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Ein Outlaw ohne Legende: The Kid im Schatten der Großen

Westernfilme sind ein bisschen wie Lagerfeuer: Wenn sie lodern, spürt man Hitze, Gefahr und eine fast archaische Energie. Wenn sie aber nur schwelen, dann bleibt am Ende nicht mehr als ein kleines Rauchwölkchen in der Erinnerung. The Kid – Der Pfad des Gesetzlosen gehört für mich in die zweite Kategorie.

Dabei versprach der Film einiges: Ethan Hawke als Sheriff Pat Garrett, eine Rolle wie geschaffen für seine stoische Ernsthaftigkeit; Dane DeHaan als Billy the Kid, der gebrochene Outlaw, zwischen Faszination und Abgrund und mittendrin ein Coming-of-Age-Drama, das die uralten Mythen des Westens neu durch die Augen eines Jungen betrachtet. Klingt nach einem Volltreffer – nach einem Film, der Western-Romantik mit moralischer Tiefe verbindet. Doch statt eines neuen Klassikers bekommen wir ein Werk, das ordentlich gebaut, aber ohne Funken ist. The Kid will viel – Atmosphäre, Moral, Emotion – und bleibt doch im soliden Mittelmaß hängen.

Der Staub liegt, aber er brennt nicht

Ein Western steht und fällt mit seiner Stimmung. Der Staub, die Weite, das Schweigen – sie machen mehr aus als Revolverfeuer. The Kid bemüht sich redlich um diese Atmosphäre: Reiter im Gegenlicht, endlose Horizonte, ein Hauch von Monument Valley im Hintergrund. D’Onofrio versteht es durchaus, Bilder zu inszenieren, die nostalgisch anmuten, ohne in billige Nostalgie abzurutschen. Doch diese Momente sind selten. Meist wirkt die Inszenierung zu glatt, fast steril. Das Licht zu sauber, die Übergänge zu brav. Anstatt die Härte und das Chaos des Westens spürbar zu machen, präsentiert The Kid eine gepflegte Kulisse, die mehr an Museumswestern erinnert als an die blutige Wirklichkeit eines Sergio Leone oder Sam Peckinpah. Man sieht den Staub, aber man schmeckt ihn nicht.

Im Zentrum der Geschichte steht Rio (Jake Schur), ein Junge auf der Flucht vor seinem brutalen Onkel. Auf seiner Reise begegnet er Billy the Kid (Dane DeHaan) und Pat Garrett (Ethan Hawke) – Rebell und Gesetzeshüter, Chaos und Ordnung, Mythos und Realität. Eigentlich eine brillante Idee: Ein Coming-of-Age inmitten zweier Archetypen, ein Spiegel auf die ewigen Fragen des Westens. Und tatsächlich deutet der Film vieles an: die Verführung durch Gewalt, die Versuchung des Outlaw-Lebens, die schwere Bürde von Recht und Moral. Doch der Film kratzt mehr, als dass er gräbt. Entscheidungen wirken behauptet, Konflikte angedeutet. Rios Entwicklung bleibt flach, seine innere Zerrissenheit ist mehr Drehbuchvorgabe als echte Erfahrung. Dabei hätte genau das die Stärke des Films sein können: eine Reflexion darüber, wie Mythen entstehen, wie junge Menschen sich an ihnen orientieren und welche Konsequenzen es hat, wenn man zwischen Freiheit und Ordnung, Chaos und Moral wählen muss. Doch D’Onofrio scheint zu sehr damit beschäftigt, einen funktionierenden Westernplot abzuliefern, anstatt die wirklich spannenden Fragen konsequent zu stellen. Am Ende bleibt ein thematischer Flickenteppich: viele Ideen, viele Motive – aber nichts, was wirklich haften bleibt.

Respekt vor dem Genre, Mutlosigkeit vor dem Risiko

Man merkt Vincent D’Onofrio die Liebe zum Genre an. Er hat Respekt vor den Mythen, inszeniert mit Ernsthaftigkeit und ohne Ironie. Aber das alleine reicht nicht. Das Tempo ist ungleichmäßig, die Dramaturgie vorhersehbar. Gerade die Schlüsselmomente – Duelle, moralische Konfrontationen, emotionale Entscheidungen – verpuffen, weil die Inszenierung ihnen die Zuspitzung verweigert. Alles wirkt brav, fast schulbuchartig – als wolle D’Onofrio beweisen, dass er einen Western drehen kann, ohne zu wagen, ihm eine eigene Handschrift zu verleihen. Auch musikalisch bleibt der Film im Durchschnitt stecken. Der Score ist ordentlich, erfüllt seine Funktion, trägt aber kaum zur Stimmung bei. Keine Melodie, die sich einprägt, kein musikalischer Moment, der Bilder größer macht, als sie sind. So bleibt am Ende eine Inszenierung, die solide ist, aber ohne Zähne. Kein mutiger Western, kein stilprägender Beitrag, sondern ein Film, der sich brav in die Reihe unzähliger Genreversuche einordnet.

Ethan Hawke ist das Herz des Films. Als Pat Garrett bringt er jene Mischung aus Ruhe, Härte und moralischem Ernst mit, die die Figur trägt. Seine Präsenz trägt viele Szenen und man spürt, dass er sich bemüht, dem Film Tiefe zu verleihen. Dane DeHaan als Billy the Kid ist interessant, aber nicht ganz überzeugend. Er hat die verletzliche Aura, die gebrochene Seele, die einen Outlaw faszinierend macht. Doch manchmal wirkt sein Spiel zu verkopft, fast manieriert. Es fehlt die rohere, charismatische Energie, die Billy the Kid zur Legende machte. Stattdessen bleibt er ein etwas blasser, melancholischer Gesetzloser, der zwar funktioniert, aber keine Ikone schafft. Jake Schur als Rio – das eigentliche Zentrum des Films – ist solide, aber überfordert. Für einen Newcomer schlägt er sich ordentlich, aber man merkt, dass er das Gewicht der Rolle nicht tragen kann. Seine innere Zerrissenheit wirkt mehr nach Drehbuchvorgabe als nach gelebter Emotion. Gerade in einem Film, der so stark auf Coming-of-Age und moralische Entscheidungen setzt, ist das ein Problem. Chris Pratt, der sonstige Charmeur, schließlich als brutaler, sadistischer Onkel. Das klingt auf dem Papier spannend: der nette Star aus Marvel- und Abenteuerfilmen in einer düsteren Rolle. In der Praxis aber bleibt er eindimensional. Man sieht den Versuch, gegen sein Image anzuspielen, aber wirklich böse oder bedrohlich wirkt er nie. Eher wie jemand, der mal kurz Cowboy-Bösewicht spielen darf, ohne dass es weh tut.

Fazit

The Kid ist ein Film, der versucht, sowohl klassischer Western als auch Coming-of-Age-Drama zu sein, am Ende aber in beidem nur durchschnittlich bleibt. Atmosphärisch gibt es Momente, die den Geist des klassischen Westerns aufleben lassen, doch zu selten, um nachhaltig zu wirken. Thematisch schneidet der Film spannende Fragen an, scheut sich aber, sie wirklich auszuloten. Schauspielerisch gibt es Lichtblicke, insbesondere Ethan Hawke, doch insgesamt bleibt vieles unter Potenzial. Die Inszenierung wirkt respektvoll aber zahnlos, ohne den Mut, Neues zu wagen oder alte Mythen wirklich neu zu deuten. So entsteht ein Film, der beim Schauen nicht schmerzt – aber auch nicht begeistert. Wenn man es höflich ausdrücken will: ein solider, handwerklich ordentlicher Western, der kurz wärmt und dann verglimmt. Wenn man es schärfer sagt: ein Film, der den Mut nicht aufbringt, wirklich zu lodern.






















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