„Du bist’n Bullensohn!“
Nachdem Regisseur Lars Jessen („Dorfpunks“, „Fraktus“) bereits vier „Tatort“-Episoden verfilmt hatte, übernahm er 2019 erstmals die Inszenierung eines „Polizeiruf 110“, genauer: den 19. Fall des Rostocker Ermittlungsduos Katrin König (Anneke Kim Sarnau) und Alexander Bukow (Charly Hübner), erstausgestrahlt am 07.04.2019, am 12.03.2019 jedoch bereits beim Deutschen FernsehKrimi-Festival in Wiesbaden uraufgeführt. Auch am Drehbuch zu dieser „Kindeswohl“ getauften Episode wirkte Jessen, zusammen mit den Autorinnen Christina Sothmann und Elke Schuch, mit.
„Frische Luft, Arbeit auf dem Feld…“
Kommissar Bukows Sohn Samuel (Jack O. Berglund) hat das, was man gemeinhin als schlechten Umgang bezeichnet: Sein Kumpel Keno (Junis Marlon, „Die Schimmelreiter“) ist ein Jugendlicher, dessen Erziehung völlig in die Hose ging. Er bewohnt ein Heim für verhaltensauffällige Jugendliche, in dem er regelmäßig mit dem Leiter Stig Virchow (Matthias Weidenhöfer, „HERRliche Zeiten“) aneinandergerät. Als Virchow ihn wieder sanktioniert, nachdem er einen Brandanschlag auf eine Disco verübt hat, deren Türsteher ihn zuvor abgewiesen und geschlagen hatte, reißt er aus und trifft sich mit Samuel. Als Virchow ihnen in einem Waldgebiet über den Weg läuft, erschießt Keno ihn kurzentschlossen. Nun befinden sich die ungleichen Freunde gemeinsam auf der Flucht. Kenos Ziel: Eine Pflegefamilie in einem ländlichen Gebiet Polens, an die sein Freund und Halbbruder Otto (Niklas Post, „Nebel im August“) vermittelt worden war. Jener Otto hatte ihm einen Brief in die Einrichtung geschickt, doch Keno kann nicht lesen… Kommissar Bukow ist derweil vollkommen fertig mit den Nerven und will vor allem seinen Sohn zurückhaben. Aufgrund seiner Befangenheit und der emotionalen Ausnahmesituation, in der er sich befindet, leitet Kommissarin König die Ermittlungen, die sich zunächst einmal mit den Umständen in Kenos Heim vertraut macht. Wollte man Keno, mit dem man offenbar überfordert war, ebenfalls nach Polen „auslagern“?
Beginnt eine Erzählung direkt mit einem Selbstmordversuch, ist dies meist ein Indiz für einen düsteren, bedrückenden Film. So auch in diesem „Polizeiruf 110“, in dem nichts so ist wie es sein sollte: Der noch unbekannte Junge auf dem polnischen Hof sollte nicht aus dem Leben scheiden wollen, Keno sollte nicht so aggressiv und brutal sein, Samuel sollte nicht mit ihm unterwegs sein und Kommissarin König sollte nicht am Bul(l)ettenimbiss einen Stecher für schnellen, unverbindlichen Sex treffen, dem sie sich im Auto hingibt. Sein heranwachsender Sohn scheint Bukow zu entgleiten, der wiederum keine Sprache findet, um mit Samuel auf Augenhöhe zu kommunizieren. Bei Keno hingegen ist längst alles zu spät, er ist ein Extrembeispiel für die negativen Folgen eines zerrütteten dysfunktionalen Elternhauses, an denen auch die Jugendhilfeeinrichtung, in der er untergebracht wurde, nicht mehr viel herumdoktern kann. Er weiß, dass er vom Leben nichts mehr zu erwarten hat und so ist es für ihn auch keine große Sache, seinen verhassten Betreuer zu erschießen, als ihm dieser in die Quere kommt.
Damit hat dieser „Polizeiruf“ seinen Mordfall, vielleicht auch Totschlag – das wird ein Gericht entscheiden müssen. Kein Whodunit? und auch keine Suche nach einem Motiv, anstelle eines herkömmlichen Krimis ist „Kindeswohl“ ein mehrschichtiges Kriminaldrama. Eines, in dem es allen beschissen geht. Bukow ist völlig durch den Wind, niedergeschlagen und verbittert, gereizt und gefährlich. Mehrmals zeigt er Nerven, geht sogar auf einen Unschuldigen los. Er wird zum unerträglichen Kotzbrocken, unter dem wiederum König zu leiden hat, die ebenfalls als emotionaler Fußabtreter herhalten muss. Samuel gibt sich mehr oder weniger freiwillig weiterhin mit Keno ab und begleitet ihn auf seinem Weg, wird dadurch aber auch zu einer Art Fluchthelfer, begeht Ladendiebstahl – und wird krank. Die Winternächte unter freiem Himmel tun ihm nicht gut, die Gesamtsituation noch weniger. Im Jugendheim pendelt man zwischen naiven pädagogischen Ansätzen, harter autoritärer Hand und zynischem Kommentar bei gleichzeitigem Eingeständnis der eigenen Hilflosigkeit.
Dieser etwas konstruierte, nichtsdestotrotz hochdramatische, spannende Fall ist viel mehr als das, es ist eine beißende Kritik am Versagen staatlicher Pädagogik. Einer Pädagogik, die ihre schwierigsten Schutzbefohlenen privaten Einrichtungen überantwortet, welche sie wiederum ins Ausland abschieben, um sie los zu sein. Ein stattliches Salär wird dennoch kassiert, das nur zum Teil an die ausländischen Pflegefamilien fließt, für die sich diese Art von Geschäft jedoch ebenfalls lohnt. Wie es den Kindern und Jugendlichen dort ergeht, wird hingegen nur unzureichend kontrolliert, das System ist intransparent und für Außenstehende nicht mehr nachvollziehbar. Behörden und Einrichtungen weisen die Verantwortung von sich, den schwarzen Peter schiebt man sich gegenseitig zu. Selbst für die Kripo wird es schwierig, einen Überblick über die realen Verhältnisse zu erhalten. Die Betreuung von Kindern und Jugendlichen wird von ökonomischen Rahmenbedingungen abhängig gemacht, sie wird zu einem Handelsgut. Mit Fiktion hat das wenig zu tun. Laut Autor/Regisseur Jessen habe seine in sozialen Einrichtungen arbeitende Frau genau dies in der Realität beobachtet. Das passt ins Bild einer immer mehr Verantwortung an die Wirtschaft und den Markt abtretenden, neoliberalen, privatisierungswütigen Politik, die langsam aber sicher sämtliche ehemals staatlichen Einrichtungen in erschütternder Konsequenz an die Wand fährt.
In bedrückender, trauriger Atmosphäre, die in tristen verschneiten Landschaften ihren Widerhall findet, wird aber auch die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft erzählt, die eines „Bullensohns“ mit einem soziopathischen Ausreißer. Mit Klischees wird dabei sparsam umgegangen, stattdessen kann sich insbesondere Junis Marlon schauspielerisch voll entfalten. Damit befindet er sich in guter Gesellschaft, denn nahezu allen Beteiligten gelingt es bravourös, all die privaten Verwicklungen und Belastungen, die die Handlung in sich birgt, adäquat zum Ausdruck zu bringen, ohne es bis zur Unglaubwürdigkeit zu übertreiben. Bukows Verzweiflung ist dabei nur einer von mehreren Aspekten, die einem nahegehen. All dies paart sich mit einem Gefühl permanenter Anspannung angesichts der Unberechenbarkeit nicht nur Kenos, sondern auch Bukows. Beide Figuren scheinen sich in ihrem ungesunden Umgang mit Druck und Aggressionen immer ähnlicher zu werden. Doch die beständig zwischen Rostock und Polen alternierende Handlung steuert auf einen weiteren emotionalen Tiefpunkt zu, das fragwürdige „pädagogische Konzept“ fordert ein weiteres Opfer. Auf zynische Weise führt dieser alle anderen verlorenen Charaktere zusammen, für sie keimt wieder Hoffnung auf.
„Derzeit leben etwa 850 Kinder aus Deutschland in Pflegefamilien im europäischen Ausland“ – diese Information wird am Ende in Form einer Texteinblendung nüchtern vermittelt und trägt leider dazu bei, dass Jessens „Polizeiruf“ als pauschale Kritik an Auslandsaufenthalten von Problemkindern missverstanden könnte. Diese wäre natürlich vollkommen unangebracht, denn nicht der Auslandsaufenthalt an sich ist das Problem, wie inhaltlich auch vermittelt worden sein sollte. Freunden intensiver Krimidramen haben Jessen & Co. einen herausragenden Beitrag zur „Polizeiruf 110“-Reihe beschert, in den sich auch Monchi, Sänger der mitunter von staatlicher Repression betroffenen und von Neonazis bedrohten (von Hübner in „Wildes Herz“ porträtierten) Rostocker Band „Feine Sahne Fischfilet“, in einer Nebenrolle als brüllender Heimmitarbeiter überraschend gut einfügt. Für die musikalische Untermalung jedoch griff man auf einen hervorragenden modernen Prog-Synth-Sound zurück, der ebenfalls auf höherem Niveau als dem durchschnittlicher TV-Krimi-Kost angesiedelt ist. Vermutlich sollte Lars Jessen häufiger am Drehbuch beteiligt werden, denn dieser „Polizeiruf 110“ stellt seine Arbeiten für den Münsteraner „Tatort“ deutlich in den Schatten!