Review

Mutsbrüder


Nachdem Sebastian Schipper mit seinem One-Take-Wunder „Victoria“ nicht nur mein Herz sondern die halbe Filmwelt im Sturm erobert hat, vergingen dann nun doch satte vier Jahre zum „Nachfolger“ bzw. nächsten Projekt auf dem Regiestuhl. Da lasse ich mich natürlich nicht zweimal bitten und tanze, zugegeben mit hohen Erwartungen, an. Freiluftsommerkino, Open Air, der heisseste Tag des Jahres - und ab geht’s! Erzählt wird von zwei Jugendlichen, der eine ein recht ruhiger Flüchtling aus dem Kongo, der andere ein ausgebüchster Londoner Rebell, die sich zufälligerweise treffen und von Marokko bis nach Frankreich zu einem kostbaren und auch gefährlichen Roadtrip aufbrechen, der die Leben der beiden für immer verändern wird...

„Roads“ erinnert in seinen besten Momenten an eine sensible, in sich ruhende und durchgehend kraftvolle Mischung aus „303“ und „Call Me By Your Name“, nur eben mit der aktuellen Flüchtlingsthematik als bedrückender Unterbauch. Die zwei Jungs spielen das ganz fein und ihre Connection spürt man durchweg. Schipper weiß es atmosphärische Bilder von vorbeisausenden Straßen und Landschaften einzufangen, ohne dabei den Fluss des Films zu sehr einschlafen zu lassen. Die vielen Aufnahmen aus Flüchtlingsunterkünften und -wegen wirken authentisch und gehen einem nah. Einmal, zumindest teilweise, eine solche Reise mitzumachen bzw. sehr nah mitzuverfolgen, verpasst der intensiven Geschichte über Reifung, Freundschaft, Ziellosigkeit und Menschlichkeit, ihre ganz eigene Nachhaltigkeit. Der harte Kern bleibt allerdings die Beziehung der zwei verlorenen, suchenden Seelen - und die ist auf Weltklasseniveau!

Fazit: echt ohne einen zu sehr runter zu ziehen, emotional ohne kitschig zu wirken, aktuell ohne predigend zu sein. „Roads“ ist ein packender Roadtrip von Marokko bis tief in die akut-wunden Stellen Europas. Mit einer brüderlichen Liebe, die noch lange nachwirkt und sich absolut real anfühlt. Coming-of-(R)Age in einer verrückten, dunklen, aber keineswegs hoffnungslosen Zeit. 

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