Review

Die Grundidee für „Ken Park“ stammt von „Kids“-Autor Harmony Korine, der sein Drehbuch schon vor Jahren an Larry Clark abtrat, welcher es etwas veränderte und erst 2002 verfilmte. Im Gegensatz zu seinem Debüt-Meisterwerk ist der Inszenierungsstil diesmal nicht so unterkühlt und lässt Raum für zärtliche Emotionen.

Die meisten Zuschauer haben leider nicht verstanden worauf Larry Clark hinaus will: Gerade die Beobachtung totaler Banalitäten oder die Banalisierung alltäglicher Grausamkeiten lässt „Ken Park“ so intensiv wirken. Clark lässt alles vor der Kamera passieren, ohne die Kamera an unbequemen Stellen wegzudrehen. Ähnlich wie in seinem fotografischen Werk oder auch in „Kids“ wirkt der Film so schmerzlich weil er einfach ungestellt und authentisch rüber kommt.

Clark zeigt eine entartete Gesellschaft und blickt hinter die Fassaden amerikanischer Vorstädte, wie immer maßt er sich aber nie an Problemlösungen oder psychologische Analysen zu liefern. Ein Meisterwerk ist ihm gelungen weil er die konträre Gedanken- und Gefühlswelt amerikanischer Teenager treffend portraitiert und niemals mit plumpen Klischees aufwartet.

Sämtliche Charaktere sind wieder mal perfekt entworfen und wirken weder überzeichnet noch konventionell. Wie aus dem Leben gegriffen, realistisch und konsequent ist die Darstellung ihrer Charakterzüge, dabei kommt es nicht selten zu Widersprüchlichkeiten und schockierenden Details. Ein gutes Beispiel ist die berüchtigte Masturbationsszene, in der die Kamera bis zum Schluss voll draufhält und somit in die Psyche der Protagonisten sieht. Nackt und entblößt verstecken die Darsteller nichts und meistern ihre Aufgabe professionell und ohne Scham. Die einzige bekannte Darstellerin ist wohl Amanda Plummer, die aber nur in einer Nebenrolle zu sehen ist.

Im Gegensatz zu „Kids“ ist „Ken Park“ wesentlich narrativer konzipiert und kann durch den hervorragenden inhaltlichen Aufbau begeistern. Der krasse Anfang bietet eine verstörend realistische Selbstmordszene, gefolgt von einer episodenhaft aufgebauten Story um den Freundeskreis von Ken Park, dem Selbstmörder. Dessen Vergangenheit wird nur angeschnitten, genauso wie die Motive für seine Selbsttötung.

Generationskonflikte sind ein großes Thema des Films, Clark schildert deutlich die unterschiedlichen und schlichtweg unvereinbaren Differenzen zwischen Eltern und Kindern und stellt ein weitgehend negatives Verhältnis dar. Provokativ und voyeuristisch ist „Ken Park“ auf jeden Fall, der Einsatz von Hardcore-Szenen verdeutlicht diesen Eindruck noch. Sie sind aber gleichzeitig ein gut gewähltes Stilmittel und stören niemals das Erzähltempo.

Den Soundtrack wählte Larry Clark wieder einmal sehr treffend aus, schon der erste Song der zu hören ist (von den Bouncing Souls) ist nicht nur eine stilistisch perfekte Wahl sondern wirkt auch inhaltlich wie für den Film geschrieben. Allgemein wirkt der Soundtrack nie aufdringlich, stets einfühlsam und immer authentisch.

Vor allem die lange Liebes-Szene zum Schluss mit einigen HC-Einstellungen wirkt filmisch ausgereift und sehr erwachsen. Emotional geht die Sequenz unter die Haut, garniert mit wundervollen Dialogen, die viele philosophische und soziologische Ansätze beinhalten und doch total authentisch wirken.

Die Person Ken Park tritt nur im Prolog und Monolog auf und ähnlich wie Casper in „Kids“ gibt es zum Schluss ein nüchternes, in den Raum geworfenes Fazit, welches keine Moral von der Geschichte liefert sondern schlicht und einfach die Ratlosigkeit und Unsicherheit der von Clark dargestellten Jugend dem Zuschauer drastisch vor Augen führt und ihm noch lange nach dem Abspann Stoff zum nachdenken bietet. Vorausgesetzt man lässt sich auf den Film ein und verteufelt ihn nicht aufgrund haltloser Vorurteile.

Fazit: Nach „Kids“ Clarks zweites Meisterwerk, ein Muss für jeden Cineasten. Ein unvergleichlich wertvoller Beitrag zum Thema Generationsportrait und Gesellschaftskritik.

9,5 / 10

Details
Ähnliche Filme