Review

Elektrische Impulse fräsen sich plötzlich wie kleine Sägeblätter durch das Netz aus neuronalen Verbindungen. Zu viel für die Synapsen; sie versagen den Dienst und entkoppeln die Nervenzellen voneinander. Dies ist der Moment, als der Träger des Gehirns seine Zurechnungsfähigkeit verliert.

Kai Bogatzki steht in seinem Regiedebüt nicht genug Budget zur Verfügung, um diese kurze Computeranimationssequenz so animieren zu lassen, dass sie ansehnlich aussieht. All ihrer handwerklichen Unzulänglichkeit zum Trotz dient sie trotzdem als eine Art Schlüsselmoment; denn sie resümiert zum Abschluss noch einmal die Ambitionen des Regisseurs, tief hinter die Fassade seiner Hauptfigur geblickt zu haben. Um keinen Preis soll das Missverständnis aufkommen, hier handle es sich bloß um einen primitiven Slasher mit einem namenlosen Monster.

Xavier, gespielt von Marc Engel, ist eine fiktive Figur, ein Konglomerat verschiedener populärer Serienkiller, deren Geschichten bei Bogatzki Faszination hinterlassen haben dürften. Jeffrey Dahmer ist es letztlich, auf den die Wahl für das Eröffnungszitat von „Scars of Xavier“ fällt. I don’t know, beteuert Dahmer, der nach seiner Festnahme insgesamt 17 Morde von 1978 bis 1991 gestand, auf die Frage nach seiner Empathiefähigkeit. Aus diesen Worten kann man herauslesen, dass er vergeblich versucht, sein eigenes Handeln zu verstehen, als habe er genau wie Außenstehende keinen Zugriff auf die Ursprünge seiner eigenen Natur.

Xavier ist in dieser Hinsicht ein Bruder Dahmers im Geiste – beides wandelnde Bleischürzen im Dunst psychoanalytischer Röntgenstrahlung. So kommt also dem Filmemacher die anspruchsvolle Aufgabe zu, den Protagonisten zu demaskieren. Es muss darum gehen, sich den Rhythmen des voyeuristischen Horrorfilms zu entsagen, um mit fokussiertem Blick ein Loch in die Genre-Vorgaben zu brennen und auf das Verborgene zu stoßen.

Ein Anliegen, das Bogatzki spürbar unter der Haut brennt. Dabei kann es für einen Filmemacher wie ihn denkbar problematisch sein, ausgerechnet mit einem Werk über einen Serienmörder zu beginnen und dennoch etwas Ambitioniertes vorlegen zu wollen; denn welcher Zuschauer erwartet bei der ersten Regiearbeit des Editors vom „Blood Feast“-Remake mehr als eine stumpfe Schlachtplatte, gerade wenn er sich ein solches Thema aussucht?

Dass Bogatzki andere Vorbilder als Michael Myers und Jason Voorhees studiert hat, macht er schnell deutlich. Formell legt er seine Arbeit im Stil einer psychologischen Studie an – mit einem Augenmerk auf das Detail und volle Konzentration auf situative Momentaufnahmen. Entsprechend fällt auch die visuelle Ausgestaltung des Prologs im nächtlichen Rom aus. Monochrome Beleuchtung, verschwommene Ränder und dazu fokussiert die Kamera auf Close-Ups in der Bewegung. Wir betrachten die Stadt aus der Perspektive des Mörders – und das nicht etwa in Form einer alienesken Monster-Point-of-View, sondern mit einem ausgeprägten Einfühlungsvermögen in sein Denken.

Bestärkt durch diese Herangehensweise gelingen immer wieder intensive Einzelmomente. Die sequentiell aufgebauten, zumeist privat angelegten Situationen zwischen Täter und Opfer geben viel Raum zur psychologischen Einordnung, so dass man nicht einfach nur dem grausamen Handwerk beiwohnt, sondern auch Zeuge einer bizarren Normalität wird, wenn die Regie beispielsweise die Zerstückelung einer Leiche mit der Routine einer allmorgendlichen Session im Bad gleichsetzt. Visuelle Highlights und Spezialeffekte werden dabei zunächst mit Bedacht eingesetzt und erreichen etwa zur Filmmitte ihren Höhepunkt, als ein kunstvoll gefilmter Kehlenschnitt rückwärts in Zeitlupe abgespielt wird und von „Funny Games“ bis „Irreversibel“ die meist diskutierten Gewaltabhandlungen der jüngeren Filmgeschichte referenziert werden.

Je weiter sich das Drehbuch allerdings hinaus ins Unbekannte wagt, desto mehr verwirft es seinen Authentizitätsanspruch und öffnet sich einer stilistischen Vielfalt aus mehreren Dekaden Filmgeschichte. Das beginnt bei der Unterhaltung mit dem Arbeitskollegen aus der Waschstraße, der dem dunklen Humor vieler Coen- und Jarmusch-Werke Tribut zollt. Die als Konzept-Sequenz gemeinte Disco-Szene bedient sich bei diversen Horrorfilmen und Thrillern, in denen sich die vermeintliche Sicherheit eines öffentlichen Platzes als Trugschluss herausstellt (vgl. etwa „Scream 2“ oder „Collateral“). Als zuletzt auch noch die Innenwelt des Killers visualisiert wird mit einem monströs geschminkten Doppelgänger, der metaphorisch durch den Spiegel bricht und sich den „normalen“ Xavier holt, ist sogar die Brücke zu Tarsem Singhs Alptraum-Dekor von „The Cell“ geschlagen.

Das funktioniert zwar, solange man sich innerhalb der jeweiligen Szene befindet; doch setzt man sie zu einem Gesamtbild zusammen, entsteht aus dem angestrebten Unikat am Ende doch nur so etwas wie ein Lexikon der typischsten Verhaltensmuster für Serienkiller. Insbesondere die vielen Rückblenden, in denen der Persönlichkeitsentwicklung Xaviers die Mutterkomplexe eines Ed Gein unterstellt werden, lassen das Charakterprofil unnötig schematisch erscheinen; ebenso wie die eine besondere Frau (Alexia von Wismar), die eben etwas anders ist als die anderen Frauen.

Hauptdarsteller Marc Engel wirkt den sich langsam offenbarenden Mängeln der Figurenzeichnung immerhin mit seiner spröden, im positiven Sinn ausdruckslosen Spielart entgegen. Ob er nun einen lästigen Nachbarn an der Tür abwimmelt oder ein fliehendes Opfer in letzter Sekunde aufhält, ein gestiegener Puls ist ihm zu keiner Zeit anzumerken, sehr wohl jedoch die Machtlosigkeit gegen die eigenen Triebe. Obwohl er nur in ausgewählten Situationen eine weiße Maske trägt, scheint es fast so, als trüge er sie über die gesamte Laufzeit, bis sich langsam Risse in ihr bilden.

Bogatzki hat definitiv den Überraschungseffekt auf seiner Seite. Er profitiert von der künstlerischen Kontrolle, die er in seiner Funktion als Regisseur, Autor, Produzent und einigen weiteren ausführenden Rollen genießt, wobei erwartungsgemäß gerade sein Cutter-Handwerk positiv hervorsticht. Für ein Erstlingswerk bietet „Scars of Xavier“ eine formell äußerst beachtliche Linie, die in gekonnt herbeigeführten Situationen mündet. In Sachen Psychoanalyse wird aber trotz aller Mühen allenfalls an der Oberfläche gekratzt.

Details
Ähnliche Filme