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"Späte Sühne" gilt als typisches Werk der "Schwarzen Serie", geht aber in seiner pessimistischen Betrachtung der us-amerikanischen Gegenwart der 40er Jahre noch darüber hinaus. Ähnlich wie in der "Blauen Dahlie" von 1946 entsteht hier die Spannung aus der Konfrontation zwischen den "Daheimgebliebenen" und den Kriegsheimkehrern - hier in Person von Captain "Rip" Murdock (Humphrey Bogart) und Sergeant Johnny Drake (William Prince).

Während die frühen Werke der "Schwarzen Serie" das anrüchige Bild einer verdorbenen, dekadenten Gesellschaft zeichneten, in der der "Held" meist selbst Teil dieser Gruppierung war (wie etwa der auch von Bogart gespielte Privatdetektiv Philip Marlowe), trifft in "Späte Sühne" der Kriegsheld von außen auf eine Welt des Verbrechens. Äußerlich ähnelt Bogarts Rolle zwar seinen Detektivrollen, da er hier ebenfalls einen Mord aufklären will (den an seinem Kameraden Johnny), mit der Polizei Probleme bekommt und in seiner zynischen Art problemlos mit den Gangstern mithält, aber hier agiert nur ein im Weltkrieg gestählter Offizier, dessen moralische Position nie in Frage gestellt wird.

Immer wieder betont Murdock seine Freundschaft zu seinem Kameraden, die für ihn den höchsten Antrieb, das Verbrechen aufzuklären, bedeutet. Warum dieser überhaupt in Berührung mit Verbrechern kam und daraufhin des Mordes angeklagt wurde, wird mit der großen Anziehungskraft der Nachtclubsängerin "Dusty" Chandler (Lizabeth Scott) begründet, der sich auch Murdock nur schwer entziehen kann. Die Unschuld seines Freundes steht für ihn von Beginn an zweifelsfrei fest. Erklärbar ist diese Konstellation nur aus einem tiefen Misstrauen einer gesamten Generation von Kriegsveteranen gegenüber der zivilen Gesellschaft und damit besonders gegenüber den Frauen. Das kulminiert in dem Satz als Murdock "Dusty" zwar seine Liebe gesteht, dabei aber betont, dass er seinen Kameraden Johnny noch mehr liebt. In einer homophoben Gesellschaft, wie sie die USA in den 40ern darstellte, ein klares Bekenntnis zur Kriegskameradschaft, die für viele Männer kurz nach dem zweiten Weltkrieg innerhalb einer für sie inzwischen unvertrauten Gegenwart die verlässlichste Bedeutung hatte.

An seiner Sympathie für die Soldaten lässt der Film genauso wenig Zweifel entstehen, wie an seiner zutiefst frauenfeindlichen Haltung. Während ein Film wie die "Blaue Dahlie" der blonden Verführerin auch positive Eigenschaften zugesteht oder ein kritischer Film wie "Die besten Jahre unseres Lebens" die Schwierigkeiten der Kriegsheimkehrer komplex beleuchtet, wirkt Bogart in "Späte Sühne" die gesamte Zeit so, als kämpfe er nur an einen anderen Front weiter, was er in seinen letztlich geäußerten Worten an seinen Vorgesetzten bestätigt, in denen er die Erfüllung des Auftrages formuliert. Es zeigt sich auch an der ungewöhnlichen Brutalität des Films. Murdock wird mehrfach niedergeschlagen und gefoltert, wie es ihm auch nichts auszumachen scheint, mehrere Leichen zu begutachten, bis er seinen völlig verbrannten Freund an Indizien wieder erkennt.

"Späte Sühne" verfügt über eine Vielzahl vertrauter Ingredenzien der "Schwarzen Serie" und ist vor allem in seinen Nachtaufnahmen der amerikanischen Grosstadt sehr atmosphärisch. Auch die Handlung ist stimmig und spannend erzählt, aber die vielschichtige Qualität, die sich vor allem in den Verfilmungen von Hammett und Chandler-Romanen zeigte, weicht hier einer verlogenen Pseudomoral, die Frauen im Besonderen und der dekadenten Zivilgesellschaft im allgemeinen misstraut und das Soldatenleben als moralisch einwandfreie Instanz betrachtet. Kurz nach dem zweiten Weltkrieg eine vielleicht nachvollziehbare Sicht eines großen Telis der amerikanischen Bevölkerung, mit dem Blick aus der Distanz kann "Späte Sühne" trotz äußerlicher Parallelitäten und einem sehr guten Humphrey Bogart mit den besten Werken der "Schwarzen Serie" nicht mithalten (5/10).

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