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Unglaubliche neun Oscars hat Anthony Minghella im Jahre 1997 mit seinem lädierten englischen Patienten abgeräumt. Unglaubliche neun Oscars! Und das ist im wahrsten Sinne des Wortes „unglaublich", denn selten wurden bleiern gestelzte Dialoge, nahezu zurückgeblieben geistlose Charaktere (die allerdings, zugegeben, von guten Mimen verkörpert werden) und bereits peinlich anmutend tapsige Gehversuche auf dem Feld filmischer Philosophie in ihrem wirren Ensemble so künstlich zusammengebastelt wie hier. Egal was die Academy empfiehlt, Romanvorlage hin oder her, das hier ging in die Hose - und zwar choleramäßig!

Minghella hatte es also bereits schon vor seinem unterirdisch schlechten Sonntagsguckerinnenschinken „Unterwegs nach Cold Mountain" fertig gebracht, Kitschiges und Verheultes recht gewinnbringend so zusammenzurühren, dass man in den Führungsriegen der Oscarverleihung, vielleicht noch ein wenig koksverschnupft, an ihn denkt. Dazu gehört allerdings auch nicht viel, denn solange man irgendeinen erstbesten Tränensums mit etwas Political Correctness dopt und dann noch einen Hauch Geschichte durch die Bilder wehen lässt, sollte man sich als Regisseur in der Stadt der Engel besser ducken, um das goldene Männchen nicht auf dem Hollywood Boulevard mit kathartischer Wucht unvermutet an den Kopf geschmissen zu bekommen.

In zähen Rückblenden erfährt man die Leidensgeschichte des durch einen Flugzeugabsturz bis zur Unkenntlichkeit verbrannten ungarischen Grafen Almasy (Ralph Fiennes), der in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs in Italien von einer hingebungsvollen Krankenschwester (die „unerträglich leichte" französische Mimin Juliette Binoche) gepflegt wird. Man erfährt retrospektiv in qualvoll langen halben Stunden Stück für Stück mehr über die Passion seiner unglücklichen Liebe mit einer verheirateten Frau (Kristin Scott Thomas), die in der libysch-ägyptischen Wüste, hin- und hergezerrt zwischen englischen und deutschen Streithähnen, langsam im Sandsturm erstickt.

Heute mag es übrigens von Interesse sein, dass der derzeitige britische Star Colin Firth als der Hahnrei des Films mit von der Partie ist. Besser wird dadurch allerdings nichts. Ach ja, 80er Import Jürgen Prochnow darf hier wieder mal den bösen Deutschen geben, für den es hollywoodgemäß nichts Schöneres gibt, als andere zu foltern oder nervig rumzubrüllen. Überhaupt unterhalten sich die deutschen Soldaten vor allem damit, auf alles zu ballern, was sich bewegt. Oder sie versehen Klaviere und - besonders sinnvoll - in sechs Metern Höhe thronende Köpfe von Bronzestatuen mit Minen, damit es gelangweilten Bauersfrauen oder nichts ahnenden Freeclimbern nach Abzug der Deutschen beim Klimpern oder Kraxeln die Arme abreißt. Der gewöhnliche Zuschauer wird angesichts der Sinnlosigkeit des Gezeigten sicher ebenso wenig stutzen, wie sich der Regisseur selbst dabei wohl nichts Nobelpreisverdächtiges gedacht hat. Dass sich hier also keiner der Beteiligten irgendetwas denkt, passt wenigstens zur angenehm banalen Geistlosigkeit des Films, die nur einmal mehr beweist, dass Anspruch tatsächlich Definitionssache ist. Besonders grob wird es schließlich, als Graf Almasy einen unschuldigen Engländer erwürgt, um zurück zu seiner schwer verletzten Angebeteten in die Höhle in der Wüste zu gelangen, nur um sie dann *Spoiler* tot spazieren zu fliegen. Die inzwischen Verblichene wollte so gern an der englischen Küste beerdigt werden. Was gibt es also Romantischeres (und Dämlicheres) als die verblichene Angebetete über das nordafrikanische Sperrfeuer der doch dauerschießwütigen Deutschen zu schippern? Und so nimmt die - wieder einmal - hausgemachte Tragödie erst richtig ihren Lauf. *Spoiler Ende*.

Doch bis es endlich soweit ist, muss man als nicht geneigter Zuschauer 150 Minuten Weltschmerz erdulden. Das Ganze wird in regelmäßigen Abständen garniert mit zum Teil völlig irrationalen Motiven und Handlungsketten, viel Geschwätz und - das ist besonders schlimm - noch viel mehr Geschwätz aller Beteiligten! Die teils irrsinnigen, gefühlsduseligen und zudem nicht vollends ausgefeilten Dialoge ziehen sich zäh wie Sirup durch den Film und erinnern stets daran, wie lange zweieinhalb Stunden doch sein können.

Minghella hat seine Hausaufgaben aber dennoch irgendwie gemacht gehabt. Er wusste, wie man dem Publikum Belangloses als anspruchsvoll verkauft. Die Ofdb-Gemeinde hat hier jedoch, wie so oft, die Nase vorn und lässt sich nicht veräppeln. „Der englische Patient" liegt hier auf dem völlig berechtigten viertausendvierhundertsten Platz. Wäre der Film nicht einerseits mit neun Oscars bedacht, aber andererseits bereits sagenumwoben langweilig, er wäre - zu Recht - längst vergessen. Oder ist er das nicht schon?

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