Tony (Ricky Gervais) ist ein mäßig begabter Kleinstadtjournalist, der seit dem Krebstod seiner von ihm über alles geliebten Frau Lisa sehr heftig mit dem Leben hadert. Voll mit Hass auf die Welt und Selbstmitleid, erträgt er das Leben nur mit boshaften Zynismus, beleidigt auch und gerade Menschen, die ihm eigentlich nur helfen wollen, so seinen Schwager Toni, der eigentlich sein Boss ist, Lenny, den etwas verpeilten, aber gutmütigen Blattfotografen und viele mehr. Seinen dementen Vater besucht er jeden Tag im Pflegeheim – immerhin mag er die Pflegerin Emma…und nicht zu vergessen die nette Witwe Anne, die seine Frustration brillant kontert…
Ich bin einer von vermutlich 10 Menschen weltweit, die a) noch nie auf Mallorca waren (und ich reise sehr gern) und b) englischen Humor oft schwierig finden. Bei „Das Leben des Brian“ habe ich ca. drei Mal gelacht, bei anderen Monty Python-Filmen gar nicht. Oft ist mir der Humor zu bemüht skurril und wenn ich die Wahl habe zwischen „Der nackten Kanone“ und besagten „Leben des Brian“, ist meine Wahl eindeutig. Generell mag ich US-Humor tatsächlich viel lieber, z.B. „Seinfeld“, „Curb Your Enthusiasm“ oder „Parks and Recreation“ sind für mich die Kronjuwelen des TV-Humors.
Es gibt allerdings eine große britische Ausnahme: Ricky Gervais! Ich liebe seinen misanthropischen Humor, der gleichzeitig mit unglaublich liebevollen Charakterisierungen gepaart ist. Sein „The Office“ ist meiner Meinung Lichtjahre besser als der deutsche „Stromberg“-Abklatsch (die US-Version finde ich wiederum ziemlich gut, aber nicht so gut wie das Original) und seine Serie „Extras“ um erfolglose Komparsen ist einfach nur großartig.
Dementsprechend neugierig war ich aber seine neue Netflix-Serie „After Life“, von der gerade die zweite Staffel veröffentlicht wurde. Tja, und was kann ich sagen? Er kann es immer noch.
Der Fremdscham-Faktor ist nicht so immens wie bei den beiden anderen genannten Serien, dafür ist definitiv der Drama- bzw. Traurigkeits-Faktor erhöht worden, wobei zum Glück der Humor immer noch derselbe verstörende ist! Allein der dysfunktionale, sexistische und unangenehme Psychiater ist brillant.
Und oft habe ich mich dabei ertappt, wie ich vom Geschehen regelrecht berührt, sogar ergriffen war. Denn bei allem Zynismus: Ricky Gervais denunziert seine Figuren nie. Er stellt sie nie bloß und die allermeisten Figuren der Serie (12 Teile insgesamt) sind unglaublich sympathische, liebenswürdige Personen, trotz aller Beklopptheiten. Manchmal erschien mir die zweite Staffel etwas zu dick aufgetragen (allein durch die melancholische Musikauswahl mit The Carpenters und Sufjan Stevens), doch gerade als es drohte zu kippen, schafft es Gervais (der auch Regie führte und das Drehbuch schrieb), das Steuer herumzureißen.
Und er ist sein härtester Kritiker in dieser Serie: ein in Selbstmitleid versinkender Trauerkloß, der den Tod seiner Frau als Ausrede für ALLES in seinem üblen Verhalten missbraucht – etwas, was sie sicher zu Lebzeiten schärfstens kritisiert hätte. Und immerhin durchläuft Tony eine zum Teil extrem bewegende Lernkurve (z.B. die alte Lady mit der „sprechenden“ Katze in der 2. Staffel).
Sicher, die Moral von „After Life“ ist sehr einfach und offensichtlich. Doch nicht jeder braucht so unglaublich unterhaltsam lang, es zu begreifen, wie Ricky Gervais alias Tony in dieser Serie. Ich habe Tony und seinen Kollegen, Nachbarn, „Freunden“ gern zugeschaut.
Schön! 9/10.