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Staffel 1

Schuldgefühle bestimmen das Leben des dänischen Elitesoldaten CC (Dar Salim), seitdem er von einem Irak-Einsatz zurückgekehrt ist: sein bester Freund war dort bei einem Einsatz, den er befehligt hatte, ums Leben gekommen. Seitdem ist nichts mehr so, wie es einmal war, und obgleich ihm auch dessen Witwe Louise (Danica Curcic) nicht die Schuld gibt, bleibt CC niedergeschlagen: als ihn bei der offiziellen militärischen Trauerzeremonie in Kopenhagen der 6-jährige Sohn des Verstorbenen kindlich-naiv fragt, ob er am Tod seines Papas schuld sei, nickt er nur traurig...
Dann jedoch ergibt sich für CC eine Möglichkeit, aus diesem Dilemma herauszukommen: die Polizistin Louise ist nämlich beim Drogendezernat beschäftigt und ermittelt - bisher erfolglos - gegen die einheimische Bikergang Wolves. Da derzeit eine neue Gruppierung aus dem arabischen Raum beim Drogenverkauf mitmischen will, droht ein Bandenkrieg in der dänischen Hauptstadt. Händeringend wird nach einem verläßlichen V-Mann gesucht, und Louise kann ihren Vorgesetzten überzeugen, daß der beste Freund ihres verstorbenen Mannes für diesen gefährlichen Job genau der Richtige wäre. CC selbst, an Wiedergutmachung interessiert, sagt Louise sofort zu, noch bevor diese ihm die genauen Umstände erklärt hat. Ausgestattet mit einer weitgehend der Wahrheit entsprechenden Legende, nämlich ein ehemaliger Frontkämpfer zu sein, verschafft sich CC somit Zutritt bei den Bikern. Mit einem fingierten Überfall, bei dem er einem Gang-Mitglied zur rechten Zeit aus der Patsche hilft, gelingt es ihm recht schnell, in die Kreise der Rocker um Bandenchef Tom (Lars Ranthe) zu gelangen...

Während einem der Plot der recht einfallslos mit Kriger betitelten dänischen Serie schon reichlich bekannt vorkommen dürfte, ist es eher Hauptdarsteller Dar Salim, der die Aufmerksamkeit des geneigten Scandinavian-Noir-Interessenten auf sich zieht: der irakisch-dänische Schauspieler, deutschsprachigen Zusehern u.a. aus einigen Gastauftritten im ARD-Tatort bekannt, darf hier wieder in eine Paraderolle als schweigsamer, gebrochener Held schlüpfen. Der bärtige Glatzkopf mit dem leicht melancholischen Gesichtsausdruck führt sich auch überzeugend als verdeckter Ermittler ein, doch leider geht der prinzipiell interessanten Grundidee nach gutem Beginn recht schnell die Luft aus - zu unrealistisch sind die Begleitumstände seiner Tätigkeit, zu schnell, ja viel zu schnell gelingt es CC, das Vertrauen des anfangs charismatisch auftretenden, später eher wie eine Karikatur wirkenden Gangleaders Tom zu gewinnen.

Obwohl man Regisseur Christoffer Boe für seine tadellos abgefilmte Undercover-Story, die er in nur 6 Teilen zu je etwa 45 Minuten erzählt (statt sie, wie so oft bei Netflix-Produktionen, auf 8 bis 12 Teile aufzublasen), handwerklich keinerlei Vorwürfe machen kann, verläuft der Aufstieg des neuen Gang-Mitglieds CC einfach viel zu glatt. Gleichwohl einige dem gesichtsnarbigen Chef nahestehende Mitglieder sich ausdrücklich nicht damit einverstanden zeigen, daß dem "Neuen" soviel Vertrauen entgegengebracht wird, erhält dieser recht bald seine Clubjacke und wird später sogar zum "Kriegsminister" befördert. Dazu kommt der kaum realistische Umstand, daß CC zwar als Spitzel arbeiten darf (von Louises Chef abgesegnet, der ihn nicht einmal persönlich kennt), jedoch nicht als polizeilicher Mitarbeiter geführt wird und auch keinen Lohn für seine Tätigkeit erhält. Folgerichtig läßt jener Dezernatsleiter CC dann auch wie eine heiße Kartoffel fallen, als er eine entsprechende Anweisung des Polizeipräsidenten erhält - Louise dagegen gibt diese Nachricht nicht weiter, sondern läßt den Spitzel, mit dem sie auch kurz in der Kiste landet, einfach weiterarbeiten - ohne jegliche dienstrechtliche Konsequenzen. Solch merkwürdig ungeordnete Verhältnisse gibt es vermutlich bei keiner europäischen Polizei, und bei der dänischen wohl schon gar nicht.

In den letzten beiden Episoden bleiben dann die Hauptdarsteller erstaunlicherweise weitgehend unter sich: nachdem der konkurrierende Drogenboss mir nichts, dir nichts terminiert wurde (wo blieben dessen "Soldaten"?) und auch Wolves-Anführer Tom all seiner Leute verlustig ging (hopsgenommen bei einer Razzia), geht es diesem offenbar nur noch darum, einen letzten Deal einzufädeln, zu dem ihn selbstverständlich das letztverbliebene Gangmitglied CC begleiten darf. Zu diesem Zeitpunkt ist die ganze Chose dann aber schon ins Unrealistische abgeglitten, ein finaler Logikfehler (als Louise ihren als Faustpfand in Toms Auto eingesperrten kleinen Sohn befreit, ihn in ihr kaum zwei Ecken weiter parkendes eigenes Auto sperrt, um danach mutterseelenallein und ohne jegliche Deckung in unmittelbarer Nähe nach Tom zu suchen - boing!) fällt daher schon gar nicht mehr auf, und der obligatorische Showdown verläuft dann auch entsprechend unspektakulär und beinahe emotionslos.

Fazit: zwar grundsätzlich solide inszeniert läßt die dänische Produktion Kriger nach gutem Beginn stark nach, flüchtet sich in altbekannte Klischees (stereotype Rocker, stereotype Polizeichefs etc.) und versandet schließlich in einem mittels kurzer Kriegsrückblenden aus dem Irak überdramatisierten persönlichen Drama, das den geneigten Zuseher jedoch kaum mehr berührt. Trotz ansprechender darstellerischer Leistungen (besonders von Danica Curcic als Louise) ist die Serie aufgrund des hanebüchenen Drehbuchs insgesamt eine Enttäuschung. Schade, da wäre mehr drin gewesen: 5 Punkte.

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