegebenermaßen überhaupt keinen Sinn.

Dennoch ist „Der Mann mit den Röntgenaugen" ein fesselnder, geradlinig inszenierter und immer wieder mit krassen Szenen überraschender Film - sei es der absolut unvorhersehbar inszenierte Tod eines Kollegen durch Fenstersturz oder das schockierende Finale, das mit einer wahrhaft garstigen Idee daher kommt. Auch die Inszenierung trägt ihren Teil zu dieser mitreißenden Intensität dar: Die Kamera bleibt meist extrem nah an den Figuren, nimmt die immer bizarrer werdende Perspektive des Arztes ein, ergeht sich in psychedelischen Farbräuschen und erzeugt ein durchgehend hohes Tempo, bei dem selbst in ruhigen Szenen keine Langeweile aufkommt. Dazu kommt ein Hauch an zivilisationskritischer Darstellung der ihn umgebenden Menschen und eben eine Story, die immer wieder mit bösen Höhepunkten überrascht. Ein kleiner, wenn auch trashiger Meilenstein im Schaffen des legendären Roger Corman!

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