*** SPOILERWARNUNG ***
Zweiter Teil des großen Finales. „Endgame“ stellt eine Zäsur im MCU dar, führt diverse Handlungsfragmente und Figuren aus den letzten Jahren zusammen und beendet eine Saga. Gleichsam schließt er an „Infinity War“ (2018) an und führt dessen Geschichte fort. Oder besser: revidiert sie in nicht geringem Umfang.
Unvermittelt beginnt es, wieder inszeniert von Anthony und Joe Russo, mit Hawkeye, der nun auch mit dem von Thanos ausgelösten Ereignis konfrontiert wird. Nach einer Hauruckaktion ist der Titan vorerst Geschichte und man nimmt sich Zeit für die Aufarbeitung der Ereignisse. Fünf Jahre später sieht man die einstige Heldentruppe, soweit noch vorhanden, wie sie mit dem Trauma umgeht. Mancher leitet eine Selbsthilfegruppe, ein anderer hat unter seinen angefressenen Kilos resigniert. Das zu zeigen ist notwendig, jedoch fokussiert man sich wie im Vorgänger wieder nur auf die bekannten Figuren und nie auf die ebenfalls betroffene Welt oder gar das ebenso betroffene Universum. Das MCU scheut den Konflikt, das Ausspielen der Konsequenz, das wird in „Endgame“ noch öfters deutlich.
Trotzdem bleibt das Hadern der Figuren ein gewichtiger Aspekt im ersten Drittel der Geschichte, bevor man sich an eine mögliche Lösung macht. Wobei Lösung bei Marvel heißt, dass man versucht, so viel wie möglich rückgängig zu machen. Hierzu bedient man sich dem Thema Zeitreisen. Dem Genre nicht fremd, wirkt es trotzdem etwas einfallslos.
Gleiches gilt für das Auftauchen von Danvers. Die Erklärung, wo sie denn gesteckt hat, ist geradezu platt und man schmeißt sie auch gleich wieder aus dem Film. Erst zum Showdown greift sie wieder ein und man braucht sich nicht lange fragen, woran das liegt. Der Film wäre sonst zwei Stunden kürzer, hätte sie an der Hauptmission der Avengers teilgenommen, die das von ihr erwähnte Eingreifen im Rest des Universums überflüssig gemacht hätte. Es ist eine teils furchtbare Schreibe, die dieses Konstrukt auf die gewollten Bahnen zwingt, sodass man hier mehr als ein Auge zudrücken muss.
Natürlich sind auch alle anderen Figuren dabei, eine Aufzählung erübrigt sich. Die Hauptfiguren bekommen alle massig Screentime, die zweite und dritte Garde wird mal ins Bild gehalten, aus der Rolle fällt aber niemand. Allerdings wirkt Thor mitunter nur noch wie ein Witz. Und Stan Lee verbreitet posthum eine Friedensbotschaft im Vorbeifahren.
In die Zeitreisethematik implementiert man die Zutaten eines Heist-Movies (inklusive „wir holen das Team wieder zusammen“) und so geht es durch die eigene Filmgeschichte zu bekannten Schauplätzen und Ereignissen auf der Suche nach den Infinity-Steinen.
Die alten Zeiten werden allerdings auch um die ein oder andere Szene ergänzt und es ergibt sich somit auch manch neuer Handlungsstrang. Das sorgt durchaus für gelungene Szenen mitsamt Anspielung auf eine Sequenz im Aufzug aus „Captain America: The Winter Soldier“ (2014). Eine Hommage an sich selbst, macht aber Spaß. Weniger funktioniert da die Wiederholung um den Seelenstein auf Vormir, die auf mehreren Ebenen nicht gut funktioniert.
Man könnte meinen, dass man sich nach einer Sichtung aller MCU-Filme an diesen glatten, digitalen Look, bei dem man alle Nase lang Leute vor einem Bluescreen herumlaufen sieht, gewöhnt hat. Ist bei mir nicht so, weswegen auch hier die artifiziell wirkende Optik immer wieder die Immersion verscheucht. Hinzu kommt, dass nicht nur manche Anzüge animiert sind (sichtlich), ich komme auch nicht über diese oder die Masken aus dem Nichts hinweg. Das nutzt man zwar schon länger, trotzdem wirkt es immer wieder aus kreativer Sicht zu bequem.
Ansonsten bekommt man den erwartbaren Budenzauber, natürlich insbesondere im Finale. Welches allerdings mit zwanzig Minuten kürzer ausfällt, als erwartet. Spätestens hier zeigt sich, trotz Unterhaltungswert, ein Problem der Marvel-Filme anhand der vorhergehenden Szene: Die Freude über das Zurückholen der verlorenen Mitmenschen währt nur kurz, schon wird das Hauptquartier der Avengers in Schutt und Asche gelegt, was ebenfalls nur wenige Sekunden dauert. Und ein paar Sekunden später weiß man, dass es alle überlebt haben. So erzeugt man kaum Fallhöhen, man hat es zu eilig, spielt keinen dramatischen Moment wirklich aus.
Und überhaupt: Das Ersetzen oder Zurückbringen der Figuren negiert den einschneidenden Effekt aus „Infinity War“ und enttarnt letztlich das rein geschäftsmäßige Denken des MCU. Es muss ja weitergehen. Klar, nicht jede Figur schafft es bis zum Abspann, aber am Ende hat man so viel wiederhergestellt, dass viel Vorangegangenes nicht mehr wirklich weh tut. Und das ist am Ende vor allem eins: mutlos.
Ja, man kann in der Tat viel meckern über "Endgame", gerade wenn man das dramatische Ende von "Infinity War" schätzt. Trotzdem gibt es auch Gelungenes.
Wenn am Ende alles, was das MCU zu bieten hat, die Bühne betritt und Cap endlich mal die zwei ersehnten Worte sagen darf, ist das durchaus ein Gänsehautmoment. Die kurze Umarmung von Stark und Parker, der Abschluss von Cap und das schweigsame Hinnehmen des Schicksals durch Thanos sind gelungene Szenen. Letzterer ist in Gestalt von Josh Brolin sowieso ein großer Gewinn für die beiden Filme. In seinen ruhigen, aber entschlossenen Szenen versprüht er ein Charisma, mit dem nicht alle menschlichen Figuren mithalten können.
In seiner Gesamtheit bietet man schon großformatige Unterhaltung, es treten hier einfach nur zu viele Ärgernisse zutage, die aber auch schon in vielen vorherigen Filmen stecken.
Es gibt sie also, die gelungenen Momente in "Endgame", dem großen Finale nach über zehn Jahren. Insgesamt unterliegt er "Infinity War" allerdings in allen Belangen und ist ein okayer, aber nicht großartiger Abschluss.
Und so man auch einiges kritisieren kann an dem Franchise mit seiner mal mehr, mal weniger gelungenen Fabrikation von Superheldenkrawall, nicht frei von Redundanz, so kann man diesem Konstrukt ob seiner Planung und Ausführung auch einen gewissen Respekt entgegenbringen.
Das Ende von „Endgame“ stellt eine spürbare Zäsur dar. Eine jahrelang aufgebaute Reise hat ihr Ende gefunden, die nächsten Abenteuer sind jedoch schon gefertigt oder stehen an. Wohin die Formel noch führt, wird sich zeigen.