Es ist alles so egal geworden. Black Widow schmiert sich ein Erdnussbuttersandwich, Thor mutiert zu seiner eigenen Asgard-Schausteller-Parodie und in Tony Starks Blick ist der zynische Glanz verloren gegangen, der früher einmal so unzerstörbar erschien. Es wurde ihnen allen etwas genommen, das unantastbar hätte sein müssen. In einer Dekade Marvel hat sich immerhin ein komplexes Regelwerk aus verschachtelten Paragraphen gebildet, das auf einem Abkommen zwischen Helden und Villains, nicht zuletzt zwischen Marvel und den Zuschauern basierte. Die Quintessenz des aufgebauschten Gesetzbuchs war jedoch denkbar simpel: Die Helden lernten etwas über sich selbst, wuchsen an den Villains und besiegten sie schlussendlich. Mit Cola begossen und Popcorn beschossen wurde nichts Geringeres als die unendliche Geschichte des Guten, das am Ende durch Zusammenhalt obsiegt, ganz egal, wie viele Opfer dazu nötig sind. Doch dann kam Thanos. Er verstand die Regeln nicht und weigerte sich folglich, sie zu akzeptieren. „Infinity War“ war wie eine nicht für möglich gehaltene Eskalation auf dem Spielplatz: Wie unter ein paar Kindern, die sich regelmäßig im Sandkasten treffen und augenzwinkernd mit Platzpatronen aufeinander schießen. Es ist Raum für heldenhafte Posen und lockere Sprüche aus der Hüfte. Aber dann kommt ein großer Kerl von außerhalb und will mitspielen. Dafür hat er die geladene Waffe seines Vaters mitgebracht...
12 Monate später. Die ultimative Jubiläumsedition müsste der offensichtlich betitelte Abschluss „Endgame“ eigentlich sein, der Höhepunkt einer epochalen Entwicklung. Die finale Prestige-Ausgabe, mit der eine mühsame Reise beendet wird. Erstmals erscheint keine versteckte Szene nach dem Abspann. Klammern werden geschlossen. Es geht um das letzte Aufbäumen der Avengers, die wir seit einer Dekade bei ihren Abenteuern begleiten. Man wird nur das Gefühl einfach nicht los: Der eigentliche Paradigmenwechsel, die tatsächliche Revolution, fand bereits vor 12 Monaten statt.
Auch wenn Thanos' Gewaltakt in „Infinity War“ nicht mit einer Tatsachenentscheidung besiegelt wird und ein Videobeweis die Möglichkeit zur nachträglichen Korrektur einräumt: Zarathustra sprach eben trotzdem schon in dem Moment, als der Finger geschnippt und die Hälfte der Weltbevölkerung zu Staub zermalmt wurde. Über einen so radikalen Schritt fantasiert haben schon viele Bösewichte. Diesmal aber auch tatsächlich das Ergebnis zu sehen, musste eine Zäsur des Marvel-Universums bedeuten, vielleicht sogar des Blockbuster-Kinos, wie wir es momentan kennen.
Was bedeutet das nun für die Zeit nach dem Knall? Um nicht zum langen Epilog zu geraten, hätte „Endgame“ mit einem erneuten unvorhersehbaren Schachzug das Gewagte noch einmal toppen müssen; ein Unterfangen, das aufgrund der umwälzenden Nachwirkungen des vervollständigten Gauntlets völlig unmöglich war. Als eine 180-minütige Laufzeit angekündigt wurde, dachte man automatisch an das finale „Herr der Ringe“-Kapitel „Die Rückkehr des Königs“ - wegen des ewig erscheinenden Fade-Outs, das sich Peter Jackson und sein Team durch eine lange, harte Reise sicherlich verdient hatten. Die Russo-Brüder erlauben sich in den letzten Minuten vor dem schwarzen Abspann Vergleichbares. Doch weil im Grunde der komplette Abschlussfilm nichts anderes mehr als ein Schaulaufen ist, gerät das groß angekündigte, Zuschauerrekorde pulverisierende letzte Ausrufezeichen zum drei Stunden langen Abspann, in dem gemessen am Impact des Vorgängers nichts mehr von Belang passiert. Sondern einfach nur das, was noch passieren musste. Und das ist schon arg ironisch, bedenkt man, dass das Gros der Zuschauer einen Abspann normalerweise nur absitzt, wenn es erwartet, mit einem letzten Aha-Moment belohnt zu werden...
Natürlich, es gibt Opfer (zum Teil auch unerwartete), reichlich Genugtuung durch Vergeltung (nicht nur in der Endschlacht) und jede Menge Rührseligkeit, in der man sich baden kann, bis man vom Zorn über die Ungerechtigkeit der Welt reingewaschen ist. Die Russos setzen darauf, dass man inzwischen eine feste emotionale Bindung zu den Figuren aufgebaut hat, was insofern eine riskante Annahme darstellt, als dass es sich hier überwiegend um Superhelden mit übernatürlichen Fähigkeiten handelt, also nicht gerade um Menschen wie dich und mich. Trotzdem ist der Einstieg brillant gewählt: Wie der für lange Zeit aus dem Spiel genommene Hawkeye still und heimlich mit den Auswirkungen eines Krieges konfrontiert wird, an dem er nicht aktiv teilnahm, könnte man kaum besser inszenieren, zumal dazu kein pompöser Score eingespielt wird, sondern einfach nur das Rieseln im Wind nachwirken muss. Wenn der beachtliche Geräuschpegel eines voll besetzten Kinosaals plötzlich verstummt, muss so ein Einstieg irgendwas richtig gemacht haben.
Auch wenn eine inhaltliche Steigerung der 2018er-Ereignisse nie im Bereich des Möglichen war, so greifen die Regie-Brüder zumindest im logistischen Sinne dankbar auf die Ruinen des Infinity-Krieges zurück. Mit nur halb so vielen Kostümierten lässt es sich eben doppelt so souverän jonglieren – das sollte man wenigstens meinen. Da nun die überschüssige Luft aus dem Ballon gelassen wurde, nimmt das Drehbuch allerdings eine merkwürdig lineare Form an. Ein Charakter nach dem anderen wird solo abgehandelt, als stünde die Gruppe vor applaudierendem Publikum und holte jeden Akteur einzeln auf die Bühne, um Danke zu sagen. Die Gruppendynamiken, von denen der Vorgänger lebte, werden auf diese Weise zu einem monotonen Staffellauf ausgerollt. Nicht, dass dabei nicht manch starker Moment entstünde: Neben der bereits genannten Einführung Hawkeyes bleibt man zum Beispiel auch von der Rückkehr Ant-Mans aus der Quantendimension nicht ganz unberührt. Captain America wird am Ende eine wunderbare Verabschiedung zuteil. Und selbst Thor, der aufgrund seiner verlotterten Erscheinung gerne hämisch mit dem „Big Lebowski“ verglichen wird, entzieht seinem Comic Relief einen sehr menschlichen Kern, zumal das maßlose Schlemmen und Trinken mit Bezug auf die nordische Mythologie nicht ohne Bedacht gewählt ist.
Als jedoch das Selbstmitleid nicht versiegen möchte, droht man schon bald im salzigen Meer der Tränen zu ertrinken. Eine kleine Schar Aufständischer versucht sich zwar noch gegen die Resignation zu wehren, doch erschreckend lange dominieren hängende Köpfe in trister Umgebung das Gesamtbild und sorgen für Stagnation. Die daraus entstehende Action-Armut wird ob der Overkills der bisherigen Avengers-Streifen sogar gefeiert; dabei geht es ja nicht um die Abwesenheit von Action, sondern darum, was man mit dem freigeschaufelten Platz anstellt. Seltsamerweise scheint sich das Drehbuch im ersten Akt aber gar nicht für inhaltliche Lösungsansätze zu interessieren. Sobald die Fortschritte dann irgendwann unabdingbar werden, handelt es diese einfach lieblos im Off ab, obwohl sie die Möglichkeit geboten hätten, etwas Schwung in die Handlung zu bringen - so etwa, wenn sich Stark nach einem Gespräch mit Captain America „einen Ruck“ gibt und quasi über Nacht mal eben die Zeitreisen neu erfindet. Noch eine kleine Comedy-Einlage mit dem Ameisenmann als Testobjekt und hopps, ist die Überleitung in den Mittelteil auch schon geschafft.
Der wiederum öffnet dann endlich mal ein paar Fässer. Nicht nur lässt er sich auf Zeitreiseparadoxien ein, wissend, dass die Ritter der Logik jede Ungereimtheit gegen den Film richten werden, nein, er wagt es sogar, dem cineastischen Konsens aus 1001 Sichtungen „Zurück in die Zukunft“ und „Terminator“ zu widersprechen. Die zwangsläufig daraus folgenden Plotholes sind für das Gelingen des Unternehmens zu vernachlässigen, hat dieses doch keine wasserdichte Theorie zum Ziel. Es geht eher darum, zehn Jahre Marvel mit kleinen Flashbacks noch einmal Revue passieren zu lassen. Keine dumme Idee, gerade wenn man bedenkt, wie souverän die Russos bisher mit der Überlagerung von Handlungsebenen jonglierten. Da überrascht es doch sehr, dass die Rückkehr zu einstmals besuchten Schauplätzen so ohne jede Raffinesse vonstatten geht. Die Begegnungen mit alten Bekannten und früheren Ichs verläuft im Grunde nach einem ähnlich linearen Kausalprinzip wie der gesamte erste Akt. Der augenzwinkernd ausgespielte Wissensvorteil der Zeitreisenden gegenüber ihren Vergangenheitsversionen reicht nicht aus, um das inzwischen längst verworrene Garn in einen Schlüssel zu formen, mit dem endlich eine Tür zu etwas Neuem geöffnet werden könnte. Und auch John Slatterys Gastauftritt, so rührend er für einen der Avengers ausfallen mag, folgt doch sehr auffällig dem Klischee des Treffens zweier Menschen, von denen nur einer über die gemeinsame Verbindung Bescheid weiß und der andere trotzdem die ganze Zeit mit einem gefühlten Augenzwinkern seine Dialoge führt.
Man sollte nun meinen, dass wenigstens der Schlusskampf die Kohlen aus dem Feuer holt, aber die Glut ist längst verraucht. Zum Teil liegt das sogar an so etwas Banalem wie der unausgegorenen Action-Inszenierung: Über 350 Millionen Dollar Budget scheinen nicht genug, um einen angemessenen Anteil in eine gute Planung und Konzeption einer Schlacht zu investieren. Wieder öffnen sich Dimensionstore und Kämpfer schwärmen hindurch, um gegeneinander anzutreten, jedoch ohne Blick für die Glaubwürdigkeit bei der Bewegungsphysik oder für die Greifbarkeit der Umgebung, die nur noch irgendeinen dunklen Krater in einer zerstörten Welt abbildet. Animierte Figuren wie Thanos oder Hulk (letzterer diesmal in seiner 1991 etablierten Das-Beste-aus-beiden-Welten-Ausgabe, womit der grüne Wüterich weiterhin einen Beweis seiner Power schuldig bleibt) haben an Realismus nicht gewonnen, sondern sogar verloren und auch viele andere werden von ihren voll animierten Kostümen regelrecht verschluckt. Doch selbst, wenn all diese Dinge besser gelungen wären, es würde nichts daran ändern, dass hier ein gewaltiger Antiklimax zum tragen kommt, mit dem der bislang größte Höhepunkt der von Marvel erschaffenen Welt im Grunde wieder revidiert wird – notgedrungen, wenn es wie gewohnt weitergehen soll.
Immerhin bleibt trotz allem ein Funken Düsternis bestehen. All die Schwächen des finalen Akts ändern nichts daran, dass Marvel ein bedeutsamer Abschluss gelungen ist, der zu guter Letzt mit einem packenden Endspurt über die Ziellinie läuft (womit natürlich in erster Linie „Infinity War“ gemeint ist) und parallel dazu auch noch auf ausgefuchste Weise mit den auslaufenden Verträgen der Darsteller umzugehen weiß (so viel zu „Endgame“). Und jetzt, zwischen den Trümmern unter dem verdunkelten Himmel, taucht eine Spinne auf und baut sich ein kleines Netz. Gar kein Zweifel: Die von Marvel wissen ganz genau, wie man so einen Neuanfang angeht.