"Ich erschaffe Automaten", stellt sich der Comte de Saint-Germain (André Reybaz), ein über die Maßen freundlicher, charismatischer Adeliger, selbstbewußt und unbescheiden vor. Doch seine stechenden, bohrenden Blicke und die hinterlistige, bedrohliche Aura, die ihn umweht, verheißen nichts Gutes. Der Graf gibt sich als Fan der Pianistin Penny Vanderwood (Claude Jade) zu erkennen, und der Charmeur redet nicht lange um den heißen Brei herum. Sie soll als Vorbild für einen neuen Automaten fungieren, der ihre exzellente und gefühlvolle Spielweise bis ins Detail wiedergeben wird. Penny fühlt sich einerseits sehr geschmeichelt, hat aber gleichzeitig ein etwas ungutes Gefühl bei der Sache. Dieses steigert sich zum nackten Grauen, als sie den Schachroboter des Grafen in Aktion sieht, denn dessen charakteristisches Spiel mit all seinen kleinen, feinen Eigenheiten erinnert sie sofort an ihren bei einem Unfall verstorbenen Verlobten Robert. Kann es sein, daß Robert seinen Tod nur vorgetäuscht hat, um in die Dienste des Comte zu treten und dessen Automat aus dem Verborgenen geschickt zu bedienen? Mit ihrem Freund Lewis Armeight (François Dunoyer) setzt Penny alles daran, Licht in dieses mysteriöse Dunkel zu bringen.
Ich gebe zu, ich bin vorbelastet. Schach dem Roboter hat mich, als ich ihn vor vielen Jahren als Kind zu Gesicht bekam, zutiefst geschockt und verstört. Mir war zu diesem Zeitpunkt zwar schon bekannt, daß es Maschinenwesen gab, aber diese Automaten waren etwas, das ich noch nie zuvor gesehen hatte. Und dann... das Ende, wenn die grausige Wahrheit in all ihrer monströsen Pracht enthüllt wird... das brannte sich tief in meine Gehirnwindungen und wurde im imaginären Ordner mit der Aufschrift "unvergeßlich" abgelegt. Und tatsächlich habe ich diesen Film nie vergessen; ich wußte zwar lange Zeit nicht mehr, wie er hieß, aber ich wußte stets, daß es ihn gab, rechnete jedoch nicht damit, ihn je wiederzusehen. Die längst überfällige DVD-Veröffentlichung dieses unheimlichen Kleinods schaffte dem nun Abhilfe. Und was soll ich groß sagen? Schach dem Roboter ist wunderbar gealtert, wie guter, französischer Wein, ein wahrlich edler Tropfen aus dem Fundus der phantastischen Filmgeschichte.
Michel Subielas Fernsehfilm basiert auf einer Erzählung des Schriftstellers und ehemaligen Geheimagenten George Langelaan (*), dessen Kurzgeschichte La Mouche (Die Fliege) bereits als Vorlage für die Horrorklassiker von Kurt Neumann bzw. David Cronenberg diente. Die Geschichte entfaltet sich sehr gemächlich, nichts wird überhastet. Subiela vertraut voll und ganz auf die starke Story (die Drehbuchadaption stammt von ihm selbst), die den Zuschauer mit ihrer düsteren Mischung aus Science-Fiction, Krimi und Horror sofort in den Bann zieht. Es gibt kaum Action, kein Blut, keine nennenswerten Spezialeffekte, keine hektischen Schnitte; nichts, das von der unheimlichen Geschichte ablenken könnte. Ich bin versucht, Schach dem Roboter als im besten Sinne altmodisch zu bezeichnen, allerdings wäre das nicht richtig, denn subtile Perlen wie diese kommen - bei mir zumindest - nie aus der Mode. Die Schauspieler sind allesamt gut, wobei aber André Reybaz hervorsticht, der mit seiner gekonnten Darbietung dem Schurken ein diabolisches Charisma verpaßt, das sowohl fasziniert als auch abstößt. Den Comte de Saint-Germain gab es im Übrigen wirklich; tatsächlich wird dezent angedeutet, daß es sich beim Grafen sogar um den geheimnisumwitterten Adeligen, der im achtzehnten Jahrhundert lebte, handeln könnte. Das Design der Automaten ist ebenfalls sehr gelungen. Die starren Gesichter mit den glühenden Augen sorgen ebenso für Unbehagen wie die ruckartigen, von klickenden Geräuschen begleiteten Bewegungen.
Schach dem Roboter verursacht fast zärtliche Schauer des leisen Grauens, vorausgesetzt, man vermag mit Haut und Haaren in die Geschichte einzutauchen. Mir scheint das gut gelungen zu sein, denn das Ende sorgte (erneut) für eine schaurigschöne Gänsehaut, und das monotone Kläffen des Wachhundes hallte noch einige Zeit in meinem Kopf nach.
(*) Le Collectionneur des Cerveaux hält sich grundsätzlich sehr eng an George Langelaans Kurzgeschichte Les Robots Pensants (Denkende Roboter), die im mir vorliegenden Taschenbuch Denkende Roboter - Erzählungen aus der phantastischen Wirklichkeit vierundvierzig Seiten lang ist. Michel Subiela erweiterte für die Filmadaption geschickt einige Passagen, um die Geschichte auf Spielfilmlänge zu strecken, ohne das Geschehen zu verwässern oder sich in Nebensächlichkeiten zu verzetteln. Lediglich eine markante Szene mußte weichen bzw. wurde ersetzt, da sie für einen Fernsehfilm wohl entschieden zu krass war. Wer die Erzählung gelesen hat, erinnert sich bestimmt an die "Dame in Weiß", welche sich um die gefangene Penny kümmert. Diese Krankenschwester hat, obwohl ein Automat, das Erscheinungsbild eines Zombies. Langelaan beschreibt ihren kurzen aber memorablen Auftritt auf den Seiten 165/166 wie folgt: "Durch den Schleier hindurch sahen sie den Schädel, ohne Nase und fast ohne Fleisch, um den ein paar schwarze Locken hingen. Das rechte Auge des Ungeheuers, ein Auge ohne Lid, aus dem Blut tropfte, sah sie starr an, und Lewis fühlte, wie ihm das Blut in den Adern stockte, als eine haarige Spinne aus der blutenden Augenhöhle des linken Auges hervorkroch."