"Genre Made in Germany - Ein hoffnungsloser Fall?"
Selbst schuld. Ständig wird hierzulande lamentiert, der deutsche Film habe außer seichten Komödien und derben Späßen nichts zu bieten. Ein vernünftiges, v.a. qualitativ internationalen Standards stand haltendes Genrekino gäbe es nicht. Wie so häufig handelt sich dabei um eine Scheindebatte, wobei Schein hier insbesondere Scheinheiligkeit meint. Man nehme nur den durch seine Winnetou-Persiflage zum neuen Comedy-King der Kinomassen empor gestiegenen Michael Bully Herbig. Mit dem DDR-Fluchtdrama „Ballon" legte er vor wenigen Monaten einen superben Historien-Thriller hin, der es in jeder Hinsicht mit der US-amerikanischen Genrekonkurrenz aufnehmen konnte. Ergebnis? Herbig verpasste mit seinem 7. Langfilm zum ersten Mal die Besuchermillion und konnte sich nur dank zahlreicher Schulsondervorstellungen wenigstens noch dieser Schallmauer annähern und so immerhin einen Achtungserfolg verbuchen. Zum Vergleich: Den müden Aufguss respektive Abklatsch seines einst progressiven TV-Formats „Die Bullyparade" wollten kurz davor immerhin noch knapp 2 Millionen Filmliebhaber sehen.
Ganz ähnlich liegt der Fall bei Elyas M'Barek. Auch er wurde durch einen Comedy-Monsterhit zum Liebling der (juvenilen) deutschen Kinomassen. Seitdem lockt er als unorthodoxer Gigolo mit gebremsten Anti-PC-Humor regelmäßig ein Millionenpublikum in die Lichtspielhäuser. Selbst der ungelenk zusammen geschusterte zweite Ableger seiner derben Pennäler-Klamotte „Fack Ju Göhte" mobilisierte noch bärenstarke 6 Millionen. Dass er mehr will und vor allem kann als den aufschneidenden Aufreißer, konnte man schon 2014 bewundern. Im grimmigen Hacker-Thriller „Who am I" glänzte er als ambivalenter Internet-Guru. Äquivalent zu Herbigs „Ballon" sorgten die landesweit stattfindenden Schulkinowochen noch für ein Ergebnis, das die düsteren Prognosen nach der lauen Startwoche etwas nach oben korrigierte. Die Million wurde aber auch hier verpasst.
Vor diesem düsteren Hintergrund kann man nur den Hut vor den wenigen standhaften und motivierten Filmemachern ziehen, die weiterhin gewillt sind hochwertiges Genrekino Made in Germany auf die Leinwände zu bringen. Der neueste Fall ist ein tatsächlicher, soll heißen ein juristischer, wenn auch fiktiver. Ausgedacht hat sich diesen Ferdinand von Schirach und daraus 2011 einen Bestseller gestrickt. Das literarische Publikum scheint weniger borniert und verhilft auch deutschen Genre-Autoren zu Höchstauflagen. „Der Fall Collini" hatte also durchaus einen Startvorteil und mit M`Barek den aktuell beliebtesten deutschen Filmstar an Bord.
Entgegen seinem üblichen Rollenklischee mimt dieser den jungen Rechtsanwalt Caspar Leinen als ernsthaften, motivierten und ehrgeizigen Berufsanfänger, der an seinem ersten großen Fall zu scheitern droht. Als Pflichtverteidiger bestellt, sieht er sich mit einem scheinbar glasklaren Fall konfrontiert, bei dem es nichts zu gewinnen, aber einiges zu verlieren gibt. Der Italiener Fabrizio Collini hat den erfolgreichen Großindustriellen Jean-Baptiste Meyer in seiner Hotelsuite kaltblütig erschossen und sich daraufhin der Polizei gestellt. Seitdem schweigt er beharrlich zu allen Fragen und auch Leinen kommt nicht an ihn heran. Letzterer ist zudem in einem nicht unerheblichen Gewissenskonflikt, da der Ermordete lange Jahre sein Ziehvater war und ihm erst das Jurastudium ermöglicht hatte. In der Vorverhandlung trifft er dann auch noch auf seine Ex-Geliebte Johanna, Enkelin Meyers und Erbin seiner Firma. Auf der Suche nach Collinis Motiv wächst sich dieses Dilemma zu einer existentiellen Belastungsprobe nicht nur für Leinen aus ...
„Der Fall Collini" ist ein lupenreiner Genrefilm. Ein fokussierter, spannender Gerichts-Thriller, der seine Figuren klug und besonnen in Stellung bringt, um sie dann in der packenderen zweiten Filmhälfte aufeinander los zu lassen. M´Barek macht dabei eine ausgezeichnete Figur und spielt den jungen Strafverteidiger sehr glaubwürdig als naiv-forschen Idealisten, dessen Gerechtigkeitssinn noch nicht von dem berufstypischen Zynismus korrumpiert worden ist. Immerhin muss er gegen Heiner Lauterbach bestehen, der sich immer mehr zum Charakterprofi mausert. Als aalglatter und erfolgsverwöhnter Staranwalt Richard Mattinger tappt er nicht in die drohende Klischeefalle und liefert eine schillernde, weil vielschichtige Vorstellung. Schließlich ist auch „Django" Franco Nero ein Glücksfall für den Film, denn für den Angeklagten Collini braucht es zuvorderst Charisma, schließlich spricht der mutmaßliche Mörder kaum ein Wort und scheint zudem ein dunkles Geheimnis zu hüten. Alexandra Maria Lara fällt gegenüber diesem Trio da leider relativ deutlich ab und macht recht wenig aus ihrer zumindest von der Anlage her interessanten Figur. Das Skript weiß allerdings auch nicht allzu viel mit ihr anzufangen und so dient sie lediglich zur weiteren Zuspitzung des Dramas.
Ein paar Freiheiten hat man sich gegenüber der Romanvorlage dann schon heraus genommen, hier und da verdichtet und/oder dazu erfunden. Aber das ist völlig legitim und beim großen Vorbild nicht anders. Man denke nur an die verwandten John Grisham-Stoffe und da vor allem an „Die Firma". Tom Cruise und Justizthriller sind ohnehin gute Stichworte, denn „Der Fall Collini" hat ähnliche Qualitäten wie „Eine Frage der Ehre". Der Fall scheinbar klar, das junge Anwaltsteam lediglich Mittel zu Zweck und auf der Gegenseite ein dunkles Geheimnis, das es um jeden Preis zu bewahren gilt. Selbst der finale Showdown zwischen Nicholson und Cruise findet hier sein Äquivalent in einer ähnlich angelegten Szene zwischen Lauterbach und M´Bareck, wenn er auch nicht ganz Intensität und Wucht des US-Films erreicht. Dennoch, Marco Kreuzpaintners Roman-Adaption kann durchaus mit den großen Hollywood-Konkurrenten mithalten. Inszenierung, Kameraarbeit und Ausstattung genügen allesamt internationalen Ansprüchen und zeugen vom großen Potential des deutschen Genrefilms.
Leider, man musste es natürlich befürchten, sprechen die Besucherzahlen für die Startwoche mal wieder eine sehr ernüchternde Sprache. Etwa ein Zwanzigstel der Zuschauer von „Fack Ju Göhte 3" hat sich in die Kinos verirrt, Besuchermillion praktisch schon ausgeschlossen. Das schöne Wetter ist in Deutschland fraglos ein Kinokiller wie sonst fast nirgends, aber mal ehrlich, wird das demnächst auch „Avengers: Endgame" zu spüren bekommen? Mit Sicherheit nicht, denn das Problem liegt viel tiefer. Aus heimischer Produktion zieht nur Klamauk, ein veritabler Treppenwitz bei einer nicht gerade für ihren Humor berühmten Nation. Und Schulvorstellungen können diesen Umstand bestenfalls notdürftig kaschieren.
Gleichwohl liebe Filmemacher aus deutschen Landen, lasst auch nicht entmutigen und gebt nicht auf. So lange ihr so engagiert, versiert und selbstbewusst im großen Genre-Konzert mitmischt, ist der Ruf des deutschen Films noch nicht verloren. Ihr habt Darsteller, Regisseure, Autoren und Kameraleute, die weit mehr können, als schale Witze im Neu-Ufa-Stil unters Volk zu werfen. Wer´s nicht glaubt, aktuell läuft „Der Fall Collini", garantiert auch in einem Lichtspielhaus ganz in der Nähe.