Spanien Ende der Achtziger Jahre: Während in Berlin die Mauer fällt, spielt der 12jährige Nico Lasarte (Julio Bohigas-Couto) während eines heftigen Gewitters auf seiner Kindergitarre und nimmt sich dabei per Video-Kamera selbst auf. Stolz sieht er sich dann seine musikalischen Fortschritte am Fernseher an und zeigt sie auch seiner alleinerziehenden Mutter, die im Schichtdienst in einem Krankenhaus arbeitet. Beim Blick aus dem Fenster in den nächtlichen Himmel sieht er im Nachbarhaus schemenhaft eine Gewalttat, was seine Neugier weckt: Schnurstracks begibt er sich zum Nachbarn und findet dessen ermordete Ehefrau am Fußboden, während der Nachbar gerade die Treppe herunterkommt - erschrocken rennt Nico aus dem Haus und auf die Strasse, wo er überfahren wird...
25 Jahre später zieht die Krankenhaushelferin Vera Roy (Adriana Ugarte) mit ihrer Familie (Ehemann und Tochter) in ebenjenes Haus - durch Zufall erfährt sie von Freunden aus der Nachbarschaft vom tragischen Unglück des kleinen Nico vor 25 Jahren. Und wie damals zieht auch jetzt ein gewaltiges Unwetter auf, während dessen prognostizierter 72stündiger Dauer mit heftigsten Blitzen, Stromausfällen und dergleichen zu rechnen ist. In einem Wandschrank finden Vera und Ehemann David Ortiz (Álvaro Morte) den alten Fernseher und die Videokamera samt einigen Tapes von 1989. Beim Betrachten der Bänder schaltet der Fernseher plötzlich in eine Live-Schaltung von vor 25 Jahren um - Vera, noch sehr aufgewühlt von der Geschichte des kleinen Nico, kann direkt mit diesem sprechen und bittet ihn eindringlichst, nicht aus dem Haus zum Nachbarn zu gehen, doch da bricht die Verbindung ab. Am nächsten Morgen erwacht Vera auf einer Liege im Krankenhaus und stellt fest, daß sich ihr ganzes Leben verändert hat: Sie ist eine bekannte Ärztin, eine Kapazität auf ihrem Gebiet und soll gleich eine OP durchführen, wozu sie sich überhaupt nicht in der Lage sieht. Darüber hinaus ist David Ortiz gar nicht mit ihr verheiratet und - für sie am schlimmsten - eine Tochter hat sie auch nicht (mehr)...
Die Idee, ein Ereignis der nahenden Zukunft zu verhindern/beeinflussen mittels einer Zeitreise in die Vergangenheit ist spätestens seit der Terminator-Reihe einem breiteren Publikum bekannt - in dieser spanischen Produktion jedoch, selbsterklärend mit Parallelwelten betitelt, geht es darum, ein Ereignis der Vergangenheit zu verhindern, mit für alle Beteiligten ungeahnten Konsequenzen. Regisseur Oriol Paulo (Julia’s Eyes, Der unsichtbare Gast ) hat seine Zeitreise-Geschichte zusätzlich mit einem Kriminalfall verbunden, sodaß über die gesamte Lauflänge von knapp 2 Stunden dieser Netflix-Produktion eine zusätzliche Spannung aufgebaut und erhalten bleibt. Zwar ist der Täter von Anfang an bekannt, jedoch sind die Hintergründe der Tat recht merkwürdig - das Rätsel dieses Subplots löst sich erst ganz allmählich auf.
Hauptdarstellerin Adriana Ugarte versteht es, den Zuschauer für ihre Sicht der Dinge zu interessieren - wie fühlt es sich an, wenn man vor vielen Jahren einen anderen Lebensweg eingeschlagen hat und nun statt einer von vielen OP-Schwestern die leitende Ärztin vor Ort ist? Wenn der geliebte Ehemann ein fremder Banker ist, den man noch dazu bei einem Seitensprung ertappt? Wenn man von einer Sekunde auf die andere seine geliebte kleine Tochter verliert, weil es sie - anscheinend - nie gegeben hat? Und der einzige Mensch, der zumindest zuhört und die unglaubliche Geschichte nicht als Hirngespinst abtut ist ein junger Polizeikommissar (Chino Darín als Inspector Leyra) - aber auch der muß erst überzeugt werden.
Trickreich windet sich die Story geschickt durch die - momentane - Gegenwart, bis Vera den Entschluß fasst, ihre Vergangenheit ein weiteres Mal zu verändern. Der umständliche Weg dorthin - Zeitdruck suggerierend innerhalb des Zeitfensters des momentanen Gewitters - ist für den Zuschauer einigermaßen nachvollziehbar, auch wenn die einzelnen Zwischenstationen und Ergebnisse dieser Zeitsprünge nicht immer ganz logisch erscheinen (z.B. die Entwicklung eines als autistisch geschilderten jungen Mannes, der seit Jahren abgeschieden in einem Appartement lebt und seine Post hinterhergeschickt bekommt, hin zu einem Beamten mit weitreichenden Befugnissen scheint höchst fragwürdig) tut dies der um mehrere Ecken gedachten Story jedoch keinen Abbruch.
Durante la tormenta (so der spanische Originaltitel, etwa: während des Gewitters) weiß durch dezente Kameraarbeit, authentische Darsteller, eine durchdachte SciFi-Story mit vielen Wendungen und den Verzicht auf allzu dramatische Szenen weitgehend zu überzeugen. 7,4 Punkte.