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Italien 1945: Juliette Binoche spielt eine Krankenschwester, die einen schwer verletzten Patienten, gespielt von Ralph Fiennes pflegen muss, der seinen starken Verbrennungen in naher Zukunft erliegen wird. Parallel zur dieser Story werden Rückblenden über die Vergangenheit des englischen Patienten eingebracht, die seine tragische Affäre erzählen, die ein schreckliches Ende nahm.

"Der englische Patient" wurde für zwölf Oscars nominiert, wovon er insgesamt neun gewinnen konnten, darunter die Oscars für die beste Regie, für den besten Film und für die beste Nebendarstellerinnen und wurde damit zu einem der besten Film der 90er gekürt....zumindest auf dem Papier. Denn auch wenn der Film sicherlich durch einige gute Aspekte, vor allem durch die starken Darsteller glänzen kann, ist er dennoch sehr langatmig und langweilig und auch das größte Meisterwerk scheitert, wenn der Zuschauer dem Gesehenen keine Beachtung schenkt, da es ihn von Anfang bis Ende langweilt. Diese Langweile resultiert teilweise aus der Story und vor allem aus dem schwachen Erzählstil. Die Handlung ist unvorhersehbar und hätte wohl auch Spannung und Dramatik aufbauen können, aber dies scheitert am schwachen Erzählstil. Der Plot wird nämlich nicht linear erzählt, stattdessen ist die Handlung um den, im sterben liegenden Patienten und seine Krankenschwester mit dutzenden Rückblenden gespickt, die dem Film ständig den Wind aus den Segeln nehmen. Die Charakterkonstruktion mag gelungen sein und die Handlung ist weder vorhersehbar, noch klischeehaft, aber dennoch werden auch diese Vorzüge durch die Langatmigkeit des Films zunichte gemacht. Wie viele andere Literatur-Verfilmungen scheitert auch "Der Englische Patient", der auf dem Roman von Michael Ondaatje basiert an seinem mäßigen Unterhaltungswert.

Regisseur Anthony Minghella bekam für seine Inszenierung nach "Wie verrückt und aus tiefstem Herzen" und "Mr. Wonderful" den Regie-Oscar und konnte mit "Unterwegs nach Cold Mountain" und "Der talentierte Mr. Ripley" weitere Erfolge feiern. Er leistet alles in allem gute Arbeit, aber auch er achtet bei seinem Werk nicht im Geringsten auf den Unterhaltungswert. Die Kulisse von Afrika setzt er perfekt in Szene und liefert über die volle Laufzeit des Films einen hohen optischen Schauwert, den er mit ein paar perfekten Perspektiven und ein paar erotischen Aufnahmen noch weiter erhöht. Mit seiner ruhigen und getragenen Filmmusik kann Minghella eine relativ emotionale Atmosphäre aufbauen, die er mit seinem langatmigen Erzähltempo aber nicht weiter ausschöpfen kann. Den gesamten Film gestaltet er sehr emotional, aber in diesem Fall ist es dann doch überproportioniertes Gefühlkino, bei dem man als Zuschauer nach einer bestimmten Zeit abschaltet, da man dem Film unmöglich 160 Minuten dabei zusehen kann, wie er in Emotionen versinkt und sich die ganze Zeit über im Kreis dreht. Stellenweise gibt es mal ein paar unterhaltsame Passagen, aber alles in allem ist der Film subjektiv eher unteres Mittelmaß. Man hätte die Laufzeit besser halbiert.

Die Darsteller leisten sehr gute Arbeit und tragen zur hohen Emotionalität des Films bei, aber auch die schauspielerischen Darbietungen wirken irgendwie genauso träge wie der Rest des Films. Ralph Fiennes zeigt nach "Schindlers Liste" erneut, dass er zu den besten Darstellern Hollywoods gehört und stellt nach seiner knallharten Rolle als sadistischer Nazi unter Beweis, dass er auch in emotionaleren Rollen brillieren kann. Er leistet bei den Liebes-Szenen gute Arbeit und spielt auch als sterbender Patient hervorragend und sehr einfühlsam. Kristin Scott Thomas, die wie Fiennes für einen Oscar nominiert wurde, spielt ebenfalls sehr gut und einfühlsam und zeigt sich vor allem in den Liebes-Szenen mit Fiennes sehr stark. Juliette Binoche, die als einzige Darstellerin mit dem Oscar prämiert wurde, spielt als Krankenschwester sehr überzeugend und passt mit ihrer geheimnisvollen und gelassenen Art perfekt in die Rolle und zeigt nach "Verhängnis" erneut, dass sie zu den besten Darstellerinnen Hollywoods gehört. Mit Willem Dafoe, Colin Firth, Naveen Andrews und Jürgen Prochnow wird dieser starke Cast abgerundet, aber auch die guten Darsteller konnten mir dieses langweilige Werk nicht schmackhaft machen.

Fazit:
Mit "Der englische Patient" liefert Anthony Minghella mit starken und einfühlsamen Darstellern großes Gefühlskino. Leider ist der Unterhaltungswert bei diesem langatmigen und mit überproportionierten Emotionen gespickten Film nicht sonderlich hoch. Darüber hinaus stört der zerfahrene Erzählstil, der dem Film des Öfteren den Wind aus den Segeln nimmt. Große Fans des Liebes- und Gefühlskino werden den Film vermutlich vergöttern, aber für den 0815-Zuschauer ist das Werk nicht geeignet.

36%

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