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Dem deutlich zu wenig Aufmerksamkeit geschenkten Independent-Hit „Little Odessa“ gebührt eigentlich ein sehr hoher Platz in der Hall of Fame aller Großstadtthriller. Dabei kann der Film vor allem durch glänzende Darstellerleistungen, geniale Stadtbilder, stimmige Soundkulisse und beinharte, schonungslose Dramatik überzeugen.

Joshua Shapira (kalt: Tim Roth), aus einer jüdisch-russischen Familie aus Brooklyn stammend, ist von Beruf Killer. Ein Auftrag zieht ihn wider Willen zu seinen Wurzeln nach Brighton Beach zurück, an einen Ort, an dem er sich eigentlich nicht mehr blicken lassen kann. Sein kleinerer Bruder Reuben (große Leistung: Edward Furlong) bekommt mit, dass Joshua wieder da ist und trifft sich mit ihm. Dabei erfährt der Killer, dass seine Mutter (Vanessa Redgrave) todkrank ist und im Sterben liegt. An seinem verhassten Vater (Maximilian Schell) vorbei besucht er seine Mutter, während er mit seinen Komplizen den mörderischen Job plant. Gleichzeitig bekommt er mit, dass sein Vater fremdgeht und Reuben schlägt, und so kommt es zum folgenschweren Disput...

Little Odessa ist kein üblicher Mafiathriller, wie man sie aus New York gewohnt ist. Die Handlung bleibt eher im kleineren – im dem Fall – Familienkreis anstatt sich auf ganze Bandenkriege oder Politgeschäfte auszudehnen. Doch gerade dieser Aspekt ist die große Stärke des Films, da er deswegen nicht weniger dramatisch ist als die ganz Großen dieses Genres. Das bittere, winterkalte Setting gibt keinem der Protagonisten eine Chance auf ein gutes Ende, und die Schauspieler verstehen es exzellent, dieses Gefühl auch glaubwürdig zu vermitteln. Der kleine Bruder verehrt den gefürchteten Älteren, der ein tödliches Handwerk ausübt, während der Vater, der die Situation mit der kranken Frau längst nicht mehr unter Kontrolle hat und fremd geht, den älteren Sohn bis aufs Blut hasst und auch den jüngeren dafür bestraft, dass er mit dem älteren zusammen sein möchte. Dem Gesamtbild zum Trotz sind die Konflikte sehr hitzig und die wenigen Gewaltszenen ziemlich brutal und schonungslos. Der Soundtrack wird durch Chöre bestimmt und versinnbildlicht die stille Dramatik des Films ungemein, gerade zum Ende hin, welches schlimmer nicht hätte ausfallen können, schlägt das Ganze dem Zuschauer doch arg auf den Magen. Atmosphäre und Großstadtzauber werden auch hier groß geschrieben und vieles erinnert an Meisterwerke aus ähnlicher Zeit, wie beispielsweise an Phil Joanus „State of Grace“ oder an die Meisterwerke eines Michael Manns.

Insgesamt wieder einer dieser absoluter Geheimtipps im Mafia- und Killergenre, überzeugend gespielt und atmosphärisch hoch gelungen. Klarer Fall für die Höchstnote – unbedingt mal einen Blick riskieren, gerade wenn man sich für dieses Genre schnell begeistern kann.

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