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Dreck am Stecken

„The Dirt“, die jahrelang angekündigte Netflix-Biographie über die Skandalrocker Mötley Crüe, ist in etwa wie „Bohemian Rhapsody“, teilt sich mit diesem viele Stärken und Schwächen. Wer also den Mercury-Megahit nicht mochte, wird hier einen noch viel dickeren Hals bekommen. Nur ist „The Dirt“ wesentlich geschmackloser, lauter, rockiger und dreckiger - eben all das, was Mötley Crüe ausmachte. Man möchte fast sagen, so schlimm kann es doch niemals gewesen sein... Doch wahrscheinlich war es noch wesentlich wilder, schmutziger, heftiger. Mötley Crüe kannten kaum Grenzen und „The Dirt“ tut sein Bestes, da dran zu bleiben. Was ganz gut gelingt, muss ich sagen. Ich hatte eine wundervolle Zeit, mit vielen „WTF?!“s und „Oh Shit!“s. Über die Band wusste ich bis dato nur das Wichtigste, kannte nur die größten Hits und war kein allzu großer Fan ihrer Musik. Das könnte sich mit diesem Steilgeher von Biopic ändern...

„The Dirt“ beginnt mit einer Vollgaspartyszene, bei der ein oral befriedigter Groupie am Ende einmal quer durch den Raum squirtet, vor den großen Augen aller Gäste... Muss ich wirklich noch mehr schreiben?! Und danach wird es nicht wirklich milder. Es ist also gut, dass Netflix das in die Hand genommen hat. Hier sitzen die Barrieren und NoGos doch erheblich lockerer als in der alten Welt. Hat also nicht nur Nachteile, der Streamingtrend. „The Dirt“ reizt seine Grenzen voll aus und ist durchaus kantig, gewagt, extrem. Anders ginge es auch nicht. Bei Queen kann man wie man sieht durchaus einiges aufweichen, doch bei Mötley Crüe gab es nie halbe Sachen. Die Scheisse, die die gebaut haben, lässt sich nicht abmildern oder jugendfrei inszenieren. Dazu hätte zwar ein etwas rauerer Stil gepasst, die Darsteller sind auch nicht immer auf Topniveau und allzu viel über die einzelnen Charaktere und ihre Entwicklungen lernt man nicht, „The Dirt“ ist zwar krass, bleibt aber oft oberflächlich. Irgendwo zwischen einem Gangbang, „Bohemian Rhapsody“, einer Bahnhofstoilette, „This Is Spinal Tap“, einem glatten Lifetime-Film und „The Wolf of Wall Street“. Doch insgesamt sind das Chaos, die Action, der Wahnsinn einfach zu groß, ist die Inszenierung einfach zu flott und die Musik einfach zu mitreißend, dass man hiernach enttäuscht den Fernseher aus macht. Vor allem für Neulinge sicher eine super Sache und in seiner animalischen Qualität beeindruckend. Gibt keinen Fick (oder tausende, ganz wie man es sehen will) - und das ist gut so! Entertainment per excellence. Mit Ozzy Osbourne und aufgeleckter Pisse. Aus der Gosse ans Licht. Kein Glamrock sondern Fuckrock. Publikumsfavorit!

Fazit: Sex, Drugs und RocknRoll - und eine Menge Spaß. „The Dirt“ ist optisch recht glatt und generisch, fast billig, doch die Handlung, die Musik, die Figuren und eine enormes Tempo gehen derart nach vorne, dass man einfach nicht anders kann als über alle Backen zu grinsen und voll auf seine Kosten zu kommen. Egal ob als Fan oder kompletter Neuling. Mötley Crüe reißen die Hütte ab! Jetzt habe ich Bock die Vorlage/das Buch zu lesen, was noch wesentlich dreckiger und detaillierter sein soll. Jammy!

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