Dracula jagt Hippiemädchen
Man stelle sich vor, José Mojica Marins hätte Anfang der 70er Jahre nach der Sichtung mehrerer Jean Rollins John Waters den Auftrag gegeben, einen erotischen Dracula-Film à la Gibsons "Dracula A.D. 1972" (1972) nach Bunuel-Drehbuch zu drehen - und Waters hätte dabei den Soundtrack aus Jess Franco-Filmen, Schlagern und Psychedelic Rock zusammengeklaut: Dann hat man eine vage Vorstellung von "Nosferato no Brasil", einem kaum bekannten und meist für scheiße befundenen, stumm gedrehten und anschließend mit Musik versehenen Super-8-Kurzfilm, der im Grunde ziemlich reizvoll ist - ein billiger Amateurfilm, witzig & sympathisch, herrlich albern und kenntnisreich die Motive seines Subgenres plündernd.
Budapeste Século XIX - Mit dieser als Prolog dienenden s/w-Rückblende beginnt "Nosferato no Brasil": Ein langhaariger, auf eigenwillige Weise recht hübscher junger Mann - der undergroundfilm-affine Dichter & Songtexter Torquato Neto, der sich im Folgejahr 28jährig das Leben nahm! - turtelt mit einem hübschen Mädchen auf der Parkbank. Sein Cape lässt keinen Zweifel daran, dass man es mit einem vampirischen Grafen zu tun hat, seine Schlaghose lässt - wie die im Hintergrund vorbeifahrenden Autos oder die Frisur - keinen Zweifel daran, dass man es mit einem gegen 1970 entstandenen Film zu tun hat, der an einer akkuraten Zeichnung seines behaupteten Handlungszeitraums keinerlei Interesse hat (zumal die vielen Palmen auch nicht unbedingt an Budapest denken lassen). Die hübsche Frau ergreift die Flucht, als sich ihr Begleiter als Blutsauger entpuppt; doch er holt sie ein und saugt sie aus. Etwas später schlägt der Graf mit einer Holzlatte einen jungen Mann nieder, hämmert mit einem Stein auf seinen Kopf ein - derweil beschnuppern und bespringen sich zwei freilaufende Hunde: ein dritter, angeleinter Hund steht kläffend daneben. Dem Grafen geht es ganz ähnlich, als ihn zwei Freundinnen auf Distanz halten, während sie ihm kichernd ihre Reize darbieten: Er jagt sie ein wenig herum, man rangelt zu dritt, am Ende sind die Mädchen leergesaugt. Dann betritt ein weiß gekleideter Held die Bühne, der Graf fühlt sich zum Duell gefordert: man kreuzt die Klingen bis der Kontrahent eine Jesus-Figur zückt - das war nicht eingeplant, den Grafen rafft es dahin.
Der Prolog ist beendet, nun geht es farbig weiter: Eine Frauenhand zieht - offenbar eine Hommage an "Un chien andalou" (1928)! - ein Rasiermesser durch eine kunstblutgefüllte, schwarze Kapsel, aus der es knallrot zu tropfen beginnt. Ein blutrotes Rinnsal fließt über weißen Grund und über den Filmtitel, der auf einer Tafel auf ebendiesem Grund angeschlagen worden ist - offenbar eine Hommage an Fishers "Dracula" (1958). (Wer weiß schon, ob es dem Zufall oder der Intention zu verdanken ist: aber beide Titel, die hier in der Titeleinblendung zitiert werden, zählen zu den wichtigsten Vorläufern der Splatter-Ästhetik.) "Rio, 1971" verkündet eine Kritzelei im Sand: Der Graf ist wieder zurück, als habe das vergossene Kunstblut ihn wieder erweckt - man kennt das aus etlichen Hammer-Draculas, in denen das Blut so knallrot & ikonisch präsentiert worden ist wie hier auch. Und er treibt sein Unwesen so episodenhaft wie zuvor: rauchend steht er als Anhalter am Straßenrand, vampirisiert die junge Dame, die ihn mitnimmt, steht in knapper Badehose mit seinem Cape am Strand von Rio de Janeiro und saugt Kokosnüsse mittels Strohhalm aus während sinnigerweise "In Another Land" (1967) der Rolling Stones ertönt; der nächsten Schönheit folgt er ins Meer und vampirisiert sie während ozeanischer Gefühle. Wieder zwei Lesben im Park: beide fallen ihm zum Opfer. Dann ein weiteres Paar: Der Graf zieht dem Mann hinterrücks eine Keule über und vergreift sich an der Frau. Eine aufreizende Bikini-Schönheit (Scarlet Moon) setzt sich inmitten des Straßenverkehrs in Szene: Der Graf betrachtet sie nachdenklich, ringt sie nieder und lässt es sich schmecken.
Dann ist eines der vampirisierten Opfer zu sehen: Ein bärtiger Hippie umschmeichelt sie. Stunden später: Der Hippie lässt sich von den drei Vampirdamen des Grafen - der lachend danebensteht - entkleiden und wird zu seiner Überraschung ausgesaugt. (Eine launige Variation der Episode über Draculas drei Vampirbräute aus Stokers Roman.) Eine der Vampirinnen täuscht eine Wagenpanne vor, auf der Tonspur dudelt "The Girl From Ipanema" (1962): Ein reicher, schöner Schnösel bietet Hilfe an, beugt sich über ihre Motorhaube - sie bumst ihn von hinten an, er empört sich, man neckt sich, er kommt ihr nahe, sie saugt ihn leer. Der Graf macht sich nochmals einen schönen Abend mit seinen Bräuten, dann endet sein Urlaub und er fliegt wieder zurück nach Europa - per Flugzeug natürlich, lachend durch eines der Flugzeugfenster in die Kamera winkend.
Manches an diesem Film ist einfach bloß herrlich albern: der Graf mit Cape & Badehose etwa, der Kokosmilch saugende Graf oder der per Flugzeug fliegende Graf; zumal Neto diesen ausgesprochen charmant & sympathisch gibt. Anderes besitzt dagegen etwas hintersinnigere Qualitäten: Etwa die Rückblende ins 19. Jahrhundert, die zwar ganz konventionell in s/w daherkommt, um sich als authentische Rückblende zu präsentieren, zugleich aber ihre Anachronismen überhaupt nicht zu verstecken bemüht ist... oder der Umstand, dass das Geschehen nach der Wiedererweckung des Grafen auch nicht wirklich anders abläuft als zuvor: so ist das mit dem Vampirfilm-Subgenre und seinen fortsetzungsreichen Reihen. Stokers "Dracula" (1897) wird wie die Hammer-Vampirfilme recht deutlich zitiert - aber auch die Sexvampire, die seit etwa 1967 ihr lustvolles Unwesen im europäischen Subgenre-Film trieben, finden sich hier wieder: vor dem Hintergrund des Meeres etwa - wie bei Rollin! -, aber auch vor exotischer Urlaubsort-Kulisse - wie bei Jess Franco, der ebenfalls 1971 seinen "Vampyros Lesbos" rausbrachte. (Die Bezeichnung Nosferatu, die sich durch Titel & Zwischentitel zieht, bleibt dagegen - wie ein eingebundenes Universal-Logo in der DVD-Version dieses Films, von dem auch eine geringfügig abweichende, etwas anders montierte Version im Umlauf ist - ein ziemlich gehaltloser Verweis: während das Universal-Logo immerhin noch den s/w-Teil des Films beendet, ehe dann eine Anspielung auf den ersten Vampirfilm der Hammer-Studios den farbigen Teil einleitet, bleibt das Wörtchen Nosferatu ein nicht weiter begründeter Verweis, der sogar ein wenig in die Irre führt, hat doch Cardosos Vampir gar nichts mit Murnaus Vampir gemeinsam.)
Die ausgesprochen ironisch eingesetzte Musikspur ist dann das i-Tüpfelchen dieses heiteren Underground-Werks, dessen - damals noch 19jähriger - Regisseur später mit einer Doku über José Mojica Marins ("O Universo de Mojica Marins" (1978)) und natürlich mit seinem Beitrag zum Paul Naschy/Werwolf-Zyklus ("Um Lobisomem na Amazônia" (2005)) aufgefallen ist. Wäre Cardoso nicht später im Sumpf eher mäßiger Genrefilme versackt - was ihn imerhin zum Mestre do Terrir werden ließ, wobei Terrir die von Cardoso präferierte Richtung bezeichnet, in der terror und rir (lachen) verschmelzen! -, würde man "Nosferato no Brasil" möglicherweise weniger als Horror-Parodie, sondern vielmehr als skurrile Randerscheinung von Tropicália & Cinema Novo betrachten: ein frecher, rebellischer Touch ist dem Film zumindest kaum abzusprechen.
Ob einem dieser fröhlich dilettierende Horror- & Erotik-Witz zusagt, ob einem die Amateur- & Underground-Ästhetik gefällt, ob einem ein halbes Dutzend gescheiter Verweise in einer halben Stunde ausreicht und ob man im frechen, unbekümmert-lustbetonten Gestus des Films subversives Potential entdecken will, muss man für sich selbst entscheiden. Wenn man sich jedoch mit No Budget-Kunst vom Schlage eines frühen John Waters oder Rosa von Praunheim arrangieren kann, wenn man den Vampirfilm der 60er & 70er Jahre schätzt und auch für die Spielart des späten, grelleren Cinema Novo zu haben ist, dann sollte man durchaus einen Blick in diese irgendwie liebenswerte Kuriosität wagen: Im Grunde ist schon die ansteckende gute Laune der Darsteller(innen), die bisweilen lachend aus ihren Rollen fallen, einen Blick wert. So schlecht, wie er bisweilen gemacht wird, ist "Nosferato no Brasil" ganz sicher nicht...
6,5/10